Wie sich Heimat anfühlt

Verändern sich Gefühle in der Ferne? Was oder wo ist Heimat überhaupt? Drei Stimmen von Menschen aus Lateinamerika in Berlin.

Heimat – das sind Orte, an denen man sich wohl fühlt.
Heimat – das sind Orte, an denen man sich wohl fühlt. Cesar Okada/iStock

„Heimat ist ein Gefühl der Zugehörigkeit“

Heimat ist für mich ein Gefühl der Zugehörigkeit. Ein Mensch kann eine Vielzahl von Orten oder Welten haben, die er als Heimat ansieht. Es ist kein objektiver Begriff. Wenn man Heimat als einen Ort definiert, an dem man sich vertraut fühlt, ist das etwas sehr Subjektives. Das hat mit Erinnerungen, mit Gerüchen und Geräuschen zu tun.

Ich möchte den Begriff nicht auf Bratwurst- oder Lederhosenniveau reduzieren. Das wäre für mich als Brasilianerin Strand, Caipirinhas, schwarze Bohnen oder Samba. Ich habe eher Erinnerungen an blauen Himmel, bunte, leuchtende Blumen oder ruckartige Sonnenuntergänge, die so anders sind als das langsame Ausklingen des Tages auf der Nordhälfte der Erde. Die Gerüche! Dieser intensive Geruch von Guaven, Papayas und Jaca, eine Frucht die einen durch ihren intensiven Duft betrunken machen kann. Das Singen! Hunderte von Liedern auswendig können und immer neue dazu lernen. Stunden singend mit Freunden verbringen. Die Geräusche, die so anders sind als die Stille, die man in Deutschland kennt. Offene Fenster, aus der laute Musik strömt.

Meine deutsche Heimat hat andere Gerüchte: die frisch gebackenen Plätzchen zur Weihnachtszeit. Sie hat andere Farben: das strahlende Weiß des Schnees im Winter. Meine beiden Heimatorte sind sehr unterschiedlich, aber ich möchte keinen von ihnen missen. Wenn ich Heimweh nach Brasilien verspüre, gehe ich samstags auf den Stoffmarkt am Maybachufer in Berlin-Kreuzberg. Dort findet man einen kleinen Stand mit brasilianischen Köstlichkeiten. Diese genieße ich auf Bänken am Ufer des Landwehrkanals und fühle mich beinahe wie zu Hause.“

Zinka Ziebell
Zinka Ziebell (65) ist Lehrbeauftragte für Brasilianisches Portugiesisch sowie Literaturen und Kulturen Lateinamerikas am Lateinamerika-Institut (LAI) der Freien Universität Berlin. Die gebürtige Brasilianerin lebt seit mehr als 30 Jahren in Berlin.

In der Sprache, in der man sich wohl fühlt und Gefühle ausdrücken kann, fühlt man sich beheimatet.

Sérgio Costa, Professor für Soziologie und Direktor des Lateinamerika-Instituts der FU Berlin

„Heimat – das sind Orte und Sprache“

„In der deutschen Sprache hat Heimat eine besondere Bedeutung, die sich in meine Muttersprache Portugiesisch nur schwer übersetzen lässt. Ich würde sagen, Heimat – das sind Orte, an denen man sich wohlfühlen kann. Ich verwende hier den Plural, weil ich die Zugehörigkeit durch die Verbindung zu Menschen, Tieren oder Pflanzen an mehreren Orten dieser Welt verspüre, demnach also mehrere Heimaten habe.

Eine andere Idee von Heimat, die mir sehr gefällt, stammt aus einem Dokumentarfilm. Da sagte eine jüdische Migrantin aus Deutschland in Brasilien: ,Heimat ist für mich die Sprache. Ich lebe zwar an diesem Ort, aber ich spreche Deutsch und das ist das, was mich beheimatet.‘ Das fand ich einen wirklich mächtigen Gedanken. In der Sprache, in der man sich wohl fühlt und bestimmte Gefühle ausdrücken kann, fühlt man sich auch beheimatet.“

Sérgio Costa
Sérgio Costa (57) ist Professor für Soziologie und Direktor des LAI. Er stamm aus Belo Horizonte in Brasilien und lebt seit mehr als 20 Jahren in Berlin.

„Heimat existiert in geliebten Menschen“

„Heimat ist nicht notwendigerweise der Ort, an dem wir geboren sind oder wir leben. Wenn es so etwas wie Heimat in dieser globalisierten Welt gibt, dann existiert sie in den geliebten Menschen, egal wo wir sind, wo sie sind oder woher sie kommen. Kürzlich habe ich Heimat gespürt, als ich eine Freundin in Brasilien traf, die ich aus Berlin kenne. So kann die Heimat an unerwarteten Orten gefunden werden. In Berlin habe ich wenig Gelegenheit, Heimweh zu bekommen, weil ich dank meiner Arbeit und der gesegneten sozialen Netzwerke in regelmäßigem Kontakt mit meiner Familie und Freunden stehe. Andere Latin@s finden am Lateinamerika-Institut oder Iberoamerikanischen Institut sicher Menschen und Ereignisse, die die Sehnsucht nach ihrem Land stillen werden – vom Gespräch bis zum Mariachi-Konzert.“

Lorena López Jáuregui
Die mexikanische Historikerin Lorena López Jáuregui (28) schreibt zurzeit ihre Doktorarbeit am Lateinamerika-Institut. Seit vier Jahren pendelt sie zwischen ihrer Heimatstadt Puebla und Berlin.

Zum Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin: Das LAI ist das größte Institut für Lateinamerikaforschung in Deutschland. Auch europaweit ist es in diesem Bereich führend. Seit 1970 bietet es Studierenden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein ausgezeichnetes, interdisziplinäres Forschungsumfeld mit zahlreichen nationalen und internationalen Kooperationen. Zurzeit arbeiten und forschen sieben Professor/innen und mehr als 25 wissenschaftliche Mitarbeiter/innen in sieben sozial- und kulturwissenschaftlichen Fächern, darunter auch viele Männer und Frauen aus Lateinamerika.

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