Die Mission der Plastic Pirates

Ein europäisches Citizen Science Projekt lässt Kinder und Jugendliche zu Forschenden werden. Ihr Ziel: weniger Plastikmüll in Flüssen und Meeren.

Teilnehmer der Aktion „Plastic Pirates“
Teilnehmer der Aktion „Plastic Pirates“ BMBF/Gesine Born

Im Büro des Meeresbiologen Dennis Brennecke stapelten sich im Frühjahr Pakete, die an Piraten in ganz Europa gehen sollen. Ein paar Dutzend davon schickte die Kieler Forschungswerkstatt jede Woche raus. Brennecke zeigt, was in ihnen steckt: eine Bedienungsanleitung und ein weißes Netz, das die Piraten zu Wasser lassen sollen – an Bächen und Flüssen in ganz Deutschland. Darin sollen sich keine Schätze verfangen, sondern Müll. Plastikmüll.

„Plastic Pirates – go Europe!“ heißt das europäische Citizen Science Projekt, das im Mai 2022 in eine neue Runde ging. Bis Ende Juni können Kinder und Jugendliche bei einer der größten Aktionen im Europäischen Jahr der Jugend 2022 mitmachen. Knapp 20.000 Kinder und Jugendliche waren allein in Deutschland bei den letzten Missionen der Plastikpiraten dabei. Sie haben Müll in Gewässern und an Ufern gesammelt, dokumentiert und katalogisiert. Dabei sind so große und vielfältige Datenmengen zusammengekommen, wie sie klassische wissenschaftliche Teams in dieser Zeit und an so vielen Standorten niemals hätten zusammentragen können.

An der Kieler Forschungswerkstatt, einer gemeinsamen Einrichtung der Christian-Albrechts-Universität Kiel und des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, haben Brennecke und seine Kollegen die Plastikpiraten zum ersten Mal 2016 ans Wasser geschickt. Mit der Zeit wurde der Ansatz weiter und internationaler. „Der Ozean beginnt hier“, lautet ein Leitmotiv der Aktion. „Plastikmüll, der sich an und in Flüssen und Bächen sammelt, findet sich irgendwann im Ozean wieder. Und je eher und besser sich erforschen lässt, was da alles auf dem Weg in die Weltmeere ist, desto besser können Wissenschaft und Politik reagieren“, sagt Brennecke.

Plastikpiraten sind in ganz Europa unterwegs

Während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2020 wurde die Kampagne bis 2021 auf die beiden weiteren Länder der damaligen Trio-Ratspräsidentschaft, Portugal und Slowenien, ausgeweitet. Im Jahr 2022 sollen weitere europäische Staaten dazustoßen. Finanziert wird das Projekt von den Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsministerien der teilnehmenden europäischen Staaten.

In jedem Land betreuen Partner-Institute – wie in Deutschland die Kieler Forschungswerkstatt – die Umsetzung: Schulklassen können genauso mitmachen wie Fußballmannschaften, Pfadfinder oder Schachclubs. Wichtig ist nur, dass sich Gruppen als Plastikpiraten registrieren. Denn: Die Aufgaben, die sie bekommen sind für einen Einzelnen zu groß und durchaus anspruchsvoll. Die Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 16 Jahren untersuchen einen zuvor ausgewählten Uferabschnitt und übernehmen dabei verschiedene Aufgaben: Während die einen das Probennetz genau eine Stunde ins Wasser halten und die Fließgeschwindigkeit des Gewässers ermitteln, sammeln und katalogisieren die anderen den Müll im Uferbereich. Wieder andere übernehmen das Reporting und führen die Ergebnisse zusammen.

1.200 Uferabschnitte wurden in Deutschland bislang untersucht. Besonders viele Plastikpiraten waren an Rhein und Weser unterwegs. Deutlich dünner ist die Datenlage noch im Osten Deutschlands. „Wir wünschen uns noch viel mehr Teilnehmer aus den neuen Bundesländern“, sagt Dennis Brennecke.

Ein Spezialnetz erfasst auch kleinste Plastikteile
Ein Spezialnetz erfasst auch kleinste Plastikteile BMBF/Gesine Born

Wissenschaftlicher Ansatz motiviert Kinder und Jugendliche

Wenn deutsche Plastikpiraten am Werk sind, landen ihre Daten und Proben bei der Kieler Forschungswerkstatt, in Slowenien ist dafür das Nationale Biologie-Institut in Ljubljana zuständig. Hier arbeiten Mateja Grego und ihr Team. Sie untersuchen die eingesandten Mikroplastik-Proben und versorgen Lehrerinnen und Lehrer oder andere Koordinatoren mit Materialien und den Netzen für die Probenentnahme.

Kommt das Projekt gut an? „Auf jeden Fall“, sagt Grego. „Gerade Schulklassen sind hier intensiv bei der Sache. Die Schüler finden es gut, dass die von ihnen erhobenen Daten wissenschaftlich ausgewertet werden. Viele veröffentlichen auch selbst ihre Ergebnisse auf Schulwebseiten. Und wir bekommen viele positive Rückmeldungen von Lehrern, die häufig sogar mehrmals mitmachen.“ Dennis Brennecke kann das bestätigen. Man habe herausgefunden, sagt er, dass das Engagement der Kinder und Jugendlichen viel höher sei, wenn ihnen klar sei, dass ihre Arbeit einem wissenschaftlichen Zweck diene.

Daten zum Plastikmüll kommen aus der ganzen Welt

Den internationalen Zusammenhang der Aktion kann jeder im Netz direkt sehen: Alle Plastikpiraten und die von ihnen untersuchten Uferabschnitte sind auf einer digitalen Weltkarte hinterlegt. So sind dem Projekt schon jetzt keine Grenzen gesetzt. Wo immer auf der Erde Gruppen mitmachen möchten, können sie das tun. Sogar Einträge aus Chile sind auf der Karte bereits verzeichnet. „Der Vorteil ist, dass wir wirklich global arbeiten können“, sagt der Meeresbiologe Brennecke. „Die Materialien liegen vor und können leicht in jede Sprache übersetzt werden. Wir können Daten aus der ganzen Welt zusammenführen.“

Die Arbeit der Plastikpiraten kann auch konkret helfen, nach Lösungen im Kampf gegen Plastikmüll zu suchen. Wie diese Hilfe aussieht, erklärt Brennecke an einem Beispiel: „Wir können untersuchen, wie sich das Aufkommen und die Struktur des Mülls in Abhängigkeit zu neuen Gesetzen verändern, etwa nach dem Verbot von Einweg-Plastik im Sommer 2021.“

Weitere Informationen über die Aktion „Plastic Pirates go Europe“ findet ihr hier

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