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Was macht Deutschland für Lateinamerikas Unternehmen attraktiv?

Vor allem Firmen aus Brasilien, Mexiko und Chile investieren in Deutschland. GTAI-Experte Achim Hartig erklärt, was für den Standort spricht.

Helen SibumInterview: Helen Sibum, 02.03.2026
Zahlreiche lateinamerikanische Unternehmen investieren bereits in Deutschland.
Zahlreiche lateinamerikanische Unternehmen investieren bereits in Deutschland. © Shutterstock/fizkes

Herr Hartig, bei ausländischen Investitionen in Deutschland denkt man zunächst an die USA oder Asien. Welche Rolle spielt Lateinamerika?

Tatsächlich ist Lateinamerika im Vergleich derzeit noch nicht so stark vertreten. Allerdings gab es zuletzt eine Reihe von Direktinvestitionen aus Brasilien. Auch chilenische und mexikanische Unternehmen sind in Deutschland aktiv. Es handelt sich noch nicht um riesige Volumina, aber es gibt eine klare Entwicklung nach oben.

Portraitfoto von Achim Hartig.
Achim Hartig ist bei der GTAI verantwortlich für Investorenanwerbung. © Torsten George

Welche Branchen sind dabei besonders relevant?

Zum einen die grünen Industrien – Wasserstoff und erneuerbare Energien. Da gibt es in Lateinamerika riesige Potenziale, insbesondere in Brasilien und Chile. Wenn diese Länder nicht mehr nur Rohstoffe exportieren, sondern auch verarbeitete Produkte oder Technologie, dann werden deutsche Unternehmen als Partner interessant – und umgekehrt. Darüber hinaus gibt es die Bereiche, in denen Lateinamerika traditionell stark ist: Agrarwirtschaft und Lebensmittel. 

Wer in Deutschland Fuß fasst, dem eröffnen sich Chancen in ganz Europa.
Achim Hartig, GTAI

Was macht Deutschland für diese Unternehmen attraktiv?

In erster Linie Rechtssicherheit und Stabilität. Dazu kommt die Marktgröße – Deutschland ist der wichtigste Markt in der EU. Wer hier Fuß fasst, dem eröffnen sich Chancen in ganz Europa. Ein oft unterschätzter Faktor sind die Verbände: Die Verbandsstrukturen in Deutschland sind sehr gute Eintrittspforten in den komplexen deutschen Mittelstand. Das klingt etwas trocken, aber für ausländische Unternehmen ist das eine enorm wertvolle Infrastruktur.

GTAI: Begleiter auf neuen Wegen

Germany Trade & Invest (GTAI) bereitet Investitionen den Weg. Die Außenwirtschaftsagentur der Bundesrepublik Deutschland unterstützt die deutsche Wirtschaft, neue Märkte zu erschließen. Gleichzeitig begleitet sie ausländische Unternehmen beim Markteintritt in Deutschland. Von den rund 400 Beschäftigten arbeitet etwa ein Viertel an Standorten weltweit. www.gtai.de

Und was sind mögliche Hürden für Investoren?

Jedes Jahr kommen 1.700 ausländische Unternehmen nach Deutschland – weil die Standortvorteile überwiegen. Aber natürlich gibt es auch Nachteile, etwa die Bürokratie und die hohen Lohnkosten. Dazu kommen sprachliche Hürden. Und dann gibt es das Problem des Wachsens rechtsnationaler Parteien im demokratischen System Deutschlands. Ausländische Unternehmen fragen uns bei GTAI, ob sich ihre Mitarbeitenden in Deutschland sicher fühlen können und ob ihre Investition hier langfristig Bestand hat. Das ist ein handfestes wirtschaftliches Problem, das Politik und Gesellschaft in Deutschland angehen müssen.

Wenn das EU-Mercosur-Abkommen in Kraft tritt, wird es lateinamerikanischen Investitionen in Deutschland einen neuen Schub geben?

Es würde Handels- und Investitionsströme in beide Richtungen erheblich erleichtern. Zölle fallen weg, rechtliche Rahmenbedingungen werden harmonisiert – das senkt die Einstiegshürden deutlich. Ich bin vorsichtig optimistisch, denn die geopolitische Lage – Stichwort Diversifizierung statt Fokus auf USA und China – gibt diesem Abkommen Rückenwind.

Wie unterstützt GTAI lateinamerikanische Unternehmen, die über eine Investition in Deutschland nachdenken?

Wir sind die erste Anlaufstelle für ausländische Unternehmen, die nach Deutschland kommen wollen. Wir bieten kostenfreie Beratung: Marktanalysen, Standortvergleiche, Informationen zu Förderprogrammen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Und wir begleiten den Prozess – vom ersten Interesse bis zur Standortentscheidung. Gerade für Unternehmen aus Lateinamerika, die Deutschland vielleicht noch nicht so gut kennen, ist diese niedrigschwellige Unterstützung oft der entscheidende erste Schritt.

Diese Firmen haben bereits in Deutschland investiert

Drei Beispiele für Investitionen aus Lateinamerika in Deutschland: Die chilenische Logistikfirma Compañía Marítima Chilena (CMC) eröffnete 2025 eine Niederlassung in Hamburg. Diese Eröffnung bedeute nicht nur eine geografische Expansion, sondern auch „einen engen Kundenservice in Europa“, so Mauricio Ulloa Klug von CMC Deutschland. Die Firma Prática aus Brasilien richtete 2025 in Köln ihre Europazentrale ein. Prática stellt Heißluftöfen für die Gastronomie her. Schon länger in Deutschland vertreten ist das mexikanische Unternehmen Nemak, das Produkte aus Aluminium für die Automobilindustrie fertigt. Es unterhält vier Standorte in Deutschland.