„Wir müssen dringend über Heimat sprechen“

Was bedeutet Heimat in Zeiten der Globalisierung? Eine philosophische Annäherung.

Heimat ist Natur und Kultur, Bindung und Beziehung
Heimat ist Natur und Kultur, Bindung und Beziehung Adobe Stock/Syda Productions

Darf man heute noch von „Heimat“ sprechen? Oder ist der Begriff besetzt von Populisten, die alles Fremde als bedrohlich verteufeln? Oder gilt das Gegenteil? Wuchern diese fragwürdigen Überzeugungen nicht gerade deshalb, weil Politik, Feuilleton und Wissenschaft allzu lange zu diesem Thema geschwiegen haben? Ist die politische Wiederentdeckung der Heimat nicht auch als eine Gegenreaktion auf globalistische Ideologien zu verstehen, die Mobilität und Flexibilität feiern und Sesshaftigkeit und kulturelle Verwurzelung dämonisieren? Dann müssen wir dringend über Heimat sprechen und zwar ohne diese pathetisch zu verklären oder als Trostpreis der Globalisierungsverlierer zu diffamieren.

Orte, in denen Geschichten eingeschrieben sind

Grundsätzlich gilt: Menschen sind weltoffene Wesen und haben deshalb von Natur aus keine ökologische Nische. Weil wir nirgends so richtig hingehören, weil uns die Welt widrig und unheimlich gegenübersteht, müssen wir uns in ihr ein Zuhause schaffen. Der Raum, in dem wir uns befinden, bewegen und niederlassen, ist aber nicht abstrakt, sondern begegnet uns als ganz konkreter Gegend mit einem prägenden Charakter. Regionale Bräuche reflektieren diese Besonderheiten. Unsere Vorfahren haben der Landschaft und den Orten Geschichten eingeschrieben. Wir gehen aus diesen Geschichten hervor und schreiben sie fort. Heimat ist deshalb Natur und Kultur, Herkunft und Zukunft, Beharrlichkeit und Wandel.

Autor Matthias Burchardt hat sich auch fotografisch mit dem Thema „Heimat“ auseinandergesetzt: Hier zwei Karnevalisten im Chemiepark in Hürth
Autor Matthias Burchardt hat sich auch fotografisch mit dem Thema „Heimat“ auseinandergesetzt: Hier zwei Karnevalisten im Chemiepark in Hürth
Matthias Burchardt

Heimat ist aber auch Bindung und Beziehung. Dass sich an gewissen Orten ein Heimatgefühl einstellt, beruht auf einer Resonanzbeziehung zwischen mir und der Umgebung: Menschenschlag, Gepflogenheiten, Bräuche, Feste, Rituale, Gesten, Mundart, Ortsnamen, Erzählungen, Speisen, Gerüche, Klänge, Klima und Landschaft sind mir verwandt und vertraut, bilden ein Moment meiner persönlichen Identität, im besten Fall eine Kraftquelle. Menschen brauchen diese Vertrautheit für ein gedeihliches Leben. Entwurzelte Menschen sind verletzlich.

Menschen aus ihrer Heimat zu vertreiben, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Bildungsphilosoph Matthias Burchardt

Heimat grenzt an die Fremde. Grenzen gewähren Schutz und sind zugleich Kontaktflächen. Ohne Grenze droht die Heimat ihre schützende Vertrautheit zu verlieren, ohne Offenheit wird sie zum Gefängnis. Einige Menschen verlassen ihre Heimat und finden – möglicherweise – an einem anderen Ort eine neue Heimat. Dies gelingt aber nicht von heute auf morgen durch eine spontane Willensentscheidung, sondern erst in einen langjährigen Prozessen des Sich-Einlebens. Menschen aus ihrer Heimat zu vertreiben, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, da man ihnen nicht nur Besitz und Bleibe entzieht, sondern einen Teil ihrer Identität raubt. Die Solidarität mit Heimatlosen rührt aus der mitfühlenden Einsicht in diesen tiefen Verlust.

Auch Sesshafte können heimatlos sein

Heimat ist stets gefährdet. Kriege, politische Verfolgung, wirtschaftliche und ökologische Krisen vertreiben Menschen aus ihrer Heimat. Modernisierung, Digitalisierung, Globalisierung, Ideologisierung, Ökonomisierung und Migration entfremden Menschen ihrer Heimat. Landschaften erscheinen als zu bewirtschaftende Gelände und Orte verkümmern zu Standorten, die beliebig abgewickelt werden können. Heimat wird musealisiert oder als Marketingsignal des Tourismus zu Markte getragen. Der „flexible Mensch“ in den Zeiten der globalisierten Wirtschaft und Kultur, von dem etwa der Soziologe Richard Sennett spricht, ist entwurzelt. Er ist ein nihilistischer Nomade, seine Mobilität kommt an keinem Ort mehr zur Ruhe. Doch auch der Sesshafte ist von der Heimatlosigkeit betroffen, wenn Gesellschaften transformiert und Traditionen brüchig werden, wenn sozialer Zusammenhalt zerfällt.

Nicht Heimatlichkeit, sondern deren Zerstörung ist die Quelle von Radikalismus, Extremismus und Gewalt.

Matthias Burchardt
Dr. Matthias Burchardt ist als Akademischer Rat am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Lebensspanne an der Universität zu Köln tätig.

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