Wer bin ich?

Das Projekt „Out of Place“ bringt junge Filmemacher aus Deutschland und Israel zusammen und fragt nach Identität und Integration. Jetzt wird es beim Docaviv-Festival vorgestellt.

privat - Ittai Meyer and Carmit Shlomi

Jeder hat sich schon einmal fehl am Platz gefühlt. Aber was ist, wenn die Empfindung nicht mehr verschwindet? Wenn Menschen glauben, es gäbe gar keinen Platz für sie, weil sie wegen ihres Geschlechts, ihrer Religion oder ihres Status‘ außerhalb stehen, auf der Flucht sind oder ausgegrenzt werden? 20 junge Filmemacher in Deutschland und Israel beschäftigen sich für das Projekt „Out of Place“ (Förderer am Textende) mit diesem zutiefst menschlichen Gefühl. In beiden Ländern herrscht Vielfalt und Meinungsfreiheit, aber auch Ausgrenzungen sind Teil des Alltags. Migrationsbewegungen, ethnische und religiöse Auseinandersetzungen, Gender-Ungleichheit gehören zur täglichen Realität: Überall fühlen sich Menschen „out of place“.

In Teams und von Mentoren aus der Branche unterstützt haben die Filmschaffenden ergründet, was Identität in ihren Ländern bedeutet und wo Integration gelingen kann. Nach Entwicklungsphasen in Berlin und Tel Aviv, Seminaren in Israel und Dreharbeiten in beiden Ländern sind zehn kurze Dokumentarfilme entstanden, die zu einer Dokumentation zusammengefasst werden: Ein Mosaik aus Bildern und Stimmen beider Länder, das anschließend auf deutschen und israelischen Filmfestivals zu sehen sein wird – unter anderem im Mai auf dem Festival Docaviv 2017.

Teilnehmer von „Out of Place“ über ihre Projekte und die deutsch-israelische Zusammenarbeit:

Ittai Meyer und Carmit Shlomi über „Hamza“ (Foto oben)

„Die Arbeit am Out of Place-Projekt war für uns auch eine Gelegenheit, unsere eigenen Überzeugungen und Vorurteile zu prüfen. Wir sind nicht nur beim Filmemachen Partner. An der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem haben wir uns als Studenten kennengelernt und seitdem viel zusammen gearbeitet. Hamza trafen wir zum ersten Mal beim Besuch einer Schule für Gehörlose. Es war unsere erste persönliche Begegnung mit der Lebenswelt tauber Menschen. Hamza ist selbst ein Filmemacher, wir teilen eine Leidenschaft. Er entwickelt Comicvideos, die ihn in der Gehörlosen-Community bekannt gemacht haben. Wir begannen also, mit einer Spiegelreflex-Kamera im Klassenzimmer zu experimentieren. Es entstanden Interviews und Comic-Beiträge, während sich unsere Freundschaft vertiefte. Die Verständigung war am Anfang nicht leicht, aber als Hamza erkannte, was wir vorhatten, wurde er nicht nur ein sehr natürlicher Schauspieler, sondern beteiligte sich kreativ am Projekt. Wir konnten uns also auf Hamzas Auftritt vor der Kamera verlassen. Das gab uns ungewöhnlich viel Freiheit für einen Dokumentarfilm. Seine dramatische Interpretation der eigenen subjektiven Erfahrung hat unsere Produktion gelenkt. Gleichzeitig waren die Charaktere, die Orte und Ereignisse alle lebensecht und real. Ausgegrenzt zu werden ist zwar schmerzhaft, aber es zwingt denjenigen dazu, sich selbst näher zu kommen und seinen eigenen Regeln zu folgen. Daraus entsteht, wie im Fall von Hamza, manchmal etwas Einzigartiges.“

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Elke Margarete Lehrenkrauss über „Moonlight Princess“

Elke Margarete Lehrenkrauss

„ ,Moonlight Princess‘ handelt von einer jungen Frau mit Albinismus, deren großer Traum es ist, Schauspielerin zu werden. Wir begleiten sie durch ihren Alltag und erleben die Schwierigkeiten, mit denen sie zu tun hat. Um ihre Lebenswirklichkeit mit nur acht Prozent Sehkraft und ihre extreme Lichtempfindlichkeit spürbar zu machen, haben wir den Film in schwarz-weißem Infrarot gedreht. Licht erhält auf diese Weise eine besondere Qualität, genau wie im Leben der Protagonistin: Von der Sonne getroffene Flächen werden extrem hell, fast gleißend. ,Moonlight Princess‘ ist experimentell, kein Aufklärungsfilm. Er versucht, den Zuschauer durch die audiovisuelle Umsetzung emotional für die Realität der Protagonistin zu interessieren. Entgegen aller Erwartungen schafft Nadine es am Ende, an der Schauspielschule aufgenommen zu werden und damit ihrem Traum einen Schritt näher zu kommen. In meinen Arbeiten beschäftige ich mich viel mit der Identitätsfindung von Menschen in ungewöhnlichen Lebensumständen und denen, die sich am gesellschaftlichen „Rand“ bewegen – freiwillig oder unfreiwillig. Sie müssen eine Art von Stärke entwickeln, die ich faszinierend finde. Oft porträtiere ich dabei Frauen. Vergangenen Mai begann die Produktion von ,Out of Place‘ in Israel, wo mein Kameramann Christoph Rohrscheidt und ich uns mit den anderen Teilnehmern trafen und unsere Projekte planten. In ihrer Gestaltung waren wir ganz frei. Unsere Mentoren, die Regisseure Uli Gaulke und Bettina Blumner, haben uns bei der Entwicklung unterstützt. Ich wünsche dem Film, dass er nicht nur auf Festivals, sondern auch auf Plattformen im sozialen Bereich gezeigt wird. Er soll einen Zugang zum Albinismus schaffen.“  

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Jamal Khalaile über „Ebrahem“

Jamal Khalaile

„Identität ist etwas, in das du hineingeboren wirst. Aber du kannst sie beeinflussen. Ich bin in einer Umgebung der kulturellen Unterschiede groß geworden, mit einem kommunistischen Vater und einer streng gläubigen muslimischen Mutter, in Akko, einer Stadt voller Christen, Muslime und Juden. Ich habe einen jüdischen Kindergarten und eine christliche Klosterschule besucht und viel Zeit in Europa verbracht. Das würde für jede Menge unterschiedliche Identitäten reichen. Wer also bin ich? Muslim, Araber, Palästinenser, Israeli, Europäer? Ich wollte die Geschichte eines Outsiders erzählen, mit dem ich mich identifizieren konnte. Meine Bekanntschaft mit Ibrahim, einem ehemaligen erfolgreichen Bodybuilder und heutigen Muezzin der Stadt, brachte mich auf die Idee. Seit einem Unfall vor zwölf Jahren lebt er streng religiös. Vier oder fünf Mal am Tag ruft er in Akko zum Gebet. Seine Stimme ist musikalischer, beseelter als die der anderen Muezzin. Gleichzeitig trainiert er weiter, er will wieder an Wettkämpfen teilnehmen. Diesen Widerspruch zwischen seiner Arbeit, seiner religiösen Überzeugung und dem Drang nach körperlicher Perfektion galt es darzustellen. Die größte Herausforderung war, Ibrahims Motivation zu erfassen. Dafür musste er sich öffnen. Ich wusste nicht, ob er sein Ziel erreichen oder seine Religion ihn daran hindern würde.“

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Tamar Kay über „The Dreamer“

Tamar Kay

 „,The Dreamer‘ ist eine Reise durch die Träume verschiedener arabischer und jüdischer Kinder: ein Mosaik der Region. Meine Kollegin Orit Fouks und ich haben uns von dem Roman ,The Yellow Wind‘ des israelischen Schriftstellers David Grossmann inspirieren lassen und uns gefragt: Wie träumt ein Kind aus Palästina heute von den Bewohnern Israels – und umgekehrt? Die Idee war, einen Film zu machen, der zwar auf der Realität basiert, aber eine poetische Note hat. Im Moment des Träumens sind wir auf eine besondere Weise ,out of place‘. Es eröffnet uns Wahrheiten über unsere Identität. Einen Monat lang haben wir Kinder befragt. Wir haben sie besucht, ihre Familien kennengelernt, mehr über die arabische Lebenswelt erfahren. Manchmal ist der Prozess des Filmemachens fast noch spannender als das Ergebnis. Die Träume der Kinder in Jerusalem waren von den Gewalttaten geprägt, die zu diesem Zeitpunkt in Jerusalem stattfanden. In Tel Aviv haben die Kinder ganz anders geträumt. Ein Mädchen, eine der jüngsten, erzählte uns einen besonders interessanten Traum: Sie befindet sich auf dem Weg von einem unbenannten Volksstamm zu einem anderen. Mitten auf der Strecke steht eine große Pforte. Niemand traut sich hindurch und niemand weiß, was auf der anderen Seite ist. Aber sie beschließt, es zu wagen und das Unbekannte zu entdecken. Träume hängen immer mit dem zusammen, was wir erleben. Aber es steckt auch ein absurdes, irreales Element in ihnen. Wir haben versucht, diese beiden Aspekte mit filmischen Mitteln ineinander zu verstricken.“

Tamar Kay steht mit Ihrem Film „The Mute’s House“ auf der Shortlist für den Kurz-Doku-Oscar 2017

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Tama Tobias Macht über „Blending In“

Tama Tobias Macht und Johanna Sunder-Plassmann

„Als ich mit 19 aus Jerusalem nach Deutschland kam, lernte ich, was es heißt, ,out of place‘ zu sein. Das neue Land, die Sprache, die deutschen Gewohnheiten und Verhaltensweisen erfüllten mich mit einer tiefen Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Familie und dem Vertrauten, den Orten meiner Erinnerung. Seit mehr als einem Jahrzehnt wohnte ich jetzt in Deutschland. Ich bin Filmregisseurin und arbeite schon lange mit der deutschen Dokumentarfilmerin Johanna Sunder-Plassmann zusammen. Es war also eine naheliegende Entscheidung, einen gemeinsamen Beitrag für das Projekt zu entwickeln. Wir haben uns für die Obdachlosen in Köln entschieden. Im Zentrum der Geschichte steht Ionel, ein Rumäne, der beim Flaschensammeln, Zeitungs-Verkaufen und Betteln mehr Geld verdient als in einem festen Job in seiner Heimat. Sein Traum ist es, eines Tages seine Familie zu sich zu holen. Darin, dass Menschen an einem öffentlichen Ort leben und trotzdem außerhalb der Gesellschaft stehen, liegt eine tiefe Ironie.“

Johanna Sunder-Plassmann über „Blending In“

„Vor unserem gemeinsamen Projekt habe ich mich für einen Film mit dem Thema Sammeln beschäftigt und mich gefragt, welche Informationen und Gefühle Objekte enthalten können. Gemeinsam mit Tama habe ich dann fast zwei Jahre im Umfeld von Obdachlosen recherchiert. Die persönlichen Gegenstände der Menschen ohne Wohnsitz stellen authentisch dar, was es heißt, ausgegrenzt zu sein. Während dieser Zeit fiel uns auf, dass es auch am Flughafen Obdachlose gibt. Sie sind weniger sichtbar als in Städten und müssen sich unauffällig verhalten, damit sie geduldet werden. Oft bekommen sie nur wenige Stunden Schlaf pro Nacht. Unser Protagonist Ionel lebt am Kölner Flughafen. Er hat etwas unglaublich Zartes an sich. Diese Seite an ihm wollten wir zeigen. Sie widerspricht den gängigen Vorstellungen, die wir sonst von Obdachlosen haben. ,Blending In‘ nutzt ein verfremdendes Element. Wir haben bewegungslose Bilder in den Film eingebettet, die immer wieder auftauchen. Sie stehen für den Kontrast zwischen dem inneren Stillstand des Protagonisten und dem Transitort Flughafen. Jeder hat ein Ziel, eine Richtung, weiß, wo er hinwill. Ionel fehlt diese Perspektive.“

Förderer des Projekts „Out of Place“ sind die Europäische Union, der Gesher Multicultural Film Fund in Jerusalem, das Medienboard Berlin-Brandenburg, die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und das Deutsch-Israelische Zukunftsforum. Deutscher Partner und Produktionsfirma der deutschen Filme ist die One Two Films GmbH in Berlin. Die in Israel entstandenen Filme produziert die Firma Green Productions, die im Auftrag des Gesher Funds das gesamte Projekt koordiniert. Für den Social-Media-Auftritt ist die israelische Plattform ANU – Making Change verantwortlich. 

out-of-place.org

www.docaviv.co.il/org-en

facebook.com/outofplace123

twitter.com/outofplacefilm