„300 Jahre bis zur Gleichberechtigung“

Frauen und Männer werden bei der Arbeit oft ungleich behandelt. Wir haben mit einer Gleichstellungsbeauftragte darüber gesprochen.

Gabriele Wenner, Leiterin des Frankfurter Frauenreferats
Gabriele Wenner, Leiterin des Frankfurter Frauenreferats

Gabriele Wenner leitet das Frauenreferat der Stadt Frankfurt am Main, mit zwölf Mitarbeiterinnen ist es eines der größten in Deutschland. Die Erziehungswissenschaftlerin arbeitet seit 2002 in dieser Position.

Frau Wenner, seit wann gibt es Gleichstellungsbeauftragte in Deutschland und was machen sie?

Das erste Gleichstellungsbüro ist 1982 in Köln gegründet worden, um für die Gleichberechtigung von Frauen am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft zu streiten. Es gibt Gleichstellungsbeauftragte in Behörden, sozialen Einrichtungen, in Kommunen oder in größeren Unternehmen. Bei der Besetzung offener Stellen sind sie bei  Bewerbungsverfahren dabei, vor allem da, wo Frauen unterrepräsentiert sind. Je weiter man bei Führungspositionen nach oben schaut, desto weniger Frauen gibt es. Der Anteil von Frauen in Aufsichtsgremien großer öffentlicher Unternehmen in Deutschland ist in diesem Jahr zwar über 30 Prozent geklettert, aber in der Geschäftsführung und in Vorständen hat sich die Zahl der Frauen verringert. Da ist nicht einmal jeder fünfte Posten von einer Frau besetzt.

Wie sieht die rechtliche Grundlage für Ihre Arbeit aus?

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Artikel 3 steht, dass alle Menschen gleich sind und dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Und es gibt den Zusatz, dass der Staat auf die tatsächliche Umsetzung dieser Gleichheit einwirkt. Im Bundesgleichstellungsgesetz ist das Amt der Gleichstellungsbeauftragten verankert, Landesgleichstellungsgesetze beschreiben die Aufgaben. In Kommunen gibt es seit 20 Jahren Frauenförderpläne: Es wird geschaut, wo Frauen arbeiten und wo sie unterrepräsentiert sind, um sie dort besonders zu fördern und zu unterstützen. Im Frankfurter Rathaus hat das dazu geführt, dass Frauen jetzt immerhin 40 Prozent der Amtsleitungen innehaben, aber wir sind immer noch nicht bei 50 Prozent. Ausschlaggebend ist natürlich immer die Qualifikation. Niemand wird in Deutschland eingestellt aufgrund seines Geschlechts, zumindest keine Frau.

In Frankfurt bekommt ein Rentner durchschnittlich 1.000 Euro, eine Rentnerin 660 Euro.

Gabriele Wenner, Gleichstellungsbeauftragte

Welche Probleme haben berufstätige Frauen in Deutschland?

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein großes Thema, viele Frauen wollen Teilzeit arbeiten, um Kinder großzuziehen oder Angehörige zu pflegen. Da gibt es verschiedene Arbeitszeitmodelle. Doch das ist nicht der goldene Weg, denn er führt oft in Altersarmut. In Frankfurt hat ein durchschnittlicher Rentner 1.000 Euro zu Verfügung, eine Rentnerin aber nur 660. Die Kinderbetreuung ist deutlich besser geworden, viele Frauen setzen kürzer aus nach einer Geburt. Aber in der Zeit gehen andere eben einen Schritt weiter in der Karriere. Auch Frauen ohne Kinder fühlen sich oft anders bewertet als Männer: Sind sie „durchsetzungsstark“, heißt das bei Frauen oft „anstrengend“. Auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein Thema.

Was treibt Sie an in Ihrem Beruf?

Ich kann Ungerechtigkeiten nicht leiden. Als ich in den 80er-Jahren Pädagogik studiert habe, fing das langsam an mit den Gleichstellungsstellen – ein Ergebnis der zweiten Frauenbewegung. Das hat mich immer interessiert. Denn trotz aller Fortschritte in der Gleichberechtigung gab und gibt es immer noch zu viele Stereotype und Klischees. Mich hat schon als Kind geärgert, dass mein jüngerer Bruder viel mehr durfte als ich und ich, weil ich ein Mädchen war, bestimmte Dinge einfach nicht machen konnte.

Jeder sollte den Beruf ergreifen können, der ihm oder ihr Spaß macht.

Gabriele Wenner, Gleichstellungsbeauftragte

Worauf sind Sie besonders stolz?

Wir hatten hier im Frankfurter Rathaus viele Jahre lang eine Frau als Leiterin des Straßenbauamtes, sie ist seit kurzem im Ruhestand. Jeder sollte den Beruf ergreifen können, der ihr oder ihm Spaß macht.

Glauben Sie, dass Ihr Job irgendwann überflüssig wird?

Ich würde mich freuen und wir arbeiten jeden Tag darauf hin. Wenn es aber so weitergeht, braucht es noch mindestens 300 Jahre, bis wir bei wirklicher Gleichberechtigung sind.

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