Literarische Spurensuche

Neue Bücher von Cihan Acar, Deniz Ohde und Mely Kiyak: deutsche Autoren mit türkischen Wurzeln über Identität und Zugehörigkeit.

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020: Deniz Ohde
Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020: Deniz Ohde dpa

Wie sich die literarische Suche nach Identität und Zugehörigkeit unterscheiden kann, verdeutlichen die 2020 in Deutschland erschienenen Bücher „Hawaii“ von Cihan Acar, „Streulicht“ von Deniz Ohde und „Frausein“ von Mely Kiyak. Auch vermitteln diese Bücher, wie anstrengend das Leben für junge Menschen ist, wenn sie als Fremde wahrgenommen werden und sich ausgegrenzt fühlen. Ein Bindeglied zwischen den drei Autoren ist, dass ihre Eltern aus der Türkei stammen; wobei bei Deniz Ohde der Vater aus der Türkei migriert ist. Anders übrigens als bei der Protagonistin ihres Romans, die einen deutschen Vater und eine aus der Türkei eingewanderte Mutter hat.

Cihan Acar
Cihan Acar Robin Schimko

„Hawaii“ von Cihan Acar: Zurück aus der Türkei, ohne anzukommen

In „Hawaii“ erzählt Cihan Acar von Kemal, einem 21-jährigen Deutschtürken, der nach einem selbstverschuldeten Autounfall seine Fußballerkarriere in der Türkei beenden musste und ins süddeutsche Heilbronn zurückgekehrt ist. In seiner Heimatstadt sucht er Anschluss bei seiner ehemaligen Freundin Sina, die hat aber mittlerweile einen anderen und will ihn nicht mehr. Auch zu seinen früheren Kumpeln kann er keinen Kontakt aufbauen: Kemal hat sich zu sehr von ihnen entfernt. Er kann nichts anfangen mit Kategorien wie Stolz und Ehre, nichts mit dem türkischen Nationalismus und Machismo der jungen Männer.

An einem heißen Sommertag gerät Kemal in Hawaii, so wird ein Viertel in Heilbronn tatsächlich genannt, zwischen die Fronten. Die gewalttätige Auseinandersetzung von Rechtsextremen und einer Clique namens „Kanka“, die türkische Abkürzung von „Kankardeşler“, drängt ihn, einen Ort zu suchen, „an dem ich sein kann, der ich bin“.

„Hawaii“ ist einer der wenigen deutschen Romane über junge Männer türkischer Herkunft und ihr „Leben zwischen den Welten“. Das Buch enthält viel Autobiografisches, „zwangsläufig“, erklärt Cihan Acar in einem Interview, denn es sei ja sein erster Roman. Vor „Hawaii“ schrieb er zwei Sachbücher, über Hip-Hop und den Istanbuler Fußballclub Galatasaray. Gelegenheit zum Recherchieren hatte er während seiner Zeit in Istanbul, wo er als Journalist für die Deutsche Presse-Agentur arbeitete. Inzwischen lebt er wieder in Heilbronn.

Deniz Ohde
Deniz Ohde Heike Steinweg/Suhrkamp

„Streulicht“ von Deniz Ohde: Last der Herkunft, Last der Vergangenheit

Auch Deniz Ohdes Roman „Streulicht“ ist ein Debüt. Die Autorin, die in der Nähe von Frankfurt am Main als Tochter eines deutsch-türkischen Paares aufwuchs, geht mit ihrer Romanfigur auf eine Reise zu den eigenen Wurzeln.

Die Ich-Erzählerin kehrt in ihren Heimatort zurück, weil dort Sophia und Pikka heiraten, ihre besten Freunde aus der Kindheit. In Rückblicken beschreibt sie ihr Aufwachsen am Rande eines Industrieparks, ihre Schulzeit und die Freundschaft zu Sophia, der Tochter aus bürgerlichem Elternhaus. Die verbringt ihre Freizeit mit all den Aktivitäten, die der Ich-Erzählerin nicht ermöglicht werden. Ihr Vater ist ein „einfacher Fabrikarbeiter“ im Industriepark, Alkoholiker und gewalttätig, ihre Mutter eine Frau, die sich gegen den Vater nicht durchsetzen kann. Zwar versucht sie, ihre Tochter vor den Ausgrenzungen als vermeintlich Fremde zu schützen. Letztlich lässt sie das Mädchen aber beim Vater zurück und geht.

Keine schöne Kindheit und Jugend, auf die die Ich-Erzählerin zurückblickt, keine schöne Atmosphäre, keine glänzenden Bilder. Stattdessen seziert Deniz Ohde die schmerzlichen Momente in der Schule und im Elternhaus. Es ist, so lässt es sich zusammenfassen, neben der ethnischen auch die soziale Herkunft als Arbeiterkind, die den Werdegang der Ich-Erzählerin bestimmt und sie auf ihrem Bildungsweg stolpern lässt. Nach mehreren Anläufen schafft sie es doch: das Abitur, den Ausbruch und Aufstieg.

Man ist versucht, die Ich-Erzählerin und die Autorin gleichzusetzen. Wie sehr der Roman autobiografisch ist? In einem Interview antwortet Deniz Ohde auf diese Frage, dass sie nicht so traurig sei wie ihre Ich-Erzählerin. Eines ist allerdings identisch: Auch Ohde verließ ihren Heimatort. Vor neun Jahren zog sie nach Leipzig, studierte dort Germanistik und blieb. Für ihren Debütroman erhielt die 32-Jährige den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung. „Streulicht“ steht, wie auch „Hawaii“ von Cihan Acar, auf der Shortlist des ZDF-„aspekte“-Literaturpreises für das beste Debüt 2020. Deniz Ohdes Roman zählt zudem sogar zu den sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2020.

Mely Kiyak
Mely Kiyak dpa

„Frausein“ von Mely Kiyak: Schwierige Suche nach Selbstbewusstsein

Von einem sozialen und gesellschaftlichen Aufstieg handelt auch Mely Kiyaks jüngstes Buch. Während Cihan Acar und Deniz Ohde der deutschsprachigen Öffentlichkeit bis vor ihren Debütromanen kaum bekannt waren, sorgt diese Autorin schon seit vielen Jahren für Aufsehen: als meinungsstarke, selbstbewusste, scharfzüngig und eloquent formulierende Kolumnistin, die unter anderem regelmäßig auf Zeit Online schreibt. In ihrer wöchentlich erscheinenden Kolumne „Kiyaks Deutschstunde“ widmet sich die 44-Jährige aktuellen Themen und geht oft mit Politikern hart ins Gericht.

„Frausein“ unterscheidet sich jedoch von ihrer bisherigen Arbeiten, für die sie unter anderem 2011 mit dem Theodor-Wolff-Preis, Deutschlands renommiertestem Zeitungspreis, ausgezeichnet wurde. Auch wenn der Titel es vermuten lässt: „Frausein“ ist keine feministische Schrift, sondern Kiyaks ganz persönliche Geschichte über ihr Ankommen in der deutschen Gesellschaft, über ihr Frau-Werden, Sich-Finden und Sich-Annehmen. In diesem Buch zeigt sich die sonst so souveräne Publizistin von ihrer verletzlichen und verletzten Seite. Das schmale, nichtsdestotrotz inhaltsreiche Buch, das in kein literarisches Genre passt, lässt teilhaben am Selbstfindungsprozess eines zutiefst unsicheren und verunsicherten Menschen.

Zentral für ihr Nachdenken über ihr bisheriges Lebens ist eine Augenkrankheit, an der sie fast erblindet wäre. „Eines Morgens wachte ich auf und sah die Welt verschwinden“, so beginnt das Buch. Mely Kiyak schreibt auch über ihren Abnabelungsprozess vom Elternhaus, von dem Wunsch nach Freiheit – und den Schuldgefühlen, weil sie zum Studieren bewusst einen Ort weit weg von Zuhause wählt, um häufige Besuche zu verhindern.

Als Tochter einer Gastarbeiterfamilie aus der Türkei waren Mely Kiyak, die am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert hat, viele Gepflogenheiten und gesellschaftliche Codes ihres neuen Umfelds nicht vertraut und ihr Weg zur Unabhängigkeit beschwerlich. Nach dem Lesen von „Frausein“ bekommt man eine Ahnung davon, wie sehr die Herkunft beeinflusst, wie man sich selbst und den ersehnten Platz in einer Gesellschaft findet.

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