Wir hätten da mal eine Frage zum Standort
Oder gleich mehrere. Fünf unterschiedliche Perspektiven auf die Chancen, die Deutschland bietet.
Wie überzeugen Sie internationale Investoren von Deutschland, Herr Blessing?
„Es gibt nicht das eine Argument, das für Deutschland spricht, sondern eine ganze Reihe von Fakten. Deutschland ist der größte Markt in Europa und die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Deutschland hat als einziges Land der G7 das AAA-Rating. Deutschland ist wegen seiner mittelständisch geprägten Unternehmensstruktur als Industriestandort sehr breit und sicher aufgestellt und gleichzeitig Heimat einer hochinnovativen Startup-Szene. Die Forschungslandschaft ist exzellent aufgestellt – vor allem auch was die angewandte und industrienahe Forschung angeht.
Deutschland ist sich der eigenen Herausforderungen bewusst und geht sie an. 500 Milliarden Euro werden seitens der Bundesregierung in die Infrastruktur und in einen Klima- und Transformationsfonds investiert. Mit der Initiative ‚Made for Germany‘ haben 133 Unternehmen angekündigt, über 800 Milliarden Euro in Deutschland investieren zu wollen.
Was bedeutet das aus Sicht ausländischer Investoren? Ein bereits jetzt spannender Markt wird sich in den nächsten Jahren deutlich weiterentwickeln und noch attraktiver werden. Unternehmen vor Ort investieren massiv, sie glauben also an den Markt und an die Gewinne, die man erzielen kann. Und genau hier kommen ausländische Investoren ins Spiel: Ihr Kapital und Engagement sind willkommen, weil der Staat allein die nötigen Investitionen nicht stemmen kann und es nun einmal Unternehmen sind, die die Wirtschaft nach vorn bringen. Die Investoren selbst, seien es Finanzinvestoren oder Unternehmen, die sich in Deutschland ansiedeln wollen, profitieren von einem spannenden und gleichzeitig sicheren und zuverlässigen Standort.“
Seit 2025 ist er Persönlicher Beauftragter des Bundeskanzlers für Investitionen, zudem leitet er den Aufsichtsrat von Germany Trade & Invest. Von 2008 bis 2016 war Blessing Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, seit 2022 ist er Verwaltungsratspräsident der größten dänischen Bank Danske Bank.
Warum haben Sie Ihr Startup in Brandenburg gegründet und nicht im Silicon Valley, Frau Madani?
„Ich habe mich weniger zwischen Brandenburg und dem Silicon Valley entschieden als vielmehr zwischen einem Ort, an dem Gründung für mich möglich ist, und einem Ort, der für Menschen mit meinem Hintergrund nicht selbstverständlich erreichbar ist. Als Iranerin waren die USA nie der einfache Weg – wegen politischer Entwicklungen und wegen Unsicherheiten rund um Visa und Perspektiven. Deutschland dagegen hat mir ermöglicht zu studieren, wissenschaftlich zu arbeiten und später ein Unternehmen aufzubauen.
Das Land Brandenburg hat uns dabei unterstützt. Förderprogramme, Hochschulen und das Umfeld aus Forschung und Startups haben geholfen, aus einer Idee ein Unternehmen zu machen. Dafür bin ich dankbar.
Gleichzeitig sehe ich Herausforderungen: In Deutschland wird Gründung oft unterstützt, aber Wachstum deutlich weniger. Wenn Unternehmen skalieren, Labore aufbauen oder international konkurrenzfähig werden wollen, entstehen Finanzierungslücken, und Prozesse dauern oft zu lange.
Trotzdem habe ich CanChip hier gegründet. Nicht weil Brandenburg perfekt ist, sondern weil ich überzeugt bin, dass Spitzeninnovation nicht nur im Silicon Valley entstehen muss. Forschung in Deutschland ist stark – jetzt müssen wir lernen, Wachstum genauso ernst zu nehmen wie Gründung.“
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Einverständniserklärung öffnenDie Molekularbiologin will mit ihrem Startup CanChip die Krebsforschung revolutionieren. Ihr Team entwickelt sogenannte Tumor-on-a-Chip-Modelle. Damit lässt sich die Wirksamkeit von Medikamenten unter Bedingungen testen, die den menschlichen Tumoren sehr nahekommen.
Warum wird die Zukunft der Welt im Münchner Umland entschieden, Herr Chahil?
„Wenn ich nach München komme, bin ich jedes Mal aufs Neue beeindruckt von der außergewöhnlichen Kombination an Qualitäten, die diese Stadt vereint. Die technische Tiefe ist beeindruckend – eine über Generationen gesteigerte Exzellenz in den Bereichen Automotive, Industrietechnologie, optische Technologien und Medizintechnik. Was mich jedoch am meisten bewegt, ist die damit einhergehende kulturelle Ernsthaftigkeit: die Musik, die Architektur, das Umweltbewusstsein, der stille Stolz auf Handwerk und Qualität.
München erinnert mich in gewisser Weise an das Silicon Valley, wie ich es Anfang der 1980er-Jahre kennengelernt habe – nicht vom Stil, aber vom Potenzial her. Die Stadt hat alles, worauf es ankommt: herausragende Bildungseinrichtungen, eine gut ausgebildete und qualifizierte Bevölkerung, die Nähe zum industriellen Herzen Europas und einen wachsenden Hunger nach mutigem Denken.
Meinen Freunden in Bayern sage ich: ‚Ihr müsst nicht San Francisco werden. Ihr müsst nur München in seiner vollen Stärke werden.‘ Deutschlands Ingenieurstradition ist hervorragend darin, Dinge besser zu machen. Der nächste Schritt ist, Dinge zu schaffen, die es noch nie gegeben hat. Ich glaube, München ist bereit für diesen Schritt – und ich empfinde es als Privileg, mitreden zu dürfen, wie er gelingen kann.“
Satjiv Chahil stammt aus Indien und kam zum Studium in die USA. Als Manager arbeitete er für Unternehmen wie IBM, Apple und Sony. Deutschland lernte er in den 1990er-Jahren als Interimsleiter von Apple Europe kennen. In der Region München sieht der Berater großes Potenzial, das neue Technologiezentrum Europas zu werden.
Was macht Düsseldorf zu Europas Asien-Hub, Frau Winkels?
„Düsseldorf zählt zu den internationalsten Wirtschaftsstandorten Deutschlands und genau das macht die Stadt für Investoren attraktiv. Die zentrale Lage in Europa, der internationale Flughafen und die starke Infrastruktur schaffen kurze Wege zu Kunden, Partnern und Märkten in der Rhein-Ruhr-Region und weit darüber hinaus.
Dynamische Zukunftsbranchen und unternehmensnahe Dienstleistungen prägen die Düsseldorfer Unternehmenslandschaft. Der vielfältige Branchenmix sorgt für wirtschaftliche Stabilität und die hohe Unternehmensdichte macht Düsseldorf attraktiv sowohl für deutsche als auch für europäische Zentralen. Internationale Unternehmen finden hier Zugang zum deutschen Markt sowie ein etabliertes internationales Netzwerk.
Düsseldorf ist ein zentraler Standort für ausländische Direktinvestitionen in Nordrhein-Westfalen und Europas Asia Hub mit etablierten Business-Communitys aus Japan, China, Indien und Korea. Die Stadt pflegt zudem starke Verbindungen in ausgewählte wirtschaftliche Schlüsselregionen, von Asien über den EMEA-Raum bis in die USA und nach Kanada.“
Sie leitet die Wirtschaftsförderung der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf. Die Stadt am Rhein hat unter anderem die drittgrößte japanische Community Europas. Mehr als 8.000 Japanerinnen und Japaner leben in Düsseldorf, rund 400 japanische Unternehmen sind in der Stadt vertreten.
Was hat Deutschland Investoren aus Korea zu bieten, Herr Kim?
„Im Jahr 2025 war Korea Deutschlands neuntgrößter Handelspartner außerhalb der EU. Für koreanische Investoren bietet Deutschland vor allem den direkten Zugang zum EU-Binnenmarkt mit über 450 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten – ein Standortvorteil, den nur wenige andere Industriestandorte bieten. Deutschland ist zudem das Tor zur EU: Im Großraum Frankfurt haben viele koreanische Unternehmen ihre Europazentralen angesiedelt, darunter Samsung Electronics, Hyundai und Kia, die seit den 1980er-Jahren in Deutschland investieren.
Seit der Coronapandemie erfreuen sich, getragen von der K-Culture, auch koreanische Konsumgüter zunehmender Beliebtheit. Allein die beiden BTS-Konzerte in München besuchten rund 140.000 Menschen. Koreanische Fußballspieler prägen zudem die Bundesliga mit und schaffen Vertrauen in koreanische Marken. In einer Welt geopolitischer Unsicherheiten wird die wirtschaftliche Zusammenarbeit immer wichtiger. Für zwei exportorientierte Industrieländer spielt das Friendshoring eine zentrale Rolle. Besonders in den Bereichen Verteidigung und Künstliche Intelligenz bietet die Zusammenarbeit großes Potenzial. Ich bin überzeugt, dass Korea und Deutschland ihre Zusammenarbeit in diesen Zukunftsbranchen weiter vertiefen werden.“
Als Regionaldirektor leitet er die Europazentrale von Kotra (Korea Trade-Investment Promotion Agency) in Frankfurt am Main. Kotra ist die koreanische Organisation zur Förderung von Investitionen und Handel.