„Wirklich etwas erreichen“

Die deutsche Polizistin Antje Pittelkau leitet die EU-Mission in Niger.

Wichtige Aufgabe: Antje Pittelkau leitet die EU-Mission in Niger.
Wichtige Aufgabe: Antje Pittelkau leitet die EU-Mission in Niger. dpa

Oft sitze ich in großen Meetings und merke erst am Ende, dass ich die einzige Frau bin.“ Für Antje Pittelkau ist diese Erfahrung nicht neu – vielmehr sei sie zur Gewohnheit geworden, sagt die Polizistin, die Mitte Januar 2021 als erste Deutsche die Leitung einer internationalen Polizeimission übernommen hat. „Mein gesamtes berufliches Leben war ich eben eher in männerdominierten Bereichen tätig.“ Hans-Georg Engelke, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, nannte die Entscheidung für Antje Pittelkau als Leiterin der internationalen Polizeimission der Europäischen Union (EU) in Niger einen „überfälligen Schritt – ein Signal für Deutschland und die EU.“ Denn in leitenden Positionen der internationalen Polizeimissionen sind Frauen bisher selten eingesetzt. Von den wenigen Frauen in der EU-Mission in Niger bekomme sie viel Zuspruch, erzählt Antje Pittelkau am Telefon. Kürzlich habe ihr sogar jemand in einem Brief geschildert, wie sehr sie als Vorbild gelte. Sie selbst stelle sich die Gender-Frage dagegen nur selten.

Ich hatte das Glück, dass ich 2004 nach Afghanistan durfte.

Antje Pittelkau, Leiterin der EU-Polizeimission in Niger

Dass Pittelkau nun in der nigrischen Hauptstadt Niamey ein „mittelgroßes Unternehmen“ führt, wie sie ihre alltägliche Arbeit an der Spitze der EUCAP Sahel Niger vergleichend beschreibt, geht letztlich auf eine entscheidende Wende vor fast 20 Jahren zurück. „Ich hatte das Glück, dass ich 2004 nach Afghanistan durfte“, erzählt die 53-Jährige über ihren Lebensweg. Das Bundesinnenministerium hatte sie gefragt, ob sie in der dortigen Hauptstadt Kabul einen afghanischen General beraten wolle. Pittelkau sagte zu, fühlte sich „ausgesprochen wohl“ und blieb statt des zunächst geplanten einen Jahres letztlich vier. Danach „war mein Fernweh geweckt“, sagt sie. Seitdem ist sie vor allem international tätig.

Polizistin im internationalen Einsatz

Im März 2018 zog Pittelkau nach Niamey und wurde stellvertretende Leiterin von EUCAP Sahel Niger. Für einen Umzug in den Sahel ist das nicht gerade der ideale Zeitpunkt, zwischen März und Mai können die Temperaturen über 40 Grad Celsius steigen. Abgesehen davon fühlt sich Pittelkau aber inzwischen in Niamey „so richtig angekommen“. Eine latente Bedrohung empfindet sie in der Hauptstadt nicht, obwohl sich die Sicherheitslage in Niger und den anderen Sahelstaaten in den vergangenen Monaten drastisch verschlechtert hat. Die Bevölkerung leidet vor allem unter Angriffen von islamistischen Terrorgruppen aus den Nachbarländern Burkina Faso, Mali und Nigeria. In diesen Ländern verschärft sich die humanitäre Lage schneller als in jeder anderen Krise weltweit. Schon jetzt haben 900.000 Menschen aus benachbarten Krisenstaaten in den drei Ländern Zuflucht gesucht, gleichzeitig suchen dort zudem fast zwei Millionen Binnenvertriebene eine halbwegs sichere Bleibe.

Training für nigrische Sicherheitskräfte

Mit Anfang 2021 knapp 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus 16 Mitgliedsstaaten unterstützt die Europäische Union die nigrische Regierung dabei, ihre Sicherheitskräfte aufzubauen und zu stärken. Die Zusammenarbeit der europäischen Nationen empfindet Pittelkau dabei als geradezu vorbildlich, im Gespräch benutzt sie immer wieder den Begriff der „europäischen Familie“.

Ihren nigrischen Partnerinnen und Partnern bieten die Europäer Training und Beratung an, die konkreten Inhalte orientieren sich am jeweiligen Bedarf und den Wünschen der Nigrer. Im Zentrum stehen die Bekämpfung von Organisierter Kriminalität und islamistischem Terrorismus. Gerade im Sahel ist beides mit dem Aufbau eines effektiveren Grenzschutzes nahezu untrennbar verbunden. Bei der Kontrolle der Grenzen geht es auch um das Management der bislang oft nicht regulierten Migration.

Engagement für Menschenrechte

Seit dem Beginn der EU-Mission 2012 haben laut Pittelkau 19.000 Frauen und Männer an Trainingskursen teilgenommen. Dabei geht es häufig um Grundlagenwissen wie die Eigensicherung der Beamten, Zugriffstechniken bei Festnahmen, Fälschungsmerkmale bei Pässen und um Menschenrechte. Letztere sind ein wichtiges Thema, denn immer wieder verüben die nigrischen Sicherheitskräfte in ihrem „Kampf gegen den Terror“ ihrerseits schwere Menschenrechtsverbrechen. Nach besonders schwerwiegenden Vorwürfen sei die nigrische Regierung im Herbst 2020 auf EUCAP Sahel zugekommen und habe um weitere Trainings zu Menschenrechten gebeten, sagt Pittelkau. „Und das ist mit ein Grund, warum ich mich hier wohl fühle: Weil man das Gefühl haben kann, dass man etwas erreicht“, die nigrischen Partner wollten die Missstände wirklich verändern.

Ein weiteres wichtiges Projekt ist aus Pittelkaus Sicht der Aufbau einer mobilen Einheit der Grenzpolizei. Die neue, sehr gut ausgebildete und ausgestattete Einheit soll im Frühjahr 2021 ihr neues Hauptquartier im Grenzgebiet zu Nigeria beziehen.

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