„Wir leben im Ausnahmezustand”
Parisa Fathi stammt aus Iran und ist Augenärztin in Bremen. Gemeinsam mit anderen Medizinern versucht sie, den Menschen in ihrer Heimat zu helfen.
Sie sind Ärztinnen, Psychologen und Apothekerinnen in Deutschland und stammen aus Iran: Etwa 40 Exil-Iranerinnen und -Iraner haben sich 2022 in Deutschland in dem Verein ParsiMed zusammengeschlossen. Ihr Ziel: den von der Unterdrückung durch die Mullahs betroffenen Menschen in ihrem Heimatland zu helfen.
Eine von ihnen ist Parisa Fathi. Die 58-Jährige lebt seit 1988 in Deutschland, sie ist Augenärztin in Bremen. Die aktuelle Lage in Iran bereitet ihr schlaflose Nächte, nicht nur wegen der Sorge um ihre Freunde und Verwandten. Fathi versucht mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern, den durch die gewalttätigen Angriffe des Regimes verletzten Menschen aus der Ferne zu helfen. Und zwar neben ihrer regulären Arbeit – eine enorme Belastung.
Die Augenärztin sagt, seit Beginn der jüngsten Proteste hätten verletzte Menschen die Gruppe per Facetime kontaktiert. Das Ärzte-Team von ParsiMed gibt den Betroffenen konkrete Tipps, was zu tun ist. „Wir schauen uns die Verletzungen per Video-Call an und sagen, ob jemand direkt ins Krankenhaus muss oder ob die Verletzungen auch so behandelbar sind.“
Situation der Hilflosigkeit
Doch inzwischen funktioniert Facetime nicht mehr. „Seit der kompletten Internetsperre im Iran haben wir keinen direkten Kontakt mehr“, sagt Fathi. Für die Engagierten bei ParsiMed ist das eine schreckliche Situation der Hilflosigkeit. Nur vereinzelt kämen noch Informationen an. „Die bekommen wir von Menschen, die ausgereist sind. Oder es sind mal irgendwie E-Mails rausgekommen von Kolleginnen und Kollegen, die uns über die katastrophale Lage in den Krankenhäusern berichten – zum Beispiel, dass alle Blutreserven aufgebraucht sind.“
Dass es derzeit so extrem und so brutal ist, erschreckt uns selbst.
Viel tun können die Helferinnen und Helfer von ParsiMed derzeit nicht. Sie seien von Menschen in Iran um einen Aufruf gebeten worden, alle Ärztinnen und Ärzte in Iran mögen in die Kliniken kommen – die Mediziner im Dienst seien am Ende ihrer Kräfte. Es sei auch um neue Blutreserven gebeten worden. Doch „durch die abgeschottete Kommunikation ist es sehr schwierig, überhaupt noch zu helfen“, sagt die Augenärztin. „Dass es derzeit so extrem und so brutal ist, erschreckt uns selbst.“
Der Verein ParsiMed wurde 2022 während der damaligen Proteste der iranischen Bevölkerung gegen das Regime gegründet. Auch in Deutschland demonstrierten viele Menschen iranischer Herkunft. „Wir leben seitdem im Ausnahmezustand, unsere Arbeit hat nicht aufgehört“, sagt Fathi. Bei den Protesten in Iran sei damals vor allem jungen Menschen aus kürzester Entfernung in die Augen geschossen worden, es habe Giftgasanschläge gegeben. „Ich habe entsetzliche Augenverletzungen gesehen“, erzählt Fathi.
Wenn man ein friedliches Europa haben möchte, muss man sich für das Thema interessieren.
Neben der Behandlung aus der Ferne startete der Verein auch Informationskampagnen in Iran. Er sammelt Spenden für Operationen und beschafft Medikamente. Außerdem haben die in ganz Deutschland tätigen Vereinsmitglieder ein Netzwerk aufgebaut. Ende Januar 2025 waren Vertreterinnen und Vertreter von ParsiMed im Bundestag, um im Gesundheitsausschuss über die Lage in Iran zu berichten. Auch jetzt versuchen sie, ihre Kontakte in die deutsche Politik zu nutzen.
„Unser allerallererster Wunsch an die deutsche Politik ist, mit der bisherigen Iranpolitik aufzuhören. Mit diesen Terroristen kann man nicht verhandeln“, sagt Fathi. Nach Auffassung der Exil-Iranerinnen und -Iraner gehöre die sogenannte Revolutionsgarde schon längst auf die EU-Terrorliste. Ihr Appell an die Deutschen: „Es ist naiv zu glauben, dass der Iran weit weg ist. Das Thema geht jeden einzelnen etwas an.“ Mit Hilfe Irans seien Terrororganisationen entstanden, die auch in Europa Anschläge verübten. „Wenn man ein friedliches Europa haben möchte, muss man sich für das Thema interessieren.“