Zum Hauptinhalt springen

Ein Netzwerk für mehr Begegnung

Die Anna Lindh Stiftung der EU will Klischees ausräumen und neue Wege für den Austausch finden.

23.10.2014
© Anna Lindh Stiftung - Austausch

„Dialog ist nicht genug, Begegnungen entscheiden“ war das Motto der früheren schwedischen Außenministerin Anna Lindh, die sich bis zu ihrer Ermordung im Jahr 2003 für den interkulturellen Austausch und den Nahost-Friedensprozess einsetzte. Dieses Motto hatte auch die Talkrunde beim Sommerfest des Bundespräsidenten, mit der Anfang September 2014 die deutschlandweite Veranstaltungsreihe „Mittelmeer vor Ort“ begann. Ziel ist, dem Publikum in Deutschland die Vielfalt der südlichen und östlichen Anrainerstaaten des Mittelmeers näher zu bringen. Zum Programm gehören Filme, Workshops, ein Theaterprojekt, Vorträge, Lesungen und ein Poetry Slam. „Mittelmeer vor Ort“ wird vom deutschen Netzwerk der Anna Lindh Stiftung veranstaltet und findet 2014 zum vierten Mal statt.

„Wir möchten Stereotypen brechen, Komplexität zeigen – und natürlich zum Dialog anregen“, sagt Professor Caroline Robertson-von Trotha. Die Leiterin des Karlsruher Zentrums für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale (ZAK) koordiniert die Veranstaltungsreihe. Von schlichter Multikulti-Folklore hält sie wenig. Themen wie sozialer Wandel, Flüchtlingspolitik oder traditionelle Geschlechterrollen spielen deshalb bei „Mittelmeer vor Ort“ eine große Rolle. „Wir erreichen ganz unterschiedliche Menschen, indem wir auf kontroverse Themen setzen“, erklärt Robertson-von Trotha. „Wir müssen zum Beispiel auch über Parallelgesellschaften von Migranten in Europa sprechen, die sich von der Mehrheit abschotten. Falsche Toleranz ist die schlimmste Form von Diskriminierung.“

2014 steht die Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Begegnungs(t)räume“, Schwerpunktthema ist die Jugend der Mittelmeerländer. Besonders viele Projekte von Netzwerk-Mitgliedern der Anna Lindh Stiftung richten sich an Jugendliche. „Mittelmeer vor Ort“ ist aber für alle Generationen interessant. So wird in Frankfurt am Main eine Dokumentarfilmreihe gezeigt, unter anderem mit Filmen über die Unruhen am Tahrir-Platz 2011, die Gezi-Park-Proteste in Istanbul oder den Bürgerkrieg in Syrien. In Karlsruhe stellt der Filmregisseur Mohamed Nabil seine Dokumentation „Jewels of Grief“ über die desolate Situation lediger Mütter in Marokko vor. Und in 14 deutschen Städten ist das Theaterprojekt „The Gaza Monologues“ zu sehen, das durch den jüngsten Konflikt wieder große Aktualität erlangt hat. Junge palästinensische Theatermacher lassen darin 31 Kinder und Jugendliche von ihren Erfahrungen mit den Luftangriffen auf den Gazastreifen im Winter 2008/09 erzählen.

Der euro-mediterranen Anna Lindh Stiftung gehören 43 Länder an – die 28 EU-Staaten und die südlichen und östlichen Mittelmeer-Anrainer. Finanziert wird sie von der EU und den Mitgliedsstaaten. Als „Netzwerk der Netzwerke“ umfasst sie mehr als 3000 Organisationen, darunter 150 allein in Deutschland. Neben dem Dialog der Kulturen ist die Förderung der Zivilgesellschaft ein Hauptziel der Stiftung: So bilden Mitgliedsorganisationen in den arabischen Ländern zum Beispiel junge Journalisten aus oder veranstalten Workshops zu Freiwilligenarbeit. Die Anna Lindh Stiftung kombiniere Interkulturalität, Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Themen auf einzigartige Weise, meint Caroline Robertson-von Trotha: „Dieses Netzwerk hat ein enormes Potenzial.“ ▪

Miriam Hoffmeyer