„Wie Leuchtkäfer in der Nacht“

Venezuelas Demokratie erlebt eine dunkle Zeit. Die Journalistin Luz Mely Reyes, Trägerin des Deutsch-Französischen Menschenrechtspreises, und ihr Team halten dagegen.

Luz Mely Reyes, Leiterin des venezolanischen Online-Mediums „Efecto Cocuyo“
Luz Mely Reyes, Leiterin des venezolanischen Online-Mediums „Efecto Cocuyo“ Getty Images

Sie begann als Sportreporterin, heute ist sie eine der wichtigsten Politikjournalistinnen Venezuelas: 2015 gründete Luz Mely Reyes das unabhängige Online-Medium „Efecto Cocuyo“. Für ihr Engagement für die Pressefreiheit erhielt die ehemalige Stipendiatin der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung mehrere Preise, darunter 2018 den International Press Freedom Award und 2019 den Deutsch-Französischen Menschenrechtspreis, den im Dezember der deutsche Außenminister Heiko Maas und der französische Botschafter für Menschrechte François Croquette überreichten. Einmal im Jahr organisiert „Efecto Cocuyo“ gemeinsam mit der Deutsche Welle Akademie ein Festival in Caracas.

Frau Reyes, „Efecto Cocuyo“ – was steckt hinter dem Namen?

Als wir vor sechs Jahren anfingen, war uns klar: Wir befinden uns in einer dunklen Zeit für die Berichterstattung in Venezuela. Cocuyos sind fliegende Leuchtkäfer, die die Nächte in der Karibik manchmal richtig hell machen. Genau das wollten wir erreichen: durch Millionen kleiner Lichtpunkte eine ganze Nation erleuchten. Der „Cocuyo-Effekt“ entsteht durch die Arbeit von Journalisten, aber auch durch Bürger, die Informationen beisteuern oder lesen – und so den Journalismus unterstützen.

Sie haben einmal gesagt, der Journalismus in Venezuela sei vom Aussterben bedroht.

Es gibt praktisch keine großen Nachrichtenredaktionen mehr und die Zensur ist heftig. Mehr als 800 Journalisten sind inzwischen ausgewandert, weil sie keine Arbeit finden konnten oder weil sie oder ihre Familien verfolgt wurden. Einige durften nicht wieder nach Venezuela einreisen, anderen wurden die Pässe abgenommen. Außerdem ist die Ausbildung von Journalisten gefährdet, weil Redaktionen fehlen.

Wie frei können Journalisten sich bewegen?

Ich möchte zwei Beispiele nennen: Am 11. Februar 2020 versuchten mehrere Journalisten, über die Ankunft von Juan Guaidó in Venezuela zu berichten. Sie wurden von einem Mob umgeben, der sie bedrohte, angriff, verprügelte und einem von ihnen die Schuhe auszog. Das alles passierte vor den Augen der Polizei. Bereits im Januar verprügelten paramilitärische Gruppen mehrere Journalisten, darunter einen Korrespondenten aus Spanien. Er leidet nun unter einer Netzhautablösung. Solche Fälle sind keine Ausnahme. Immer mehr Journalisten fühlen sich gezwungen zu schweigen.

„Efecto Cocuyo“ gilt als eine der wenigen vertrauenswürdigen Stimmen im Land. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Wir sind uns der Verantwortung bewusst und arbeiten als Team, immer gemäß der journalistischen Grundprinzipien. Das bedeutet, eine rigorose Berichterstattung aufrecht zu erhalten, trotz des Drucks. Ich möchte den Journalismus so ausüben, wie ich es gelernt habe. Wir wollten nicht Teil eines Unternehmens sein, das uns zur Selbstzensur zwingt, weil die Regierung Druck ausübt. Wir haben gesagt: „Lasst uns einen Schritt nach vorne machen.“ Wir haben „Efecto Cocuyo“ zu sechst begonnen, heute sind wir mehr als 20, mit Spezialisten für Faktencheck und Investigativrecherche.

Wir sind Journalisten und können niemandem einen Blankoscheck ausfüllen.

Luz Mely Reyes, Leiterin des venezolanischen Online-Mediums „Efecto Cocuyo“

Wie wichtig ist in diesem politischen Kontext der unabhängige Journalismus?

In Venezuela passieren Dinge, die man im Fernsehen dort niemals sehen wird. Aber die unabhängigen Medien berichten darüber. Eine besonders ausgeklügelte Form der Zensur, die die Regierung heute ausübt, sind Cyber-Angriffe. Sie blockieren das Web, so dass unabhängige Webseiten vom staatlichen Dienstleister CANTV aus nicht mehr zugänglich sind. Aber viele derer, die trotzdem Zugang zu digitalen Medien haben, geben die Informationen an andere weiter.

2019 gab es Korruption in den Reihen der Opposition von Juan Guaidó. Wollen Ihre Leser davon überhaupt erfahren – oder erwarten sie nur Recherchen, die die Regierung von Nicolás Maduro betreffen?

Ich glaube, es gibt Leser, die nur Informationen von einer Seite erwarten. Aber wir sind Journalisten und können niemandem einen Blankoscheck ausstellen. Unser Standpunkt ist klar: Wir arbeiten in einem Umfeld, in dem es keine Demokratie gibt. Wenn nun eine Recherche etwas aufdeckt, das die Kräfte betrifft, die sich für die Wiederherstellung der Demokratie im Land einsetzen, ist auch das Teil unserer Arbeit.

Auf dem Festival leben wir die Freiheit, nach der wir uns so sehr sehnen.

Die venezolanische Journalistin Luz Mely Reyes über das „Festival Cocuyo“

Wie wichtig sind Netzwerke mit Journalisten aus anderen Ländern?

Es ist wichtig zu wissen, dass man nicht allein ist. Zu wissen, dass es ein Netzwerk gibt, das dir helfen kann, wenn du es brauchst. Und es ist wichtig, die Bedeutung einer unabhängigen Presse als Grundpfeiler einer Demokratie immer präsent zu haben. Es gibt Länder, die noch kompliziertere und schmerzhaftere Situationen, noch mehr Ungerechtigkeit erleben als wir. Es geht darum, Aggressionsmuster zu erkennen und das Recht auf freie Meinungsäußerung zu verteidigen.

Was ist die Idee des „Festival Cocuyo“?

Für venezolanische Journalisten wird es immer schwieriger, an internationalen Veranstaltungen teilzunehmen. Wir bringen deshalb einige interessante Menschen nach Venezuela, die großartige Projekte in Lateinamerika verfolgen. Aber wir zeigen auch, welche Initiativen es in Venezuela gibt. Dabei wurden wir von der Deutschen Welle Akademie unterstützt. Die Idee des Festivals ist es, sich auszutauschen, sich fortzubilden, von unserer Arbeit zu berichten und von anderen zu lernen. Auf dem Festival leben wir die Freiheit, nach der wir uns so sehr sehnen und die wir anstreben.

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