Zum Hauptinhalt springen

Hilfe für ukrainische Kriegsopfer: Neue Beweglichkeit dank Prothesen

Sie finden neue Wege und trotzen schweren Verletzungen: Wie ein deutsches Unternehmen und seine ukrainischen Partner auf das Kriegsgrauen reagieren. 

Johannes_GöbelJohannes Göbel , 20.03.2026
Teilnehmer eines Kurses zu Unterschenkelprothesen
Im Frühjahr 2026 sind erneut Kursteilnehmer aus der Ukraine beim deutschen Prothesenhersteller Ottobock zu Gast. © Ottobock

Oleksii Borysov ist Orthopädietechniker in der Ukraine und erlebt Tag für Tag, welche schweren Verletzungen die russischen Angriffe neben den zahlreichen Todesopfern fordern. Nach Amputationen von Unter- und Oberschenkeln müssen Soldatinnen und Soldaten – und Opfer in der Zivilbevölkerung – mit Prothesen versorgt werden. Borysov arbeitet für die ukrainische Non-Profit-Organisation Superhumans und hat sich auf Unterschenkelprothesen spezialisiert. „Wenn die Menschen im Rollstuhl zu uns kommen und dann mit ihren Prothesen wieder laufen können, macht mich das glücklich“, erzählt der 27-Jährige, dem man die Anstrengungen des Lebens im Ausnahmezustand nicht anmerkt. Borysov leistet wie so viele Ukrainerinnen und Ukrainer angesichts des Kriegs Außergewöhnliches: Immer in der Gefahr, selbst Opfer russischer Angriffe zu werden, vertieft er sich in die Präzisionsarbeit an den Prothesen, deren ausgeklügeltes Zusammenspiel von Elektronik und Mechanik den Patienten neue Beweglichkeit schenkt. 

Schulungsprogramm für Orthopädietechniker 

Superhumans versorgt ukrainische Kriegsopfer mit Prothesen, plastischer Chirurgie, Rehabilitationsmaßnahmen und psychischer Unterstützung. Bei ihrer Arbeit wird die Organisation von dem deutschen Prothesenhersteller Ottobock unterstützt. Das Unternehmen hat seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 vermehrt Trainings- und Ausbildungsprogramme aufgelegt, um dem Mangel an orthopädischen Fachkräften in der Ukraine zu begegnen. „Wir haben in den vergangenen vier Jahren Trainings für mehr als 150 Orthopädietechnikerinnen und -techniker organisiert“, sagt Anatoli Tirik, der als Gebietsleiter für den Vertrieb in Osteuropa auch für die Ukraine zuständig ist. Die Schulungen fanden am Firmensitz in Duderstadt in Niedersachsen statt, aber auch bei Kunden in Rehazentren in Aserbaidschan und Georgien. „Es begann 2022 mit einer kleinen Gruppe von Schulungsteilnehmern. Nach und nach haben wir das Weiterbildungsprogramm unter dem Dach der Ottobock Global Academy ausgebaut.“

Hoher Bedarf an Beinprothesen  

Frederik Thiede ist Orthopädietechnikermeister und leitet bei der Ottobock Global Academy den Bereich Prothetik der unteren Extremität. Er sagt: „Wir bieten an der Akademie viele Kurse zur Grundausbildung von Orthopädietechnikern an, aber auch Kurse zu Spezialisierungen.“ Durch die zahlreichen Amputationen infolge von Kriegsverletzungen ist der Bedarf an Beinprothesen in der Ukraine hoch. „Wir begegnen diesem Bedarf mit intensiven Kursen von sechs bis zwölf Wochen; das war eine neue Herausforderung.“ Auch das Team der Global Academy habe viel dazugelernt: „Wir haben viel Übersetzungsarbeit ins Ukrainische geleistet und uns neue Wege der Kompetenzvermittlung erschlossen.“

Hightech-Lösungen für die Patienten 

Oleksii Borysov hatte im Februar 2024 gemeinsam mit neun weiteren ukrainischen Kursteilnehmern seinen ersten, zwölfwöchigen Trainingskurs in Duderstadt. „Der hat uns vermittelt, worauf es beim Zusammenbau der Prothesen ankommt“, erzählt er. Die Arbeit an den hochentwickelten Prothesen betrifft unterschiedlichste Aspekte: Damit sie ihren Trägern möglichst optimale Beweglichkeit geben, müssen die Prothesen unter anderem angepasst oder auch Mikroprozessor-gesteuerte Kniegelenke justiert werden. „Wir haben uns mit sämtlichen technischen und biomechanischen Komponenten der Prothesen beschäftigt“, so Borysov. Besonders wertvoll sei die Arbeit mit Patienten gewesen, die für Test- und Demonstrationszwecke am Kurs mitwirkten. „Sie gaben uns Rückmeldungen, wie wir die Prothesen an ihre Körper angepasst haben.“

Der Orthopädietechniker Oleksii Borysov bei seiner Schulung am Ottobock-Firmensitz in Duderstadt
Oleksii Borysov bei seiner Schulung am Ottobock-Firmensitz in Duderstadt © Ottobock

Das technische Know-how von Ottobock ist in vielen Konflikt- und Krisenregionen der Welt gefragt: Hilfsaktionen brachten zum Beispiel in den vergangenen Jahren Kinder aus Gaza in das angrenzende Ausland, um die Versorgung mit Prothesen in Partnerbetrieben zu sichern, oder stärkten die medizintechnische Infrastruktur im türkisch-syrischen Grenzgebiet nach der Erdbebenkatastrophe im Februar 2023. In der Ukraine wurden in Kooperation mit Hilfsorganisationen unter anderem Werkstätten in Kyjiw und Lwiw aufgebaut. Auch in Russland versorgt das Unternehmen Patienten mit Prothesen – was vereinzelt auf Kritik stieß. Ottobock betont aber die ausschließliche Verwendung in der Zivilbevölkerung.

Neue deutsch-ukrainische Freundschaften 

Mit der Ukraine unterhält Ottobock seit über 30 Jahren Geschäftsbeziehungen. An die bestehenden Kontakte konnte auch die Zusammenarbeit mit Superhumans anknüpfen, die im Oktober 2022 begann: „Vier Vertreter der Organisation haben uns damals am Firmensitz in Duderstadt besucht“, sagt Anatoli Tirik. „Sie wollten unbedingt mehr über unsere Prothesen und ihren Nutzen für Patienten erfahren, hatten aber keine Techniker mit der entsprechenden Expertise.“ In den vergangenen Jahren tauschten sich die Gäste aus der Ukraine und Tirik nicht nur über Technik aus: „Ich habe ihnen etwas von Deutschland gezeigt, zum Beispiel Nürnberg, wo ich lebe. Es sind richtige Freundschaften entstanden.“