Was es zur Erinnerung braucht

Wie bleibt der Holocaust heute noch für Jugendliche greifbar? Ein europaweites Erinnerungsprojekt hat spannende Ideen.

Hanna Sjöbergs Foto als Collage von Kerim Somun.
Hanna Sjöbergs Foto als Collage von Kerim Somun. Vajswerk

Mehr als 4.000 Kilometer fuhren die Schiffe und Züge vor 80 Jahren in Richtung Norden, von Serbien bis ins besetzte Norwegen. An Bord waren politische Gefangene, Partisanen, Widerstandskämpfer, Kommunisten. Mehr als 4.200 Häftlinge aus dem damaligen Jugoslawien wurden 1942 und 1943 in Zwangsarbeiterlager der Nationalsozialisten im norwegischen Narvik verschleppt. Mehr als die Hälfte von ihnen starb dort.

Die Dimensionen der NS-Verfolgung

Im Spätsommer 2021 sollen 24 junge Erwachsene aus Deutschland, Serbien und Norwegen gemeinsam dieselbe Strecke zurücklegen, sofern die Corona-Pandemie es zulässt. „Dadurch werden die räumlichen Dimensionen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Europa erfahrbar“, erklärt Christian Tietz vom Berliner Recherchetheater Vajswerk. Er koordiniert das Projekt „Code Viking 1942-2021“, das im Rahmen eines europaweiten Erinnerungsprogramms auf die Gräuel des Zweiten Weltkriegs aufmerksam macht. Anhand von Häftlingsbiografien drehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Code Viking kurze Filme, aus denen am Ende ein gemeinsamer Film entstehen soll. Auch das Zentrum für öffentliche Geschichte Belgrad und das Zentrum für Krieg und Frieden in Narvik sind am Projekt beteiligt.

Erinnerungsorte zu Lernorten für Jugendliche machen – das ist das Ziel des Bundesprogramms Jugend erinnert international, das von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) umgesetzt wird. „Eine wache und kritische Jugend ist essentiell für ein demokratisches Miteinander“, sagt die Vorstandsvorsitzende der EVZ, Dr. Andrea Despot: „Faktenwissen zu und Auseinandersetzung mit NS-Unrecht machen widerstandsfähiger gegen Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus.“

Internationales Kunstprojekt für das Erinnern

Gefördert werden nicht nur internationale Begegnungen junger Menschen, sondern auch der internationale Austausch zwischen Fachleuten. So sollen innovative Methoden und Formate politisch-historischer Bildung neu erdacht werden. Eine weitere Programmlinie unterstützt die Entwicklung digitaler Vermittlungsformate. Seit Ende 2020 werden durch „Jugend erinnert international“ 25 Projekte gefördert.

Nach dem Tod fast aller Zeitzeugen müssten neue Zugänge zur Vergangenheit gefunden werden, sagt der Berliner Künstler Roman Kroke, der ebenfalls an dem Programm beteiligt ist. Sein multidisziplinärer Ansatz kombiniert Kunst, Literatur und Pädagogik mit historischen Orten und Ereignissen. „Es geht um die Frage, wie eine Verbindung zwischen Geschichte und der Lebenswelt heutiger Jugendlicher entstehen kann.“

Im Projekt „Living Memorials“, an dem neben Kroke und der belarussischen Historikerin Tamara Werschitzkaja die belgische Organisation Mediel und das Haus der Wannseekonferenz in Berlin gemeinsam arbeiten, entwickeln Expertinnen und Experten ein Modellkonzept, wie Erinnerung lebendig gehalten werden kann.

In zwei Workshops im Haus der Wannseekonferenz und im Naliboki-Wald in Belarus werden sie sich zunächst mit historischen Quellen befassen, um sich dann in freier künstlerischer Arbeit mit dem Thema auseinanderzusetzen. Anhand von Metaphern wie etwa „Wurzeln“ oder „Rinde“ für Wald sollten Bilder, Texte, Installationen oder Performances entstehen, erklärt Kroke – „nicht nur am Gedenkort, sondern mit dem Ort“. Im Schutz des Naliboki-Waldes hatte die jüdische Bielski-Partisanengruppe den Zweiten Weltkrieg überlebt.

Malyi Trostenez – ein fast vergessener Ort

Ebenfalls in Belarus, in der Nähe der Hauptstadt Minsk, liegt das größte NS-Vernichtungslager im besetzten Teil der Sowjetunion: Malyi Trostenez. Mindestens 60.000 Menschen wurden zwischen Frühjahr 1942 und Herbst 1943 auf dem weitläufigen Gelände ermordet, unter ihnen mehr als 23.000 deportierte Juden aus Deutschland, Österreich und Tschechien. Dennoch ist Malyi Trostenez in Westeuropa kaum bekannt.

Die Geschichte solcher weitgehend unbekannter Vernichtungsstätten zu erzählen, gehört ebenfalls zu dem Erinnerungsprogramm. In sowjetischer Zeit wurde Malyi Trostenez unter anderem als Truppenübungsplatz genutzt, in der Umgebung wurden kleine Gedenksteine aufgestellt, auf denen der Holocaust nicht erwähnt wurde. 2009 stieß die österreichische Bürgerinitiative „IM-MER“ einen Prozess an, den Dr. Aliaksandr Dalhouski von der Geschichtswerkstatt Leonid Lewin in Minsk als „Demokratisierung der Erinnerung“ bezeichnet: Angehörige jüdischer Opfer aus Österreich und Deutschland bringen seither an Bäumen im Wald von Blagowschtschina, wo Zehntausende erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden, Tafeln mit Namen und biografischen Angaben zur Erinnerung an die Toten an.

„Individuelle Geschichten treten an die Stelle der früheren Zahlen und lassen uns die Geschichte dieses Ortes anders erleben“, sagt Dalhouski. Von den Ermordeten aus Belarus und anderen Teilen der Sowjetunion sind nur wenige Namen bekannt. Doch haben Bewohner umliegender Dörfer inzwischen auch Tafeln zur Erinnerung an ihre Angehörigen und Nachbarn aufgehängt.

Eine Erinnerungs-App für einen Lernort

Seit 2014 entsteht in Malyi Trostenez eine große offizielle Gedenkanlage, das geplante Informationszentrum wurde aber noch nicht gebaut. Rund 60 Studierende aus Minsk, Osnabrück und Wien werden nun mit Unterstützung von Fachleuten eine App entwickeln, die auch die unterschiedlichen historischen Narrative einbezieht, die sich an diesem Ort überlagern. Die Geschichtswerkstatt „Leonid Lewin“ koordiniert das Projekt „Virtueller Rundgang zur multiperspektivischen Erschließung des Gedenkortes Malyi Trostenez“ gemeinsam mit dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) in Dortmund.

„Ziel ist, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, den historischen Ort mit digitalen Angeboten selbst zu erschließen“, sagt Darija Fabijanic vom IBB. Die ersten Seminare finden im April 2021 statt. Im Oktober 2021 sollen die Studierenden sich in Malyi Trostenez treffen und gemeinsam entscheiden, welche Inhalte in die App aufgenommen werden.

„Serious Role Play November 1939“

Eine besonders emotionale Erfahrung ermöglicht ein anderes der geförderten digitalen Projekte seinen Nutzern: das „Serious Role Play November 1939“, eine Kooperation der tschechischen Organisation Živá pamět mit dem Spiele-Entwickler Charles Games in Prag. Die Spieler schlüpfen in die Rollen von Studierenden, die sich 1939 an anti-deutschen Demonstrationen im besetzten Prag beteiligten, verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert wurden. Das interaktive Spiel ist mit einem virtuellen Museum verknüpft.

Vorläufiges Bildmaterial aus „Serious Role Play November 1939“ zeigt die Beerdigung des tschechischen Studentenführers Jan Opletal.
Vorläufiges Bildmaterial aus „Serious Role Play November 1939“ zeigt die Beerdigung des tschechischen Studentenführers Jan Opletal.
Living Memory

„Während das Spiel erlebt wird, bietet das Museum sachliche Informationen“, erklärt Pavel Voves, Direktor von Živá pamět. Die Internierungszeit der Studentinnen und Studenten in Sachsenhausen ist nicht Teil des Spiels, sondern wird im Museumsbereich der App durch Fotos und Texte lebendig. Schon zum Schuljahresbeginn im Herbst 2021 soll die App spielbereit sein.

© www.deutschland.de