Made in Brazil, gewachsen in Köln
Köln entwickelt sich immer mehr zum Hub für brasilianische Unternehmen. Das liegt vielleicht auch an der gemeinsamen Liebe zum Karneval – aber nicht nur.
Es ist nur ein kurzer Fußweg vom Kölner Hauptbahnhof zu dem Ort, an dem Geschäftsideen aus Brasilien Wirklichkeit werden: Rund 600 Meter vom Bahnhof entfernt befindet sich der Co-Working-Space des Brazil Business Center Cologne (BBCC). Dort wird auch Viviane Linck übergangsweise ihren Arbeitsplatz haben: Die brasilianische Biochemikerin baut ab Oktober 2026 den ersten europäischen Standort des Medizintechnikunternehmens BhioSupply aus Rio Grande do Sul auf. Seit 1993 entwickelt und produziert es Instrumente und Komponenten für die minimalinvasive Chirurgie.
Köln liegt strategisch gut und ist unser Tor zum deutschen und europäischen Markt.
„Vor drei Jahren haben wir unsere Internationalisierung gestartet und schnell gemerkt, dass wir dafür einen Standort außerhalb Brasiliens brauchen“, so Linck, Geschäftsführerin des Anfang 2026 gegründeten Tochterunternehmens BhioSupply Europe. „Von Zeitverschiebung und langen Reisewegen abgesehen, ist für viele Kunden der persönliche Kontakt entscheidend. Köln liegt strategisch gut und ist unser Tor zum deutschen und europäischen Markt.“
BhioSupply ist nicht das einzige brasilianische Unternehmen, das sich für Köln als Europa-Standort entschieden hat. Laut der städtischen Wirtschaftsförderung KölnBusiness sind im Bundesland Nordrhein-Westfalen insgesamt derzeit rund 30 brasilianische Unternehmen angesiedelt, 20 davon in Köln. Zu ihnen gehören etwa der Haushaltswarenhersteller Tramontina oder E2PS, ein Maschinenbauunternehmen, das Anlagen für die Getränke- und Lebensmittelindustrie entwickelt und herstellt. „Köln ist wegen seiner zentralen Lage für brasilianische Unternehmen auch als Logistikstandort interessant“, sagt Ricardo Saavedra, Rechtsanwalt und Direktor des 2013 gegründeten BBCC, der selbst aus Brasilien stammt. Er bietet brasilianischen Firmen kostenpflichtige unternehmerische Beratung und weitere Unterstützung an.
Köln und Rio de Janeiro sind Städtepartner
Schon 2009 stellte Saavedra, der damals noch in einer Kanzlei mit Brasilien-Fokus arbeitete, ein wachsendes Interesse am Standort Köln fest. Durch die 2011 geschlossene Städtepartnerschaft mit Rio de Janeiro und die Gründung einer Tochtergesellschaft der Koelnmesse in São Paulo 2014 wuchs das Interesse am Wirtschaftsstandort Köln weiter. „Inzwischen ist Köln das brasilianische Zentrum Deutschlands – nicht nur aufgrund der gemeinsamen Liebe zum Karneval, sondern auch wirtschaftlich“, so Saavedra. „Hier finden Unternehmen eine große brasilianische Community und ein wirtschaftliches Ökosystem, das sie im Ansiedlungsprozess auf Portugiesisch unterstützt.“
Saavedra brachte Viviane Linck von BhioSupply mit der städtischen Wirtschaftsförderung KölnBusiness und deren Foreign Investment Advisor Amadeus van Lier zusammen. „Wir fühlten uns sofort willkommen“, erzählt Linck. „Zum einen durch die internationale und offene Atmosphäre in der Stadt, zum anderen durch die Beratung etwa zu Finanzierungsmöglichkeiten und Fördermitteln. Mein erster Eindruck war, dass diese Stadt uns wirklich unterstützen will.“
Brasilien spielt als Wirtschaftspartner im aktuellen geopolitischen Umfeld eine wichtige Rolle.
Amadeus van Lier bestätigt das. „Brasilien ist fester Bestandteil unserer Internationalisierungsstrategie und spielt als Wirtschafts- und Handelspartner im aktuellen geopolitischen Umfeld eine wichtige Rolle.“ Seit 2019 wirbt KölnBusiness aktiv im brasilianischen Markt. „Wir sind auf großen Branchenmessen präsent, pflegen den Austausch auf politischer Ebene und kooperieren mit brasilianischen KMU-Verbänden“, so van Lier.
Viviane Linck sieht gute Chance, von Köln aus ihre Produkte in deutschen Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen zu etablieren. „In Köln entwickelt sich gerade ein starkes Gesundheitsökosystem“, sagt sie. Langfristig will sie eine kleine Produktionseinheit in Deutschland errichten und in andere europäische Märkte expandieren. „Wir wollen ein deutsches Unternehmen werden. In Brasilien steht Medizintechnik aus Deutschland für Qualität und Innovation. Die Nähe zu diesem Innovationsumfeld stärkt unsere Glaubwürdigkeit.“
Innovation ist auch fester Bestandteil der Kölner Standortstrategie. „Wir nehmen verstärkt brasilianische Startups in den Blick. Seit etwa drei Jahren erhalten wir zunehmend Anfragen, kooperieren mit Innovations- und Technologiehubs und sind als einzige deutsche Stadt auf der großen Tech-Konferenz WebSummit in Rio präsent“, so Amadeus van Lier. Derzeit befinden sich 23 Startups in unterschiedlichen Phasen der Ansiedlung in Köln.
Rückenwind durch das EU-Mercosur-Abkommen
Die Kölner Wirtschaftsförderung hofft auf weiteren Rückenwind durch das vorläufig in Kraft getretene EU-Mercosur-Abkommen, das den Handel zwischen Ländern der EU und Lateinamerikas erleichtern soll. „Wir rechnen künftig mit Wachstumschancen für Unternehmen aus Brasilien“, so van Lier. „Im Vergleich zu Unternehmen aus Großbritannien oder Frankreich haben Firmen und Startups aus Brasilien in Köln zwar noch keinen wesentlichen Impact in puncto Wirtschaftswachstum – doch für uns haben sie ein großes Potenzial.“