Amrita Narlikar – aus Cambridge nach Hamburg

Die neue Präsidentin des GIGA German Institute of Global and Area Studies in Hamburg, Dr. Amrita Narlikar, im DE-Interview.

Charlie Gray - Amrita Narlikar

Das GIGA German Institute of Global and Area Studies in Hamburg gilt als eines der führenden Forschungsinstitute im Bereich sozialwissenschaftlicher Regionalstudien und ist 2006 aus dem Deutschen Übersee-Institut  hervorgegangen. 90 Wissenschaftler forschen dort über die Regionen Afrika, Asien, Lateinamerika und Nahost. Dabei beschäftigen sie sich vor allem mit globalen Entwicklungen wie dem Aufstieg neuer Mächte, der Entstehung gewalttätiger Konflikte, der Wirkung von Sanktionen und dem Wandel politischer Systeme. Ein Interview mit der neuen GIGA-Präsidentin, der renommierten Wissenschaftlerin Dr. Amrita Narlikar.

Frau Professor Narlikar, Sie sind seit Oktober 2014 Präsidentin des GIGA German Institute of Global and Area Studies in Hamburg. Wie war Ihr erster Kontakt zu diesem Institut? Und wie ist Ihr heutiger Eindruck?

Das GIGA ist in der wissenschaftlichen Gemeinschaft schon recht bekannt. Ich hatte über Kollegen in Oxford und Cambridge, wo ich herkomme, von dem Institut gehört und bin auch über die Arbeiten von GIGA-Kollegen im Lauf der Jahre immer wieder darauf gestoßen.

Seit ich im Oktober 2014 zum GIGA kam, sehe ich das Institut aus einem inneren Blickwinkel, das finde ich interessant. Mein Start gestaltete sich sehr intensiv, doch auch sehr erfreulich. Die GIGA-Kollegen leisten bereits exzellente Arbeit. Mit am Eindrucksvollsten am GIGA ist für mich die Fülle an empirischer und interdisziplinärer Kompetenz in Bezug auf die einzelnen Regionen. Meiner Ansicht nach ist diese Kompetenz genau das, was Theoretiker brauchen, um ihren Theorien mehr Aussagekraft zu verleihen, und was Praktiker brauchen, um Maßnahmen wirksamer umsetzen zu können. Infolge dieser besonderen Stärke, die seine Forschungsagenda definiert, hat das Institut, so denke ich, ein enormes Potenzial, sogar noch internationaler und einflussreicher zu werden.

Besonders freue ich mich über die Verbindungen vom GIGA zum Auswärtigen Amt und dem Senat der Freien und Hansestadt Hamburg. Ein Großteil der Forschungsarbeiten der GIGA-Kollegen erfolgt auf Gebieten mit direktem Realitätsbezug und ich setze mich persönlich für die Weiterführung und den Ausbau des fruchtbaren wechselseitigen Austauschs zwischen der wissenschaftlichen Arbeit des GIGA und der Welt der Politik ein.

Welche Forschungsschwerpunkte setzen Sie in Hamburg? Und was ist Ihr Ziel für das GIGA?

Lassen Sie mich Ihre erste Frage zuerst beantworten. Was unsere Forschungsschwerpunkte betrifft, liegt als nächster Schritt auf der GIGA-Forschungsagenda nahe, GIGAs analytischen Vorsprung bei empirischen und vergleichenden Studien auf nationaler und regionaler Ebene zu nutzen, indem wir diese analytische Perspektive auf eine globale Ebene ausweiten. Ein Großteil der Mainstream-Forschung ist weitgehend westlich orientiert und schenkt den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Gegebenheiten im so genannten „übrigen“ globalen System nur sehr wenig Beachtung. Das GIGA ist dank seines einzigartigen Vorsprungs auf dem Gebiet der vergleichenden Regionalstudien womöglich das einzige weltweit agierende Institut bisher, das über ein solides Fundament an empirischem Fachwissen verfügt und daher das Potenzial hat, die Vorreiterrolle zu übernehmen, um die Erforschung internationaler Beziehungen wahrhaftig global anzugehen. Mir liegt sehr daran, dass der nächste Schritt des GIGA darin besteht, die detaillierten empirischen Erkenntnisse auch anzuwenden, den Wald und nicht nur die Bäume zu sehen und aufzuzeigen, wie die Dinge sich summieren. Damit soll auf die drängenden Fragen von globaler Bedeutung eingegangen werden, zum Beispiel auf die Blockaden internationaler Handelsbeziehungen, den Klimawandel oder die vielfachen Krisen und Konflikte, die sich außerhalb internationaler Institutionen abspielen. Sollte das GIGA tatsächlich das „globale“ Element seiner Forschung ausbauen, könnte das Institut meines Erachtens dazu beitragen, hier einen gänzlich neuen wissenschaftlichen Ansatz zu entwickeln. Die politischen Implikationen eines solchen „globalen“ Ansatzes könnten potenziell ebenfalls bahnbrechend sein, nämlich gleichzeitig problemlösend, gestaltend und normbildend.

Nun zu Ihrer zweiten Frage: Was meine Zielsetzungen für das GIGA generell betrifft, möchte ich, dass das GIGA als Nächstes zu einem der weltweit führenden Institute wird, dessen Mitarbeiter zukunftsweisende Grundlagenforschung mit direktem Realitätsbezug veröffentlichen. Wie können wir dieses Ziel erreichen? Ich schlage drei umfassende Strategien vor:

Erstens, wie schon in Beantwortung Ihrer ersten Frage ausgeführt, sollte das GIGA sein reichhaltiges, detailliertes empirisches Fachwissen auf globaler Ebene anwenden. Das wäre wichtig für die Entwicklung eines neuen theoretischen Ansatzes, der umfassender ist als alles, was es bisher gab. Desgleichen sollte man durchführbare und kreative Lösungen für dringliche real existierende Probleme finden.

Zweitens könnte mit dieser „Globalisierungs“-Strategie eine Strategie der „Internationalisierung“ einhergehen. Teils bedeutet das, sich zusammen mit der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft zu engagieren, indem man Konferenzen und Workshops besucht, wie GIGA-Wissenschaftler es bereits getan haben und weiter tun. Doch Internationalisierung bedeutet nicht einfach, dass sich das GIGA hinaus in die Welt begibt, sondern auch, die Welt zum GIGA herzuholen. Wir planen bereits eine Reihe von „Big Bang“-Veranstaltungen in dieser Richtung, in Form von Konferenzen und einer Reihe mit renommierten Vortragsrednern. Wir möchten, in unterschiedlichen Formaten, einige der weltbesten und brillantesten Köpfe zu GIGA holen, um gemeinsam neue intellektuelle und praktische Agenden für die Zukunft aufzustellen.

Drittens: politisches Engagement. Ich bin der festen Überzeugung, dass die geistige Integrität und Seriosität der Forschung zwar unbedingt gewährleistet bleiben muss, dass sie jedoch durch den Austausch mit der Politik oft noch verbessert werden kann. Dieser Austausch ist sehr reizvoll und befriedigend, weil die eigenen Ideen zu einem nützlichen Beitrag für die real existierende Welt werden, und weil politische Fragen und Diskussionen mit Fachleuten wiederum in meine eigenen Forschungsfragen und -interessen einfließen. Wenn man sich auf den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis einlässt, können beide Seiten immens davon profitieren. Ich mache mich daher persönlich dafür stark, weiter mit politischen Entscheidungsträgern zusammenzuarbeiten und ermuntere und unterstütze GIGA-Mitarbeiter, einige ihrer Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung auch dem politischen Bereich zugänglich zu machen. Übrigens möchte ich darauf aufmerksam machen, dass das GIGA zur Familie der Leibniz-Institute gehört, deren Motto „Theoria cum Praxi“ lautet. Wissenschaft, wie wir sie bei GIGA betreiben, passt perfekt zu diesem Motto.

Mittels dieser Strategien wird unser GIGA-Team GIGA hoffentlich noch mehr giga machen!

Ihre letzten Stationen waren Oxford und Cambridge. Wie passt Hamburg in diese Reihe? Und was zeichnet Hamburg aus?

Der eigentliche intellektuelle Anreiz bestand für mich ursprünglich in der Forschungsagenda und dem Potenzial des GIGA. Doch bald wurde auch Hamburg selbst interessant für mich, aus zwei Gründen: Erstens ist eins meiner Forschungsgebiete der internationale Handel, so dass die Freie und Hansestadt Hamburg hier einen idealen Forschungsstandort bietet. Zweitens gibt es in Hamburg eine Vielzahl von Forschungsinstituten und Universitäten. Ich war beindruckt, als ich bei meiner Ankunft erfuhr, dass Hamburg nicht nur der Sitz von GIGA, DESY und mehreren Universitäten ist, sondern auch von zwei weiteren Leibniz-Instituten und drei Max-Planck-Instituten, um nur einige zu nennen. Ich sehe hier eine Reihe potenzieller Partner für den geistigen Austausch mit dem GIGA (dies vor allem in Anbetracht unseres eigenen Engagements in der interdisziplinären Forschung), sowohl in den diversen Universitäts-Fakultäten, als auch in den unabhängigen Forschungsinstituten. Ich habe den größten Teil meines Erwachsenenlebens in Oxbridge verbracht – zwei intellektuell sehr lebendigen Städten. Ich hoffe, dass wir uns die intellektuellen Stärken Hamburgs zunutze machen und so verdichten, dass die Stadt zu einer weltweit führenden Drehscheibe der interdisziplinären Forschung wird.

Sie stammen aus Indien und es heißt, Ihre Eltern würden mit nach Hamburg ziehen. Wie kommt das?

Meine Eltern sind alles, was ich an Familie habe, und umgekehrt, so dass sie natürlich zu mir nach Hamburg ziehen möchten. Wir möchten auch gern unseren wunderbaren, sehr gut erzogenen Hund Don (benannt nach den Oxbridge-Dons) kommen lassen. Ich sollte noch erwähnen, dass meine Familie eine langjährige geistige Beziehung nicht nur zum Vereinigten Königreich pflegt (ich bin in meiner Familie die dritte Generation, die in Oxbridge studierte), sondern auch zu Deutschland. Mein Vater ist Physiker und beschäftigt sich mit Supraleitern. Er hat im Lauf der Jahre viele Forschungskooperationen in Deutschland durchgeführt. Ich habe einige sehr glückliche Kindheitserinnerungen an Besuche mit meiner Mutter in Deutschland, als mein Vater hier als Gastwissenschaftler tätig war und wir anhaltende Freundschaften schlossen. So ist es für mich und meine Familie fast wie eine Heimkehr, wieder nach Deutschland zu kommen.

Doch ich fühle mich nicht nur wegen meiner Eltern, sondern auch wegen meiner Großeltern mit Deutschland verbunden. Meine Großmutter mütterlicherseits lehrte Sanskrit an der Universität, mein Großvater war Physiker. Beide interessierten sich stark für Linguistik und lernten sogar Deutsch, weil sie die linguistischen Zusammenhänge zwischen Sanskrit und Deutsch erforschen wollten. Ich erinnere mich, wie sie mir die grammatischen Ähnlichkeiten zwischen unseren beiden Sprachen erläuterten, und so freuen meine Eltern und ich uns sehr darauf, die familiäre Tradition des Deutschlernens fortzuführen.

Weltwirtschaftsforum vom 21. bis 24. Januar 2015 in Davos

www.giga-hamburg.de

© www.deutschland.de