„Beethoven vom Sockel holen“

Kunst in Zeiten von Corona: Der Deutsch-Amerikaner Steven Walter, neuer Intendant des Bonner Beethovenfests, über kreative Klassik.

Steven Walter: „Menschen aus der ganzen Welt zusammenbringen“
Steven Walter: „Menschen aus der ganzen Welt zusammenbringen“ dpa/Beethofenfeste Bonn

Herr Walter, die Corona-Krise hat die auf Live-Konzerte angewiesene Musikszene ins Mark getroffen. Wo sehen Sie kreative Antworten?
Zu Beginn der Krise gab es unter Künstlern einen hohen Druck, präsent zu sein, deshalb wurde vieles live gestreamt. Live Streaming scheint mir dann sinnvoll zu sein, wenn es gelingt, eine soziale Präsenz zu schaffen und Menschen aus der ganzen Welt zusammenzubringen. Am Karfreitag ist uns das zum Beispiel beim von mir mitinitiierten Podium Esslingen gelungen. Wir haben eine kammermusikalisch besetzte Produktion der Johannespassion von Bach ins Netz gestellt. Das haben gut 700.000 Menschen weltweit mitverfolgt. Beim Podium Esslingen haben wir schon lange vor Corona mit dem Thema Digitalisierung experimentiert. Wichtig ist vor allem, das Digitale als einen eigenen künstlerischen Raum zu begreifen und die vielfältigen Möglichkeiten, etwa von Virtual Reality und Künstlicher Intelligenz, zu nutzen.

Sie kommen aus einer deutsch-amerikanischen Familie und sagten in einem Interview, dass Sie stolz darauf seien, „beide Prägungen zu verbinden“. Wie äußert sich dieser Einfluss?
Meine Eltern sind Amerikaner; ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen und stark von der deutschen oder jedenfalls europäischen Kultur geprägt. Ich habe zudem vier Jahre Cello in Oslo studiert, dadurch ist auch der skandinavische Einfluss sehr groß. Musikalisch bin ich sehr vielfältig geprägt, sowohl durch die deutsche Avantgardemusik der 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahre als auch durch die amerikanische Popkultur. Die Prägung, die ich explizit amerikanisch nennen würde, ist jedoch die Auffassung, dass das Unternehmerische zur Kultur dazugehört. Ich bin sehr früh unternehmerisch tätig gewesen und habe mich getraut, viele Dinge auszuprobieren und dabei vielleicht auch mal zu scheitern. Aber ich habe einen unerschütterlichen Optimismus – auch das ist etwas Amerikanisches, glaube ich.

Als Nachfolger von Nike Wagner treten sie beim Beethovenfest Bonn in große Fußstapfen. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?
Ich bin mir bewusst, dass es ein sehr traditionsreiches Festival mit einer großen Historie ist. Beim Beethovenfest mein eigenes Konzept verwirklichen zu können, empfinde ich als große Herausforderung und Chance. Die Findungskommission hat mich nach meinen Vorstellungen gefragt und ich habe mich sehr ehrlich präsentiert, insofern fühle ich mich mandatiert, diese Ideen auch umzusetzen.

Beethoven ist ein Weltstar – das Gegenteil eines Geheimtipps. Was wollen Sie den Menschen noch Neues über Beethoven erzählen?
Beethoven wird grundsätzlich in eine überhöhte Ecke gestellt, aber ich möchte Beethoven von diesem Sockel holen, ihn neu kontextualisieren. Es geht nicht um das anekdotische Geschichtsbild und um die bekannten Klischees. Beethoven war sehr widersprüchlich und hat mitten im Leben gestanden. Mich fasziniert vor allem der junge Beethoven, der in Bonn vom Talent zum Superstar gereift ist. Ich suche den Spirit des jungen Beethoven – und danach, wo dieser Spirit heute zu finden ist.

Wie kann das Beethovenfest seine Anziehungskraft bewahren, gerade mit Blick auf junge oder klassikferne Menschen?
Besonders wichtig ist mir eine Vielfalt der Formate. Denn die eine Form, die alle erreicht, gibt es nicht mehr. Aber dafür gibt es viele Schnittstellen, an die wir anknüpfen können. Im Hinblick auf die Vermittlung zwischen Musik und Öffentlichkeit bietet Bonn ein spannendes Umfeld. Es ist einerseits eine alte Stadt, die bürgerlich-konservativ geprägt ist, mit unglaublich viel privatem Engagement. Andererseits ist Bonn eine Stadt mit vielen jungen Menschen, einer Exzellenzuniversität und einem UN-Campus. Bonn ist Forschungsstandort für Hochtechnologie; die Stadt steht außerdem für Nachhaltigkeit und Klimaschutz, etwa mit dem Klimasekretariat der Vereinten Nationen. Hier fokussieren sich die wichtigsten gesellschaftlichen und technologischen Zukunftsthemen; das ist eine wunderbare Grundlage für ein Musikfest, das sich ebenfalls der Zukunftsgestaltung verschreibt.

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