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Die beinah vergessene Dichterin Selma Merbaum

Als Selma Merbaum mit 18 Jahren in einem Lager der Nationalsozialisten starb, hinterließ die Lyrikerin einen Band beeindruckender Texte.
von Helen Sibum

Lange Zeit war nicht einmal ihr Name zweifelsfrei überliefert: Noch bis 2014 ging man davon aus, dass die junge Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger hieß, wobei der zweite Namensteil von ihrem Stiefvater stammte. Erst die Biografin Marion Tauschwitz konnte belegen, dass sie stets als Selma Merbaum geführt wurde. Auch sonst war wenig bekannt über das 1924 in der Bukowina im damaligen Rumänien geborene jüdische Mädchen, das im Alter von 18 Jahren in einem Arbeitslager der Nationalsozialisten an Typhus starb. Doch ihre Gedichte sind geblieben, und sie werden zunehmend wertgeschätzt – nicht nur, weil hier ein Talent viel zu früh zum Verstummen gebracht wurde, sondern auch, weil sie richtig gut sind.

Knapp 60 Gedichte Merbaums sind bekannt, vor allem aus den Jahren 1940 und 1941. Die junge Frau hatte sie in ein Album geschrieben, die Sammlung „Blütenlese“ genannt und sie kurz vor ihrer Deportation ihrem Freund Leiser Fichmann zukommen lassen, versehen mit den Worten „Ich habe keine Zeit gehabt, zu Ende zu schreiben“. Das Paar hatte sich in der zionistischen Jugendgruppe in Merbaums Heimatstadt Czernowitz in der heutigen Ukraine kennengelernt. Czernowitz war damals ein wichtiges Zentrum europäischer, jüdisch geprägter Kultur. Dort wuchs auch Paul Celan auf, ein Cousin Merbaums, zu deren Vorbildern außerdem Rainer Maria Rilke und Heinrich Heine gehörten.

Vertont von Herbert Grönemeyer

Merbaums Büchlein blieb auf wundersame Weise erhalten: Fichmann übergab es einer Freundin, bevor er 1944 Richtung Israel floh. Er überlebte die Flucht nicht, ertrank bei einem Schiffsunglück. Selmas Freundin trug den Band in ihrem Rucksack nach Israel, wo sie 1948 ankam. Trotzdem sollten viele Jahre vergehen, bis jemand die deutschsprachigen Gedichte erstmals druckte: Merbaums früherer Klassenlehrer ließ schließlich 400 Exemplare der „Blütenlese“ produzieren. 1980 gelangte eines nach Deutschland, ein Journalist des Magazins „Stern“ machte es bekannt. Seitdem haben Musiker wie Herbert Grönemeyer Merbaums Gedichte vertont, namhafte Schauspieler wie Iris Berben sie vorgelesen. „Poem“ heißt eines dieser Werke, das Merbaum im Juli 1941 schrieb, wenige Monate vor der Zwangsumsiedlung ihrer Familie in ein Getto:

Ich möchte leben / Ich möchte lachen und Lasten heben / und möchte kämpfen und lieben und haßen / und möchte den Himmel mit Händen faßen / und möchte frei sein und atmen und schrei‘n / Ich will nicht sterben. Nein / Nein / Das Leben ist rot / das Leben ist mein / Mein und dein / Mein.

Welttag der Poesie am 21. März

www.unesco.de/welttag_poesie

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von Helen Sibum

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