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Kunst unterm Dach

Neue Perspektiven für internationale Künstler in Berlin: Der Schwede Henrik Strömberg arbeitet auf dem Dach des Auswärtigen Amts. Er ist Stipendiat des Programms AArtist in Residence.
von Jeannette Goddar

Wie kommt ein schwedischer Künstler dazu, auf dem Dach des Auswärtigen Amts in Berlin zu arbeiten? In einem dieser typischen unsanierten Berliner Räume? Dahinter steckt eine schöne Anekdote: Als Frank-Walter Steinmeier vor bald zehn Jahren zum ersten Mal Außenminister war, erklomm er eines Tages mit dem Chef des Landesverbands Berliner Galerien das Dach der Schaltzentrale der deutschen Diplomatie am Werderschen Markt. Dort oben gibt es eine dieser großartigen Berliner Terrassen mit einem unvergleichlichen Blick über die deutsche Hauptstadt – von den Plattenbauten der Leipziger Straße im Süden und vom Fernsehturm auf dem Alexanderplatz bis zur Charité-Krankenhaus im Norden. Steinmeier und sein Besucher stießen aber auch auf einen großen Raum, den die Bauarbeiter in den 1940er-Jahren, warum auch immer, vor der Fertigstellung verlassen hatten. Mit einer Fensterfront, aber ohne ordentlich verlegten Boden oder eine Decke, die die Kabel verbirgt, an den Wänden das nackte Mauerwerk ohne jeden Putz. Der damalige Außenminister war aber nicht schockiert, sondern begeistert, weil Berlins Chefgalerist Werner Tammen raunte: „Ein idealer Ort für einen Künstler!“

„Ein idealer Ort für einen Künstler“„Ein idealer Ort für einen Künstler“© Anika Büssemeier

Das findet auch Henrik Strömberg. Der Schwede lebt nach einer künstlerischen Ausbildung in London und Prag, schon seit zehn Jahren in Berlin. Seit Februar 2017 ist er „AArtist in Residence“ im Rahmen eines nach zwei Probeläufen 2016 gestarteten Programms des Auswärtigen Amtes in Zusammenarbeit mit dem Landesverband Berliner Galerien, das den lange brach liegenden Raum unter dem Dach als Atelier nutzt. „Nach all den Jahren in Berlin verschafft der Raum mir noch einmal ganz neue Perspektiven“, sagt Strömberg, der hier bis Ende April an seiner Serie „Object Amnesic – The Compost“ arbeitet. Es geht um den Verfall und die Transformation von Materialien; Strömberg sammelt Dinge, die Menschen nicht mehr brauchen, von Trophäen für Sportwettbewerbe bis zu Vasen, dekonstruiert sie und setzt sie zu etwas Neuem zusammen. So entstehen skulpturale Objekte und Fotografien, die mit fotografischen Studien der Natur kontrastiert werden.

Internationale Themen

Über die Auswahl der Stipendiaten, von denen drei im Jahr das Dach beziehen dürfen, entscheidet eine Jury aus einem Kunstkritiker, einem Kurator und einem Galeristen –unter rein künstlerischen Gesichtspunkten. Vorausgesetzt wird, neben einer Vertretung durch eine Berliner Galerie, dass die Künstler aus dem Ausland stammen und in Berlin leben – oder, wenn sie Deutsche sind, dass sie einen Auslandsbezug in ihrer Arbeit haben. Zu ihnen zählt Andréas Lang, AArtist in Residence im Sommer 2016. Auf dem Dachboden seiner Mutter entdeckte er ein Tagebuch sowie historische Aufnahmen, die sein Urgroßvater vor 1914 als Mitglied der sogenannten Schutztruppe in Kamerun machte. Mit den Fundstücken im Gepäck reiste der Fotograf nach Afrika und begab sich auf eine Spurensuche zur deutschen Kolonialgeschichte. Die Fotos und Videoinstallationen, die auf der Reise entstanden, waren bis Ende Februar im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen.

Die Künstlerin Kerstin Honeit nutzte das Stipendium im Sommer 2016 zur Recherche und Vorbereitung ihres Pro­jektes „mi castillo tu castillo – mein schloss dein schloss“, eine Videoarbeit mit einem Bezug zu einem Land, das „kaum noch sichtbar und fast vergessen ist: die Deutsche Demokratische Republik (DDR)“. Ahmed Kamel, der 1981 in Kairo geborene dritte Künstler des ersten Jahrgangs, beschäftigt sich künstlerisch mit dem Thema Konflikt – auf persön­licher wie auf politischer Ebene. 2017 werden als weitere kreative Gäste unter dem Dach von Mai bis Juli der libanesische Künstler Said Baalbaki und im Herbst die Fotografin Beatrice Minda erwartet. 

Wohin es Henrik Strömberg bei seiner aktuellen Arbeit künstlerisch genau treibt, erzählt der 46-Jährige bei einem ersten Atelierrundgang im März, sei noch unklar: „Der Raum ist so speziell, dass ich mich herausfordere, mich in neue Welten zu bewegen.“ Das Interesse daran ist groß: 40 Gäste sind gekommen, zwei weitere Rundgänge folgen am 6. und 20. April. Spätestens bei diesen Gelegenheiten wird deutlich, dass hier an einem sehr ungewöhnlichen Ort gearbeitet wird. Wie alle Besucher des Auswärtigen Amtes müssen die Gäste vorab namentlich angemeldet sein und dürfen nur in Begleitung aufs Dach – und wieder herunter.

Erstes Ministerium mit Gastkünstler

Angesichts der Einzigartigkeit des Ortes nimmt man das gern in Kauf. „Das Auswärtige Amt ist das erste deutsche, vielleicht sogar weltweit das einzige Ministerium, das so etwas macht“, erklärt Anemone Vostell, Geschäftsführerin des Landesverbands Berliner Galerien, „es ist großartig, dass sich eine Behörde so öffnet.“ Warum sie das tut, und dass das Interesse von Kunst und Politik beidseitig sei, erklärte der Außenminister in einem Grußwort 2016. Die Künstler könnten neue Perspektiven auf Themen entwickeln, die auch die Außenpolitik umtreiben. Sie sollten, „uns Diplomaten eine andere Sicht auf unsere Arbeit geben und uns zugleich herausfordern.“ Ja, aber interessieren sich die Mitarbeiter des Auswärtigen Amts denn für Henrik Strömbergs Arbeit? „Der ein oder andere“, sagt der Künstler, „schaut durchaus herein.“

© www.deutschland.de

von Jeannette Goddar

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