„Ich habe Vertrauen in unsere Zivilgesellschaft“
Sie floh vor dem Völkermord in Ruanda und kämpft heute in Deutschland für Gleichberechtigung. Elisabeth Kaneza über Rückschläge und Gründe für Zuversicht.
Elisabeth Kaneza fand 1994 als Kind in Deutschland Zuflucht vor dem Völkermord in Ruanda. Ihr Masterstudium absolvierte sie an der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) in Berlin. Unter anderem arbeitete Kaneza an der Botschaft von Ruanda, beim Deutschen Bundestag und beim UN-Hochkommissariat für Menschenrechte in Genf und Brüssel. Heute ist sie Vorstandsvorsitzende der von ihr gegründeten Kaneza Foundation und Fachreferentin bei Amnesty International in Berlin. Für ihr langjähriges Engagement gegen Rassismus und für Gleichberechtigung erhielt sie 2025 das Bundesverdienstkreuz.
Frau Kaneza, wie haben Ihre Fluchterfahrung und die erste Zeit in Deutschland Sie geprägt?
Als meine Familie und ich nach mehreren Monaten auf der Flucht in Aachen ankamen, war ich sieben Jahre alt. Nach den traumatischen Erfahrungen hatte ich mir Deutschland als Inbegriff von Glück und Geborgenheit vorgestellt. Aber ich wurde in der Grundschule und in der Gesellschaft als fremd und anders wahrgenommen und hatte mit Vorurteilen zu kämpfen.
Was hat Ihnen geholfen, Selbstvertrauen zu entwickeln?
Meine Eltern haben dafür eine wichtige Rolle gespielt. In der weiterführenden Schule gab es dann mehr migrantische Kinder und Lehrkräfte, die mich ermutigt haben. Ab der fünften Klasse habe ich mich als Klassensprecherin engagiert, später auch in der Schülervertretung. Außerdem habe ich eine Hip-Hop-Gruppe an unserer Schule gegründet und geleitet, die Preise gewonnen hat. Die Gruppe war ein wichtiger Empowerment-Space für mich und andere Schülerinnen und Schüler mit einer ähnlichen Biografie. Das alles hat mein Selbstvertrauen sehr gestärkt. Benachteiligungen habe ich trotzdem noch von einigen Lehrkräften und auch im Alltag erfahren. Das hat dazu geführt, dass ich manchmal an mir selbst gezweifelt habe und mich immer wieder selbst aufbauen musste.
Welche Bedeutung hat Bildung für die gesellschaftliche Teilhabe?
Bildung ist ein wichtiger Schlüssel, um Barrieren wie Armut und Ausgrenzung zu überwinden, weil sie sozialen Aufstieg und Partizipation ermöglicht. Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bleiben oft unter ihren Möglichkeiten, weil sie diskriminiert werden. Meine eigenen Erfahrungen damit motivieren mich zu meinem Einsatz für Menschenrechte: Ich wollte und will mich nicht damit abfinden, dass es Chancengleichheit in unserer Gesellschaft nur für einige geben soll. Schon als Schülerin habe ich mich als Jugendleiterin und Coach in verschiedenen integrativen Projekten und in meiner Community in Aachen engagiert und habe dieses Engagement während meines Bachelorstudiums an der Universität Maastricht fortgesetzt.
Ihr Masterstudium haben Sie an der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) in Berlin absolviert. Unter anderem haben Sie an der Botschaft von Ruanda, beim Deutschen Bundestag und beim UN-Hochkommissariat für Menschenrechte in Genf und Brüssel gearbeitet. 2016 gründeten Sie die Kaneza Foundation for Dialogue and Empowerment e.V.. Welche Ziele verfolgt der Verein?
Wir engagieren uns in drei Bereichen: politische und rechtliche Beratung zu Menschenrechten und Antirassismus, Bildungsangebote wie Vorträge und Workshops sowie Mentoring und Unterstützung für von Rassismus und Diskriminierung betroffene Menschen. Zudem bieten wir Menschenrechtsschulungen für Aktivistinnen und Aktivisten an. Auf der politischen Ebene begleiten wir seit über zehn Jahren die Umsetzung der UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft.
Wo steht Deutschland heute beim Thema Rassismus?
In den letzten Jahrzehnten hat sich einiges in Deutschland verbessert. Heute besteht immerhin ein breiter gesellschaftlicher Konsens, dass Rassismus existiert und nicht akzeptabel ist. Die große Herausforderung bleibt aber, die systematische Benachteiligung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zu beseitigen, etwa im Bildungssystem, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und im staatlichen Handeln. In meiner 2022 an der Juristischen Fakultät der Universität Potsdam abgeschlossenen Doktorarbeit habe ich mich mit der strukturellen Diskriminierung von Schwarzen Menschen und den politischen und rechtlichen Möglichkeiten befasst, Gleichberechtigung zu verwirklichen. Sorgen macht mir, dass der gesellschaftliche und politische Trend seit einiger Zeit wieder in die andere Richtung geht und wichtige Maßnahmen abgebaut werden. Dennoch bleibe ich optimistisch, denn Deutschland ist ein Land, das sich grundsätzlich den Menschenrechten verpflichtet fühlt. Ich habe auch Vertrauen in unsere Zivilgesellschaft, die bisher viel auf diesem Gebiet erreicht hat.
Für Ihr soziales Engagement wurden Sie schon mehrfach ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen das Bundesverdienstkreuz?
Sehr viel – es ist für mich eine große Anerkennung meiner Leistungen, einschließlich der Hürden, die ich überwinden musste. Es bestärkt mich auch in meinem Engagement. Ich möchte an einer Gesellschaft mitwirken, in der sich alle Menschen gleichberechtigt entfalten können. Trägerin des Bundesverdienstkreuzes zu sein, hat mir verdeutlicht, dass der Staat diesen Anspruch haben möchte und dafür ein Zeichen setzt. Das ist positiv zu bewerten. Rassismus bleibt jedoch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die wir nur gemeinsam bewältigen können. Ich möchte weiterhin meinen Teil dafür tun.