Kleine große Stadt

Lebendig, aber unaufgeregt – Bonn hat sich als internationale Stadt neu erfunden.

Michael Sondermann/Presseamt Stadt Bonn - Palais Schaumburg Bonn

Bonner sind das gewöhnt. Da gerät man im Urlaub ins Plaudern, erzählt, woher man kommt – und erntet je nach Gemütslage des Gegenübers mitleidige oder ein wenig hämische Blicke: Wie geht es der Stadt denn seit dem Umzug des Bundestags nach Berlin 1999? Vor dem geistigen Auge des Gesprächspartners, man sieht sie förmlich, entsteht eine Westernstadt, durch deren einzige Straße Sand und lose Grasbüschel wehen. Wie es halt aussieht, wenn der Treck weitergezogen ist.

„Alles Quatsch, nur Fantasie!“, möchte man dem Ahnungslosen zurufen. Denn Bonn liegt zwar unbestritten weit im Wes­ten Deutschlands, das dürfte aber auch die einzige Parallele zu einer Geisterstadt im Wilden Westen sein. 24 Jahre nach dem nach der Wiedervereinigung gefassten Beschluss, den Sitz des deutschen Parlaments nach Berlin zu verlegen, präsentiert sich die rheinische Stadt inmitten eines prosperierenden Ballungsgebiets als lebendiges und gleichzeitig unaufgeregtes Zentrum von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und internationalen Einrichtungen.

Mittendrin: der „Lange Eugen“. Das 117 Meter hohe ehemalige Abgeordnetenhochhaus am Rhein, entstanden in den 1960er-Jahren und lange Zeit Wahrzeichen des Bonner Parlamentarismus, erhielt seinen Spitznamen in ironischer Anspielung auf die eher geringe Körpergröße des einstigen Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier, in dessen Amtszeit es entstand. Nach einer umfassenden Sanierung übergab Bundeskanzlerin Angela Merkel den „Langen Eugen“ im Jahr 2006 als Zentrum des VN-Campus an den damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen (VN) Kofi Annan; bereits seit 1996 trägt Bonn den Titel VN-Stadt. Das Ziel der „United Nations University“, die in Bonn einen von weltweit vier Sitzen hat: auf wissenschaftlicher Basis Antworten auf Zukunftsfragen der Menschen finden.

18 der deutschlandweit 26 VN-Einrichtungen mit 1000 Mitarbeitern haben ihren Sitz in der 320  000 Einwohner zählenden Stadt am Rhein und sorgen für viele Konferenzen mit internationalen Gästen. Jüngste Ansiedlung ist das Sekretariat des Welt­biodiversitätsrats (IPBES), das im Juli 2014 ­eröffnet wurde. Nach dem Vorbild des Weltklimarates IPCC widmet sich der IPBES der wissenschaftlichen Politikberatung, sein Thema: biologische Vielfalt und deren Schutz. Ebenfalls von Bonn aus weltweit aktiv sind zum Beispiel das Sekre­tariat der VN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC), das der Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung und das der Konvention über wandernde Tierarten. Bonn hat sich zur internationalen Drehscheibe für die Themen Umwelt, Klima und nachhaltige Entwicklung entwickelt.

International geht es in der kleinen großen Stadt ohnehin zu: Rund 150 Nichtregierungsorganisationen (NROs) sind in Bonn ebenso heimisch wie das Bundesministe­rium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), die beide mit ihrem ersten Dienstsitz in der Bundesstadt geblieben sind. Die kurzen Wege und die entspannte Atmosphäre in Bonn genießen auch die großen deutschen Wissenschaftsorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und die Alexander von Humboldt-Stiftung.

Der Regierungsumzug hat das Profil der Stadt als Wissenschaftsstandort sogar geschärft: Bonn zählt heute allein drei Max-Planck-Institute, im Center of Advanced European Studies and Research (Caesar) erforschen internationale Teams Neurowissenschaften, Zellbiologie und Biophysics, und zu der bei ausländischen Studierenden beliebten Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität gehören das Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) ebenso wie das Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF). Das ZEF, seit 2011 Campus des Right Livelihood Colleges, hat 2014 für Aufsehen gesorgt: Im Mai hat sein Sekretariat den Hauptsitz des Alternativen Nobelpreises von Malaysia nach Bonn verlegt.

Auf eine längere Geschichte, nämlich genau 50 Jahre, blickt die Europäische Union in Bonn zurück: Im März 1954 bezog der Journalist Karl Mühlenbach hier das erste Verbindungsbüro der Staatengemeinschaft überhaupt, kurz darauf folgten Büros in Paris und Rom. Jetzt ist das Bonner Büro EU-Regionalvertretung.

Wer heute vom nahe gelegenen Siebengebirge aus auf Bonn schaut, dem fällt zwar wie einst der „Lange Eugen“ auf, doch der „Post Tower“, die Zentrale des Logistikkonzerns Deutsche Post DHL, ragt mit 162,5 Metern deutlich höher auf. Architektonisch unauffälliger, aber mit 20 000 Beschäftigten für die Stadt noch prägender ist die Deutsche Telekom AG. Mindestens so bekannt wie die DAX-Unternehmen sind die kleinen bunten Bären aus Bonn. Im November 2013 eröffnete in der Heimatstadt der Gummibärchen der erste „Haribo Store“. Tag für Tag herrscht in dem Geschäft Hochbetrieb. Ironie der Geschichte: Im Sommer 2014 verkündete der Süßwarenhersteller, nach fast 100 Jahren aus Platzgründen mit seiner Zentrale in den Nachbarort Grafschaft zu ziehen. Ein Trost: Der neue Laden und wohl auch der Name Haribo, zusammengesetzt aus den Worten „Hans Riegel Bonn“, werden wohl bleiben. Aber „Harigra“ klänge ja auch komisch. Finden auf jeden Fall die Bonner. ▪