Bedrohung eint Polen und Deutsche

Das Deutsch-Polnische Barometer zeigt ungeahnte Übereinstimmungen in der öffentlichen Meinung beider Länder.

Antikriegsprotest auf der Brücke zwischen Zgorzelec und Görlitz
Antikriegsprotest auf der Brücke zwischen Zgorzelec und Görlitz picture alliance / Geisler-Fotopress

Deutsche und Polen sind sich in der Beurteilung des Kriegs in der Ukraine so einig wie bei noch keinem anderen Thema zuvor. Das betrifft die Übereinstimmung der öffentlichen Meinungen beider Länder bei der Aufnahme Geflüchteter, Waffenlieferungen an die Ukraine und auch Sanktionen gegen Russland. Alle drei Themen stehen Deutsche und Polen befürwortend gegenüber. Dies geht aus einer Sonderveröffentlichung des „Deutsch-Polnischen Barometers“ hervor. „Die deutschen und polnischen Reaktionen auf die russische Aggression sind durch eine nie dagewesene Übereinstimmung der öffentlichen Meinungen beider Länder gekennzeichnet, was vor allem einem Sinneswandel auf deutscher und nicht so sehr auf polnischer Seite geschuldet ist“, sagen die deutschen und polnischen Verfasser der aktuellen Studie. Sie wurde Mitte Februar, kurz vor dem russischen Überfall auf die Ukraine beendet und Anfang März wurden Nachfragen gestellt.

„Der grundlegende deutsche Politikwechsel bringt Warschau und Berlin näher zusammen“, heißt es im Barometer. Dort werden seit Jahren die deutsch-polnischen Meinungsverschiedenheiten in der Einschätzung Russlands dokumentiert. Selbst nach dem russischen Angriff auf Georgien 2008 und der völkerrechtswidrigen Besetzung der ukrainischen Krim durch Russland blieben diese Differenzen bestehen. Das habe sich nun grundlegend geändert, schreiben die Verfasser der aktuellen Studie.

Deutsche und Polen fühlen sich gleichermaßen bedroht

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine fühlen sich 74 Prozent der Deutschen militärisch bedroht, in Polen sind es 79 Prozent. Das Barometer zeigt, dass in Deutschland und in Polen Russland eindeutig als Verursacher dieser Bedrohung identifiziert wird. Putins Krieg habe die polnische Bevölkerung in einzigartiger und unerwarteter Weise geeint, heißt es in der Studie, denn alle Umfragen bisher zeigten, dass die polnische Gesellschaft in den meisten politischen und gesellschaftlichen Fragen tief polarisiert sei.

In Deutschland dagegen wird an den politischen Rändern auf der Rechten und auf der Linken von relativ großen Gruppen eine deutliche geringere Bedrohung durch Russland empfunden. Hier „gibt es einen Konsens der großen Mitte des politischen Spektrums, dem sich Teile der Wähler von AfD und Linke verschließen. Die Wählerschaften dieser beiden Parteien sind in ihren Meinungen deutlich gespalten“, heißt es im Barometer.

In beiden Ländern ist eine Mehrheit, 58 Prozent in Polen und 55 Prozent in Deutschland, der Meinung, dass die massive Erhöhung der deutschen Verteidigungsausgaben auch die Sicherheit Polens erhöhen wird, ergab die Umfrage.

Auch das Misstrauen gegen Russland als Wirtschaftspartner, insbesondere als Energielieferant, ist laut Umfrage deutlich gestiegen. In Deutschland sind 67 Prozent und in Polen rund 90 Prozent der Befragten der Ansicht, man müsse von russischen Energielieferungen unabhängig werden.

Deutsche und Polen werden seit 22 Jahren für das Barometer befragt

Das bilaterale Deutsch-Polnische Barometer gibt es 2022 seit 22 Jahren, wenngleich die polnisch-deutschen Wahrnehmungsstudien zunächst unter anderem Titel veröffentlicht wurden. Agnieszka Łada-Konefał und Jacek Kucharczyk hatten auch bei dieser Sonderausgabe die Federführung. Die Politikwissenschaftlerin und der Soziologe arbeiten schon lange zusammen. Łada-Konefał ist seit fast drei Jahren stellvertretende Direktorin des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Zuvor leitete sie viele Jahre das Europa-Programm des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten in Warschau, eine der renommiertesten polnischen Denkfabriken, deren Präsident Kucharczyk ist.

Wer sich für den Stand und die Perspektiven der deutsch-polnischen Beziehungen interessiert, landet unweigerlich beim Barometer, an dem auch die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und die Deutsch-Polnische Wissenschaftsstiftung beteiligt sind. Łada-Konefał und Kucharczyk selbst formulierten es vor einigen Jahren im Gespräch mit deutschland.de so: „Trotz wechselnder thematischer Schwerpunkte gab es von Beginn an ein Set wiederkehrender Fragen, so dass wir mittlerweile die einzigartige Möglichkeit haben, die Dynamik des Meinungsbildes in Bezug auf das jeweilige Nachbarland detailliert nachvollziehen zu können.“

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