Gemeinsam für die Freiheit der Kunst

Auf Initiative aus Berlin haben sich Kulturakademien in ganz Europa zusammengetan, um ihre Unabhängigkeit zu verteidigen.

Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Berliner Akademie der Künste
Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Berliner Akademie der Künste dpa/pa

Ein Spatz, der auf dem Rücken liegt und die Beine nach oben streckt, weil er fürchtet, der Himmel werde auf die Erde stürzen – dieses Bild wählte der österreichische Schriftsteller Robert Menasse in seiner Rede zur Gründung einer „Europäischen Allianz der Akademien“. Ob er denn glaube, dass er so den Himmel halten könne, fragt ein vorbeikommender Kater spöttisch den Vogel. „Nein“, sagt der, „aber ich tue, was ich kann.“ Dieses Bild trifft die Situation der Akademien genau, findet Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Berliner Akademie der Künste (AdK). Sie hat den Zusammenschluss der europäischen Akademien initiiert.

Frau Meerapfel, mit Ihrer Europäischen Allianz der Akademien wollen Sie „die Freiheit von Kunst und Wissenschaft verteidigen“. Was besorgt Sie?

Wir sehen, dass es in Europa ein Wiedererstarken von Nationalismus und fremdenfeindlichen Ideologien gibt – und das nur 76 Jahre nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Wir sind der Meinung, dass Renationalisierung kein Ausweg aus europäischen Krisen ist, sondern deren Ursache. Zudem beobachten wir neue Bestrebungen, die Unabhängigkeit von Kunst und Kultur einzuschränken. Dazu wollen wir uns positionieren. Mehr als 60 Akademien aus ganz Europa haben sich uns angeschlossen.

Wir haben in Europa einen wunderbaren Traum zu bestätigen

Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Berliner Akademie der Künste

War es ein langer Prozess, so viele Mitstreiter zu finden?

Nicht wirklich. Viele haben gefragt: „Wieso gibt es eine solche Allianz noch nicht?“ Bisher war das Zusammenkommen der Akademien eher zufällig und sporadisch. Aber wir müssen in Europa systematisch zusammenarbeiten, weil wir hier einen wunderbaren Traum zu bestätigen haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir nur auf die eigene Region blicken.

Die Allianz gründet auf einem „Berliner Manifest“, das überschrieben ist mit „Offener Kontinent“. Offen also nach innen und nach außen?

Ja. Wir wollen innerhalb Europas den transnationalen Kulturaustausch fördern und uns dafür einsetzen, dass Artikel 13 der Charta der Grundrechte der EU – das Recht auf Freiheit der Kunst und der Wissenschaft – geschützt und verteidigt wird. Dennoch sehen wir sehr wohl auch die Probleme, die außerhalb Europas entstehen und verschließen uns dem nicht. Es ist wichtig, dass wir gerade in Zeiten der Pandemie Solidarität innerhalb Europas und weltweit zeigen. 

Sie haben einmal gesagt, dass Ihre eigene Biografie erklärt, warum Sie sich Europa nur als offenen Kontinent vorstellen können.

Ich bin als Kind jüdischer Emigranten in Argentinien geboren. Später habe ich in Deutschland Film studiert und unterrichtet. Ich habe immer wieder mit Menschen aus der ganzen Welt zusammengearbeitet. Für mich ist klar, dass Politik niemals so gestaltet sein darf, dass wir andere vergessen. Auch nicht die, die an die Grenzen Europas klopfen. Wir können uns nicht vom Rest der Welt abschotten.

Das Berliner Manifest wurde am 9. Oktober 2020 unterzeichnet, dem Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle – ein bewusst gewähltes Datum?

Ja. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir ein Teil der Geschichte Europas sind, auch der dunklen,  und dass wir eine Verantwortung haben, uns zu erinnern. Wenn wir das nicht tun, werden sich Katastrophen wiederholen. Wir haben in dem Manifest klar zum Ausdruck gebracht, dass wir uns  als Berliner Akademie der Verantwortung Deutschlands bewusst sind. Das war ein wichtiges Zeichen für unsere Kolleginnen und Kollegen aus vielen europäischen Ländern.

Das Manifest ist ein symbolisches Zusammenrücken. Wie übersetzen Sie es in konkretes Handeln?

Wir haben sieben Arbeitsgruppen entsprechend der Interessen der teilnehmenden Akademien gegründet. Sie werden nun formulieren, was wir zu tun haben. Welchen gesellschaftlichen Einfluss kann die Allianz haben? Wie erreichen wir die junge Generation? Wie können wir die Akademien schützen vor einer Politik, die Autonomie einschränkt? Die Vernetzung auf europäischer Ebene läuft also. Ich bin mir sicher, dass wir nur mit diesem Zusammenhalt etwas bewirken können.

Wir wollen Unterstützung herstellen in dem Moment, in dem unsere freie Kunstausübung in Frage gestellt wird.

Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Berliner Akademie der Künste

Sie melden sich auch zu konkreten politischen Situationen zu Wort, Anfang 2021 etwa mit einer Solidaritätsbekundung für verfolgte Studierende und Lehrende der staatlichen Kunstakademie in Belarus.

Ja, denn die Solidarität zueinander ist ein Kern unseres Handelns. Es geht darum, Unterstützung zwischen den Akademien herzustellen in dem Moment, in dem unsere Unabhängigkeit und unsere freie Kunstausübung in Frage gestellt werden.

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