Minus 23 Grad, kein Strom – und die Angst, vergessen zu werden
Im bisher härtesten Kriegswinter leben Hunderttausende Menschen in der Ukraine ohne Heizung, Wasser und Strom. Lisa Taschler vom DRK schildert, wo deutsche Hilfe ankommt.
Frau Taschler, gibt es in diesem Winter überhaupt noch gute Nachrichten aus Kyjiw?
Ja. Dank zahlreicher Spenden kann das Deutsche Rote Kreuz seine Hilfe in der Ukraine ausweiten. In einer ersten Lieferung bringen wir 18 Stromgeneratoren nach Kyjiw. Ich komme gerade aus einer Besprechung mit dem Ukrainischen Roten Kreuz, unserer Partnerorganisation. Bei diesem Wetter muss es schnell gehen, auf den vereisten Straßen zwischen Deutschland und der Ukraine darf nichts schiefgehen.
Wofür werden die Generatoren konkret gebraucht?
Wir setzen die Generatoren ein, um weitere Wärmestationen einzurichten. Die Angriffe der vergangenen Monate haben große Teile der Energieinfrastruktur zerstört oder beschädigt. Gleichzeitig erlebt die Ukraine den kältesten Winter seit zehn Jahren, mit Temperaturen bis zu minus 23 Grad. Viele Wohnungen kühlen auf 3 bis 5 Grad aus, Rohre platzen, Heizungen fallen aus. Um die größte Not zu lindern, hat das Ukrainische Rote Kreuz gemeinsam mit dem staatlichen Katastrophenschutz mehr als 100 Wärmestationen aufgebaut. Für viele tausend Menschen sind sie in diesem Winter überlebenswichtig. Dort können sie sich aufwärmen, etwas Heißes trinken, ihre Handys laden oder Wasser für Nachbarn mitnehmen, die selbst nicht kommen können.
Das heißt, selbst die Wärmestationen sind für manche Menschen unerreichbar?
Viele Kyjiwer leben in Hochhäusern mit 20 bis 30 Stockwerken. Seit der Strom ausfällt und damit auch die Aufzüge nicht mehr funktionieren, sitzen vor allem ältere Menschen in ihren Wohnungen fest. Auch für gehbehinderte Menschen und Familien mit kleinen Kindern ist das eine enorme Belastung. Und selbst wenn sie das Haus verlassen können: Die Straßen sind spiegelglatt, nach Einbruch der Dunkelheit ist es oft stockfinster. Viele Kyjiwer erledigen deshalb Besorgungen für Bekannte, die nicht gut zu Fuß sind, um sie davor zu schützen, hinauszugehen und sich zu verletzen.
In dieser unübersichtlichen Lage, wo setzt das Deutsche Rote Kreuz konkret an?
Das Deutsche Rote Kreuz konzentriert sich in dieser Situation vor allem auf die Gesundheitsversorgung. Mit Hilfe der Spenden konnten wir den mobilen Pflegedienst für Menschen ausbauen, die ihre Wohnungen nicht verlassen können. Die Teams bringen Decken und Essen und leisten soziale Unterstützung. Denn zur körperlichen Not kommt vielerorts eine lange anhaltende Isolation hinzu. Deshalb haben wir auch die psychosozialen Angebote für ältere Menschen, Familien und Kinder in Gemeindezentren ausgeweitet. In abgelegenen Dörfern werden die Menschen durch mobile Gesundheitsdienste versorgt, auch dabei arbeiten wir eng mit unserer ukrainischen Partnerorganisation zusammen.
Sie haben die Situation von Familien mit kleinen Kindern angesprochen. Wie überstehen sie diesen Winter?
Für kleine Kinder können Wohnungen mit Temperaturen von fünf Grad schnell lebensgefährlich werden. Manche Eltern verlegen deshalb das Kinderzimmer in den Wohnungsflur. Dort, fern von den Außenwänden, ist es nicht nur wärmer, sondern auch sicherer, wenn man es nicht mehr rechtzeitig in den Luftschutzkeller schafft. Tagsüber nehmen viele Eltern ihre Kinder mit zur Arbeit. Die meisten Schulen sind geschlossen, und weil viele Firmen über Generatoren verfügen, ist der Arbeitsplatz oft der wärmste Ort. Das nimmt den Eltern auch die quälende Sorge, bei Luftangriffen von ihren Kindern getrennt zu sein.
Wie gehen Menschen in der Ukraine mit dieser Doppelbelastung aus Krieg und Winter um?
Viele sind erschöpft und zermürbt. Der bewaffnete Konflikt prägt das Leben in der Ukraine seit Jahren, seit 2022 hat sich die Belastung noch einmal massiv verschärft. Als ich damals zum ersten Mal im Land war, rechnete niemand damit, dass dieser Konflikt so lange dauern würde. Alle hoffen auf Frieden. Doch selbst wenn die Kampfhandlungen morgen endeten, würden ihre Folgen die Gesellschaft noch viele Jahre prägen. Besonders Kinder tragen das Erlebte in sich. Sie wachsen in einem Ausnahmezustand auf, für viele ist das längst Alltag. Gleichzeitig beeindruckt mich die Solidarität. Trotz aller Not unterstützen sich die Menschen gegenseitig, kümmern sich um Nachbarn und um Kinder von Eltern, die unterwegs sind.
Spüren Sie bei Ihrer Arbeit, dass die weltweite Aufmerksamkeit für die Ukraine nachzulassen scheint?
Gerade in diesem harten Winter erleben wir weiterhin viel Solidarität und erhalten zahlreiche Spenden. Das ist wichtig und hilft konkret. Auch die Bundesregierung und die Europäische Union halten an ihrer Unterstützung fest. Gleichzeitig wächst mit jedem weiteren Monat die Sorge, dass die internationale Aufmerksamkeit nachlässt. Die humanitäre Lage bleibt dramatisch, und je länger der bewaffnete Konflikt andauert, desto größer ist die Gefahr, dass er für viele zur Gewohnheit wird.
Zur Person
Lisa Taschler (Jahrgang 1987) engagiert sich seit 15 Jahren in der humanitären Hilfe überall auf der Welt. Seit 2023 arbeitet die Österreicherin als Delegierte des Deutschen Roten Kreuzes, mit regelmäßigen Einsätzen in der Ukraine. Zuvor war sie auch schon für das Österreichische Rote Kreuz in der Ukraine.