Humboldts Russland-Reise

Eine Künstlerin, ein Literaturwissenschaftler und ein Mineraloge blicken auf die Reise Alexander von Humboldts durch Russland.

Humboldt-Inszenierung auf der Theaterbühne in Omsk
Humboldt-Inszenierung auf der Theaterbühne in Omsk IVDK

Im Jahr 1829 reiste Alexander von Humboldt auf Einladung des Zaren Nikolaus I. durch Russland. Mehr als 18.000 Kilometer legten er und seine Begleiter zurück, von St. Petersburg bis zum Altai-Gebirge an der chinesischen Grenze. Wir haben mit einer Künstlerin, einem Literaturwissenschaftler und einem Mineralogen über die lebendigen Spuren von Humboldts Russland-Reise gesprochen.

Monika Gossmann, Schauspielerin, Autorin und Regisseurin:

„Ich habe im Sommer 2019 im Auftrag des Internationalen Verbands der deutschen Kultur in der Russischen Föderation das deutsch-russische Theaterstück ‚Was die Welt im Innersten zusammenhält‘ in Omsk auf die Bühne gebracht. Das Stück zeigt das Leben von Alexander von Humboldt, beginnend mit dem Tod des Vaters bis zu seinem Tod. Das Stück entstand aus Briefwechseln Alexanders mit seinem Bruder Wilhelm und anderen Zeitgenossen, die ich zu einem Dialog formte. Mich hat bei dieser Inszenierung vor allem Alexander von Humboldts Austausch mit Johann Wolfgang von Goethe interessiert, beide kannten sich persönlich. Mein Antrieb war herauszufinden, inwieweit Goethe seinen Protagonisten Faust an Humboldt angelehnt hat. Und ja, ich entdeckte tatsächlich Belege dafür. Zudem fand ich Humboldts Reise nach Russland sehr spannend. Dadurch erschließt sich für mich als Russlanddeutsche auch die eigene Geschichte. Zur damaligen Zeit lebten viele Deutsche in Russland, ein Zarenrussland ohne deutschen Einfluss war gar nicht denkbar. All diese Aspekte habe ich in die Inszenierung eingebunden.“

Oliver Lubrich, Literaturwissenschaftler, Herausgeber des Buches „Die Russland-Expedition“ und einer der angesehensten Kenner der Veröffentlichungen Alexander von Humboldts:

„Mich fasziniert, wie Alexander von Humboldt während seiner Russland-Reise die Idee eines menschengemachten Klimawandels entwickelte. Die Energiegewinnung im zaristischen Russland war ineffizient: Man verfeuerte großflächig Wälder, Emissionen wurden in die Luft geblasen, die Niederschlagsmenge sank, die Temperatur stieg. Humboldt schrieb noch nicht von CO2-Emissionen, aber von großen Mengen industriell verursachter Dämpfe und gashaltiger Substanzen in der Atmosphäre. Er stellte fest, dass die Konsequenzen der Entwaldung nicht nur lokal und kurzfristig, sondern großräumig und langfristig waren – und dass sie politische Ursachen hatten. Diese und viele andere Beobachtungen Humboldts finden sich in seinem Buch ‚Zentral-Asien‘ und in ‚Die Russland-Expedition‘. Auch in der Ausgabe von Humboldts ‚Sämtlichen Schriften', die zu seinem 250. Geburtstag am 14. September erscheinen, können wir feststellen: Bei Humboldt gibt es noch sehr viel zu entdecken.“

Oliver Lubrich, Professor für Germanistik und Komparatistik an der Universität Bern in der Schweiz
Oliver Lubrich, Professor für Germanistik und Komparatistik an der Universität Bern in der Schweiz
privat

Ferdinand Damaschun, Mineraloge und ehemaliger Ausstellungsleiter und stellvertretender Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin:

„Ich habe 41 Jahre im Museum für Naturkunde Berlin gearbeitet, davon lange Zeit in der mineralogischen Sammlung. Dort lagern mehr als 1100 Minerale und Gesteine, die Alexander von Humboldt vor allem von seinen Expeditionen mitbrachte. Viele davon hat er auf seiner russischen Reise zwischen April und Dezember 1829 gesammelt. Natürlich will man wissen, wo er die genau gefunden hat. So entstand die Idee, im Jahr 2019 gemeinsam mit Kollegen der TU Bergakademie Freiberg und der Staatlichen Bergbau-Universität in St. Petersburg Teile der Russland-Expedition zu wiederholen. Wir fuhren von Tjumen aus mit dem Bus durch Westsibirien bis ins Altai-Gebirge. Selbst in den kleinsten Dörfern gab es Museen mit Vitrinen oder Gedenktafeln, die bezeugen, dass Humboldt dort war. Er ist in Russland sehr präsent. Manchmal scheint es, als sei er in Russland bekannter als in Deutschland. Humboldts ganzheitliche Sicht, Natur nicht nur als Natur zu betrachten, sondern auch immer im Verhältnis zum Menschen, ist sehr beeindruckend. Damit war er seiner Zeit weit voraus.“

Ferdinand Damaschun (8. v. l.) mit der deutsch-russischen Reisegruppe in der Steinschleiferei von Kolywan im Altai
Ferdinand Damaschun (8. v. l.) mit der deutsch-russischen Reisegruppe in der Steinschleiferei von Kolywan im Altai
privat

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