Die Welt nach Corona

Was wird vom Leben mit der Pandemie bleiben? Betrachtungen von Bernd Kortmann und Günther G. Schulze

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Gesellschaft, Bildung, Wirtschaft, Politik – was wird in den verschiedenen Bereichen vom Leben mit der Pandemie bleiben? Bernd Kortmann und Günther G. Schulze vom Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) haben in einem Sammelband Stimmen von Expertinnen und ­Experten zusammengetragen. Hier fassen sie die ­Einschätzungen zusammen.

Noch befindet sich die Welt mitten in der Corona-Pandemie, die beinah alle Länder fest im Griff hat, aber es gibt inzwischen wirksame Impfstoffe, die dem Schrecken ein Ende bereiten könnten – das Licht am Ende des Tunnels ist schon zu sehen. Wie aber wird die Welt jenseits von Corona aussehen? Markiert die Pandemie eine Trendwende oder ist sie nur eine Delle in langfristigen Entwicklungslinien? Was wird bleiben von der Krise?

Zunächst einmal das Gefühl der individuellen und systemischen Verwundbarkeit. Die Corona-Pandemie ist für Westeuropa die größte Krise nach dem Zweiten Weltkrieg, in medizinischer, ökonomischer wie gesellschaftlicher Hinsicht. Dieses Gefühl wird die Pandemie überdauern. Die relative Sicherheit, in der viele Menschen nach dem Ende des Kalten Krieges gelebt haben, ist unwiederbringlich dahin. Das wird nicht nur das Lebensgefühl nachhaltig verändern, es wird die individuelle und gesellschaftliche Vorsorge erhöhen. Inves­titionen in das Gesundheitssystem werden steigen, die Diskussionen um Kosteneinsparungen ebendort verstummen. Staatliche Stellen werden mehr Vorsorge betreiben, damit es bei der nächsten Pandemie nicht wieder zu Engpässen bei Schutzausrüstungen und in Gesundheitsbehörden kommt.

Ein neues Miteinander – und der Mitmensch als potenzielle Gefahr

Die Corona-Krise wird, so ist die Hoffnung, zu einem anderen Miteinander führen. Während der Krise besteht ein merkwürdiges Spannungsverhältnis im Verhältnis der Menschen zueinander. Alle sind vom Virus und seinen gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen betroffen, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Das schuf zunächst Solidarität und ein neues Gemeinschafts- und gemeinschaftliches Verantwortungsgefühl. Personengruppen, die vorher nicht im Fokus der Aufmerksamkeit standen, erfuhren wegen ihrer lebens- und systemerhaltenden Funktion endlich Wertschätzung, etwa Pflegepersonal oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Lebensmittelhandel sowie von Paketlieferdiensten.

Andererseits sind die Mitmenschen potenzielle Virusträger – ihr Verhalten bestimmt die eigene Risikoexposition, sie werden zu einer möglichen Gefahr. Dies führt zu Individualisierung und Distanzierung – Begrüßungs- und Verabschiedungs­rituale wie Handschlag, Umarmung oder Wangenkuss werden unzeitgemäß – sowie zu wachsender Isolierung und Vereinsamung, besonders bei psychisch labilen Menschen. Tatsächlich ist die Gefahr einer „dritten Welle“ im Sinne einer starken Zunahme psychischer Erkrankungen, besonders von Angststörungen und schweren Depressionen, durch alle Schichten und Altersgruppen hindurch höchst real und in den Kliniken und Praxen bereits angekommen.

Natürlich ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht absehbar, wie viel von dem neuen Miteinander und den „Corona-Gefühlen“ dauerhaft bleiben und was davon in Zeiten des zunehmenden „Corona-Blues“ wieder zurückgedreht werden wird. Viele Expertinnen und Experten aus den verschiedenen Bereichen sehen jedoch die Bündelung aller Kräfte zur Bewältigung der Corona-Krise als Chance zur Bewältigung noch größerer Krisen, vor allem der durch den Klimawandel ausgelösten ökologischen Krise. Auch besteht weitgehend Übereinstimmung darin, dass es kein Zurück in die vermeintlich gute alte Normalität geben wird. Vielmehr müsse die Corona-Krise als Chance zum grundlegenden Nach- und Neudenken, durchaus verbunden mit einem moralischen Aufbruch, genutzt werden und unter anderem zu einer nachhaltigen Umwelt-, Klima-, Wirtschafts- und Sozialpolitik führen – insgesamt mit dem Ziel einer stärkeren Gemeinwohlorientierung.

Katalysator der digitalen Kommunikation

Auch wenn konkrete Prognosen für die Welt nach Corona schwierig bleiben, viele Entwicklungslinien sind schon jetzt gut zu erkennen. Eine davon ist die Digitalisierung. Der Trend zur digitalen Kommunikation wird sich verstärken, hier wirkt die Krise wie ein Katalysator. Unternehmen, Hochschulen und Behörden, von denen manche bislang zögerlich in der Adaption neuer Kommunikationstechnologien waren, sind durch Corona gezwungen, neue digitale Formate auszuprobieren. Dort, wo sie gute Erfahrungen gemacht haben, werden diese Veränderungen bleiben. Es werden also verstärkt Home­office, Videokonferenzen und Online-Lehre genutzt werden, zumal sich dadurch Kosten einsparen lassen und sich die Attraktivität der Arbeitgeber durch entsprechende Angebote erhöht.

Das wird Auswirkungen auf den Immobilienmarkt haben – einerseits, weil es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nicht mehr so wichtig sein wird, nahe ihres Arbeitsplatzes in den Ballungszentren zu leben, andererseits, weil weniger Büroräume nötig sind. Der Trend zum Homeoffice wird auch die Frauenerwerbstätigkeit tendenziell weiter erhöhen, da sich Familie und Beruf mit den neuen flexiblen Arbeitsmöglichkeiten besser vereinbaren lassen. Während die Frauen zu den besonders Betroffenen der Einschränkungen des öffentlichen Lebens gehörten, weil die Kinderbetreuung überproportional auf ihren Schultern ruhte, weil Frauen häufiger von Arbeitsplatzverlust betroffen waren als Männer und weil häusliche Gewalt zunahm, könnten sie vom Digitalisierungsschub besonders profitieren.

Ökonomie und Arbeitsmarkt im Umbruch

Auf dem Arbeitsmarkt sind erhebliche Anpassungsbewegungen zu erwarten – nicht nur, weil bestimmte Branchen wie etwa die Hotel- und Verkehrsbranche langfristig umstrukturieren müssen, sondern auch weil die Übergänge von Schule in Ausbildung oder vom Studium in den Arbeitsmarkt sowie Wechsel des Arbeitsplatzes deutlich schwieriger geworden sind. In der Krise werden weniger Ausbildungsplätze angeboten und die Firmen stellen weniger Menschen ein. Dies birgt die Gefahr, dass es zu einer „Generation Corona“ kommt, die auch nach Ende der Krise die Brüche in ihren Ausbildungs- und Beschäftigungsbiografien spüren wird. Ähnliches könnte Schülerinnen und Schülern, besonders den schwächeren oder solchen mit Migrationshintergrund, drohen, falls es erneut zu längeren Schulschließungen kommt, nicht zuletzt da die Pandemie insbesondere im Bereich des deutschen Schulwesens deutliche Schwächen in den Bereichen Digitalisierung und Medien(didaktik/)-­kompetenz der Lehrkräfte aufgedeckt hat.

Corona hat einen enormen Produktivitätsschock ausgelöst, der sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite betrifft. Die Produktion ist teurer geworden, unter anderem wegen der Umsetzung von Hygienekonzepten. Zugleich geht die Nachfrage zurück, weil die Menschen in Krisen Konsumzurückhaltung üben und die Realeinkommen gesunken sind. Die Folgen sind Insolvenzen, Arbeitsplatzverluste und Umstrukturierungen – übliche Begleiterscheinungen einer Wirtschaftskrise. Allerdings war die Krise tiefer als vorangegangene und noch ist unklar, ob die Erholung schnell sein wird. Die vielfältigen Staatshilfen, so richtig sie im Grundsatz auch sind, können dazu führen, dass sich überfällige Strukturanpassungen verzögern und nicht wettbewerbsfähige Betriebe am Leben gehalten werden. Umgekehrt können Hilfen nicht schnell oder nicht zielgenau genug geleistet werden, sodass Betriebe, die in Nach-Corona-Zeiten wettbewerbsfähig wären, es nicht durch die Krise schaffen und erst mühsam neue Strukturen aufgebaut werden müssen.

In jedem Fall werden die enormen zusätzlichen Staatsausgaben zu einer deutlichen Hypothek werden. Sollten die Märkte das Vertrauen etwa in die großen europäischen Staaten verlieren, könnte es zu einer Staatsschuldenkrise mit sehr weitreichenden Folgen kommen. Der von der EU beschlossene mehrjährige Finanzplan 2021 bis 2027 in Höhe von knapp 1,1 Billionen Euro und der Corona-Sonderfonds in Höhe von 750 Milliarden Euro, davon 390 Milliarden Euro an Zuschüssen, mögen zwar kurzfristig beruhigen. Gleichzeitig birgt dies die Gefahr einer dauerhaften Vergemeinschaftung der Schulden, mit den bekannten gravierenden negativen Anreizwirkungen für eine solide Präventions- und Finanzpolitik.

Die Pandemie als geopolitischer Faktor

Corona wirkt sich auch auf die Weltordnung aus. Zunächst: Das Agieren der US-Administration in der Pandemie mag dazu beigetragen haben, dass die Trump-Regierung abgewählt worden ist, was Anlass zur Hoffnung gibt, dass die USA international wieder eine konstruktive Führungsrolle spielen werden. Dann: Eben dieses Agieren der USA hat zu erhöhtem Selbstbewusstsein der chinesischen Führung geführt. Sie nutzt die coronabedingte Aufmerksamkeitslücke und tritt vielerorts zunehmend konfrontativ auf. Diese Entwicklungen hin zu einem verstärkten Dualismus von China und den USA waren bereits vorgezeichnet – hier, wie in vielen anderen Dingen, hat die Corona-Pandemie beschleunigend gewirkt. Schließlich werden auch der vielfach zutage getretene Impfnationalismus im Kampf um die Entwicklung und Verteilung der Impfstoffe, aber auch die Instrumentalisierung der Impfstoffe nachwirken.

Insgesamt hat Corona zu einem Rückschlag für die populistischen Regierungen in demokratischen Staaten geführt, nicht aber zu einem Rückschlag für viele Regierungen autoritärer Staaten. Sie hat auch, je länger die Krise dauert, Corona-Leugnerinnen und -Leugnern sowie Anhängerinnen und Anhängern von Verschwörungstheorien – überschaubar in der Zahl, doch laut und präsent in den Medien – Auftrieb gegeben. Auch wenn an diesen wenig wirklich coronaspezifisch ist, sondern hier weitgehend die gleichen Mechanismen wie bei den Verschwörungstheorien der Vergangenheit greifen.

Sieg der Wissenschaft über die Krise

Eindeutig befördert hat die Pandemie die Einsicht in die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung. Gleichzeitig hat sich aber gezeigt, dass die Wissenschaftskommunikation in die Gesellschaft, Politik und Medien hinein noch deutlich verbessert werden kann. Die Pandemie hat zudem die Erkenntnis befördert, dass Regierungen, die entschlossen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse handeln, transparent informieren und ihr Handeln gut erklären, ihre Länder besser durch die Krise bringen als ideologiegetriebene Regierungen. Letztendlich – und welch besseren Beleg als die schnelle Zulassung von Corona-Impfstoffen könnte es dafür geben – wird diese Krise durch die Wissenschaft besiegt werden. Auch das ist eine zentrale Erkenntnis, die von der Zeit mit Corona bleiben wird und die uns helfen kann, die großen Probleme anzugehen, die noch vor uns liegen.


 

VIELFÄLTIGE PERSPEKTIVEN

Die Autoren des Beitrags Professor Bernd Kortmann und Professor Günther G. Schulze sind Herausgeber des Buches „Jenseits von Corona. Unsere Welt nach der Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft“, erschienen im September 2020 im Verlag transcript. In dem Band versammeln sie Beiträge von 32 sehr renommierten Forscherinnen und Forschern verschiedener Disziplinen, darunter beispielsweise der Philosoph Markus Gabriel, der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle, der Ökonom und Vorsitzende der „Wirtschaftsweisen“ Lars Feld, die Mikrobiologin und frühere Vize­präsidentin der Leopoldina Bärbel Friedrich sowie die Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler und der Politologe Herfried Münkler. Bernd Kortmann ist Professor für Anglistische Linguistik und Sprecher des Direktoriums des Freiburg Institute for Advanced ­Studies (FRIAS), Günther G. Schulze ist Professor für Volkswirtschaftslehre und wissenschaftlicher Direktor für Sozialwissenschaften des FRIAS.

www.frias.uni-freiburg.de

 


 

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