„Die größte Überraschung war die Sommerhitze“

Verändert sich die Sicht auf Deutschland, wenn man dort lebt? Ja, meint Nigerias Botschafter Yusuf Tuggar und erzählt von Witzen, Wahlen und Wespen.

Nigerias Botschafter Yusuf Tuggar bei einer Radtour durch Berlin.
Nigerias Botschafter Yusuf Tuggar bei einer Radtour durch Berlin. privat

Ich muss vorausschicken, dass ich Deutschland schon oft besucht hatte, ehe ich im August 2017 zum Botschafter ernannt wurde und seitdem hier lebe. So hatte ich bereits ein gewisses Gespür für Deutschland, würde aber nicht sagen, dass ich eine vorgefasste Meinung hatte. Meine Ansichten über Deutschland nahmen im Lauf der Jahre durch meine Besuche und meinen Austausch mit Deutschen zunehmend Gestalt an. Diese Vorstellungen haben sich jedoch beträchtlich geändert, seitdem ich hier lebe.

Deutsche haben genügend Selbstvertrauen, sich über sich selbst lustig zu machen.

Yusuf Tuggar, Botschafter von Nigeria in Deutschland

Zunächst musste ich mich von der Auffassung verabschieden, Deutsche hätten einen ausgefallenen Sinn für Humor, der sich erheblich von dem in anderen Teilen der Welt unterscheidet. Anfangs hielt ich mich mit Scherzen zurück, aus Furcht, daneben zu liegen. Doch bald wurde mir klar, dass ich denselben Sinn für Humor wie viele Deutsche habe. Viele Außenstehende sind auch fälschlicherweise der Ansicht, Deutsche nähmen sich selbst zu ernst. Sie erkennen nicht, dass sie über jede Menge Selbstironie verfügen und genügend Selbstvertrauen haben, sich über sich selbst lustig zu machen.

Die Bundestagswahl und der Marathon

Bevor ich in Deutschland lebte, wusste ich das Konsenssystem in der Politik und bei der Regierungsbildung nicht gebührend zu schätzen. Ich traf kurz vor der Bundestagswahl 2017 ein und erlebte die ausgedehnten Verhandlungen mit, aus denen schließlich eine Koalitionsregierung hervorging. Ich war verblüfft, wie locker man den Wahltag anging. An diesem fand nämlich auch der Berlin-Marathon statt, ohne dass das die Wahlbeteiligung beeinflusste oder jeweiligen Abläufe einander in die Quere kamen.

Gemeinwesen‘ ist eins der interessantesten deutschen Wörter.

Yusuf Tuggar, Botschafter von Nigeria in Deutschland

Ich wusste, dass Deutschland das Land von Porsche, BMW und Mercedes ist, ein sehr wohlhabendes Land. Doch dieser Eindruck relativierte sich durch die Bescheidenheit der Deutschen. Ich habe begriffen, dass das vorherrschende Gefühl in hohem Maß auf das Leitbild von einem Gemeinwesen zurückzuführen ist, das über dem Interesse des Einzelnen steht. Daher halte ich „Gemeinwesen“ für eins der interessantesten deutschen Wörter, die ich kenne.

Deutschland ist ein europäischer Schmelztiegel

Je mehr ich durch Deutschland reise, desto mehr fallen mir Gemeinsamkeiten mit meinem Heimatland Nigeria in Bezug auf die Größe und Diversität auf. Nigeria erstreckt sich auf 923.000 Quadratkilometern und besteht aus 36 Bundesstaaten, deren Vegetation von der Sahelzone über Weideland, Waldgebiete und tropischen Regenwald bis hin zu Mangrovensümpfen an der Küste reicht. Auch der Unterschied zwischen manchen deutschen Bundesländern könnte nicht größer sein. Das merke ich, wenn ich beispielsweise von Usedom an der Ostsee bis nach Baden-Baden am Rand des Schwarzwalds fahre. Jedes Bundesland, jede Region weist Besonderheiten auf, die sich im Lauf der Geschichte ausprägten und durch Wanderbewegungen und den Aufstieg und Fall von Reichen und Staaten beeinflusst wurden.

Nur wenn man über eine derartige Diversität nachdenkt, erkennt man, dass Deutschland wahrlich ein europäischer Schmelztiegel ist, was auch aus den französischen, italienischen und tschechischen – um nur einige zu nennen – Anklängen in Familiennamen hervorgeht. Doch ungeachtet aller Diversität ist da eine gemeinsame deutsche Identität, die über die Sprache hinausgeht. Vorher dachte ich, die deutsche Sprache sei im Großen und Ganzen gleich, wenn auch mit unterschiedlichen Dialekten, bis ich nach einiger Zeit in Deutschland die Schweiz besuchte und selbst meine ungeübten Ohren deutlich den Unterschied in der Intonation und Diktion heraushörten.

Ich habe in den 1970er-Jahren als Jugendlicher Frankfurt und seinen Flughafen besucht, wurde mir des steten Wandels der Stadt jedoch erst nach meinem Umzug nach Deutschland bewusst. Eine Stadt mit etwa 700.000 Einwohnern, deren Bevölkerung sich während der Arbeitszeiten mehr als verdoppelt, ist wirklich bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, dass in Frankfurt Menschen aus 180 verschiedenen Nationen zusammenleben.

„Die größte Überraschung war die Sommerhitze“

Vielleicht die größte Überraschung seit ich in Deutschland lebe, ist die Sommerhitze, auch wenn man mir zu verstehen gibt, dass dieser Sommer eine Ausnahme ist. Vor Kurzem ließ ich das wolkenverhangene Abuja hinter mir und kehrte in das ungleich heißere Berlin zurück, in dieselbe Stadt, in der ich sechs Monate vorher auf einem zugefrorenen See herumgelaufen war. Dies gab mir Anlass, über die globale Erwärmung und den Klimawandel nachzudenken. Ich war der Meinung gewesen, in Deutschland keine Klimaanlage zu brauchen. Doch nun denke ich anders. Ich werde mehr als eine benötigen, außerdem eine Fliegenklatsche, um mich beim Essen im Freien des Wespengewimmels zu erwehren.

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