„Träume teilbar machen“

Düzen Tekkal ermutigt junge Menschen in Deutschland, ihren Weg zu gehen – und setzt sich international für die Menschenrechte ein.

Die Journalistin und Aktivistin Düzen Tekkal
Die Journalistin und Aktivistin Düzen Tekkal Richard Pflaume

Frau Tekkal, Sie engagieren sich für Frauen und andere gefährdete Menschen in Afghanistan. Wie helfen Sie genau und was gab den Anstoß?

Die Bilder aus Afghanistan haben bei mir ein Déjà-vu ausgelöst – es war ähnlich wie 2014 angesichts der Verzweiflung der Jesidinnen und Jesiden in Irak. Ich habe gleich eine große Empathie für die Menschen in Afghanistan gespürt. Durch HÁWAR.help – die Organisation, die meine Geschwister und ich 2015 nach dem Völkermord an unserer jesidischen Religionsgemeinschaft gegründet haben – hatten wir die Strukturen, die Agilität, die Stimme und die Kompetenz, schnell etwas zu tun. Also haben wir einen Aufruf gestartet und innerhalb von knapp zwei Wochen 160.000 Euro Spenden gesammelt, vor allem für die humanitäre Soforthilfe. Und wir unterstützen die Menschen im Land weiterhin, gemeinsam mit afghanischen Partnerorganisationen und einzelnen Aktivistinnen.

HÁWAR.help arbeitet als zivilgesellschaftliche Organisation auch mit der Bundesregierung zusammen. Wie sehen Sie die Rolle von Politik in Situationen wie damals in Irak?

Wenn Menschenrechtsverbrechen begangen werden, müssen wir zu Hilfe eilen. Da war Deutschland meiner Meinung nach nicht schnell genug. Wir haben deshalb unseren Film „HÁWAR – Meine Reise in den Genozid“ in den Bundestag gebracht – und der Hilferuf kam an. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat uns unterstützt und wir haben Sonderkontingente zur Aufnahme von Jesidinnen und Jesiden erreicht. Eine der Frauen, die damals in Deutschland Schutz fanden, war die spätere Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad. Inzwischen geht es auch um die Aufarbeitung der Verbrechen und da zeigt Deutschland sich von seiner besten Seite: Im weltweit ersten Prozess dieser Art wurde 2020 in Frankfurt ein Iraker wegen des Völkermords an den Jesidinnen und Jesiden angeklagt.

Wir wollen junge Menschen ermutigen, ihren 'German Dream' zu leben.

Düzen Tekkal, Journalistin und Aktivistin

Sie engagieren sich nicht nur international, sondern auch in Deutschland, etwa mit Ihrer Bildungsinitiative „German Dream“. Worum geht es dabei?

Wir wollen junge Menschen ermutigen, ihren „German Dream“ zu leben, so wie ich meinen lebe. Für mich besteht er darin, beides miteinander zu verbinden: die Kultur, aus der ich komme, und Deutschland, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das ich liebe. Ich versuche, diesen Traum teilbar zu machen, weil noch immer viele junge Menschen ähnliche Herausforderungen haben wie ich in meiner Jugend, in der ich meinen Wunsch nach Freiheit oft gegen den Widerstand meiner Eltern durchsetzen musste. Das Deutschland, das ich damals etwa in Person engagierter Lehrerinnen und Lehrer erleben durfte, hat mir in unserem Narrativ immer gefehlt: Wer erzählt von diesem Deutschland der Chancen? 2019 habe ich beschlossen, es selbst zu tun, und „German Dream“ gegründet

 


Düzen Tekkal, geboren 1978 in Hannover als Tochter einer kurdisch-jesidischen Familie, ist Fernsehjournalistin und Filmemacherin und hat vielfach aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet. 2014 erlebte sie im Nordirak mit, wie die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) Tausende Jesidinnen und Jesiden ermordete und entführte.


 

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