„Eine ganz schön lange China-Reise“

Matthias Müller lebt seit über 20 Jahren in China. Gerade erlebt er, wie das Land den Coronavirus in den Griff bekommt.

Matthias Müller vor der Skyline von Shanghai – mit Mundschutz.
Matthias Müller vor der Skyline von Shanghai – mit Mundschutz. privat

Eigentlich wollte Matthias Müller Publizistik studieren. Aber dafür reichte sein Notendurchschnitt nicht. Also schrieb er sich aus Verlegenheit für ein Studium der Sinologie an der Freien Universität Berlin ein – und fand zunehmend Interesse daran. Er ging ein Jahr nach Taiwan, um seine Sprachkenntnisse zu vertiefen, studierte dann BWL und Chinesisch in Ludwigshafen mit einem Auslandssemester in Hangzhou und trat 1998 seinen ersten Job in China an, beim Delegiertenbüro der Deutschen Wirtschaft in Peking. Seitdem lebt und arbeitet Matthias Müller in China.

Herr Müller, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag in China?

In Taiwan, ja. Ich kam mit meinen Chinesisch-Kenntnissen am Flughafen an und fühlte mich gut vorbereitet. Als aber 20 Taxifahrer auf mich zustürmten, verstand ich kein Wort, kein einziges.

Was machen Sie heute?

Ich bin Deputy General Manager Sales & Marketing des German Centre for Industry and Trade in Shanghai und Managing Director des German Centre for Industry and Trade in Taicang, einer 100prozentigen Tochter.

Taicang ist das Zentrum des deutschen Mittelstands in China…

Ja, Taicang ist der deutscheste Ort in ganz China, etwa 50 Kilometer von Shanghai entfernt. Dort arbeiten etwa 500 bis 600 Deutsche in circa 300 deutschen Unternehmen. Das hat vor etwa 25 Jahren angefangen und sich top entwickelt. Die Stadt ist mit einer Millionen Einwohner für chinesische Verhältnisse zwar ein Dorf, aber sehr grün, sauber und günstig.

Gibt es heute noch etwas Neues, Fremdes für Sie in China?

Mich überrascht eigentlich nichts mehr, aber im Verkehr rege ich mich immer noch auf. Und ich habe schon wirklich große Veränderungen in der Gesellschaft, in der Infrastruktur und in den Sozialen Meiden miterlebt.  

Da wären wir bei einem Thema, das in Deutschland mit Spannung verfolgt wird: Die Überwachung durch Künstliche Intelligenz.

China kennt jeden Schritt von mir, das ist mir klar. Aber die Chinesen sehen das sehr pragmatisch und entspannt. Einerseits bringt es wirtschaftliche Vorteile. China ist mit den USA führend in Sachen Künstlicher Intelligenz. Andererseits macht es das Land sicherer. Dafür geben die Chinesen bereitwillig ihre Daten preis. Es gibt für mich kein sichereres Umfeld als in China. Das hat sich jetzt auch in der Corona-Krise gezeigt.

Wie meinen Sie das?

Mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz kann China sehr gut tracken. Ich habe zum Beispiel – wie jeder andere auch – einen QR-Code auf dem Handy. Der leuchtet anhand der Daten grün, orange oder rot. Das ist mein Corona-Level und bestimmt, wozu ich Zugang habe oder nicht. So hat China die Krise in den Griff bekommen.

Fühlen Sie sich in China schon zu Hause? Oder zieht es Sie wieder zurück?

Es ist schon eine ganz schön lange China-Reise, aber irgendwann geht es wieder Richtung Deutschland. Meine Kinder sind hier geboren. Die zwei Söhne leben jetzt in Berlin und meine Tochter macht gerade Abitur. Spätestens zum Ruhestand gehe ich auch zurück. Ich bin sehr heimatverbunden und zwei Mal im Jahr in Deutschland. Der Kontakt ist nie abgerissen.

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