Impfungen möglich machen in 92 Ländern

Der Deutsche Benjamin Schreiber koordiniert von New York aus für UNICEF die Logistik der globalen Impf-Initiative COVAX.

Transport von Impfdosen in das entlegene nepalesische Distrikt Jumla
Transport von Impfdosen in das entlegene nepalesische Distrikt Jumla UNICEF/Laxmi-Prasad-Ngakhusi

Es ist eine der wichtigsten und schwierigsten Aufgaben, vor denen die Weltgemeinschaft derzeit steht: für eine gerechte Verteilung der Impfstoffe gegen Covid-19 zu sorgen. Benjamin Schreiber sitzt bei der komplexen Planung mit am Tisch. Der Deutsche ist stellvertretender Leiter der globalen Impfprogramme des UN-Kinderhilfswerks UNICEF. Derzeit koordiniert er die Auslieferung von Corona-Impfstoffen im Rahmen der Initiative COVAX, die weltweit für einen fairen Zugang zu den Vakzinen sorgen soll.

Herr Schreiber, UNICEF ist mit der Logistik von COVAX betraut. Warum ist gerade das UN-Kinderhilfswerk geeignet dafür?

UNICEF hat eine lange Geschichte in diesem Bereich: Seit mehr als 70 Jahren organisieren wir weltweit Impfungen für Kinder. Wir sind geübt darin, auch Kinder in Slums, Konfliktgebieten und abgelegenen ländlichen Regionen zu erreichen. Außerdem ist UNICEF der größte Einkäufer von Impfstoffen sowie von Impf-Zubehör wie Spritzen oder speziellen Kühlschränken – mehr als eine Milliarde US-Dollar investieren wir dafür pro Jahr. Darüber hinaus haben wir mehr als 100 Landesbüros mit etablierten Kontakten zu den jeweiligen Gesundheitsministerien. All das sind wichtige Erfahrungen, die wir bei COVAX einbringen.

Benjamin Schreiber, Koordinator für COVAX bei UNICEF
Benjamin Schreiber, Koordinator für COVAX bei UNICEF
© privat

 

Obwohl die eigentlich Zielgruppe von UNICEF – zumindest vorerst – nicht gegen Covid-19 geimpft wird.

Das stimmt, aber auch Kindern hilft die Impfung für Erwachsene, denn sie leiden stark unter der Pandemie: weil sie nicht in die Schule gehen können, weil es mehr Gewalt gegenüber Kindern gibt und weil soziale Netze oft nicht mehr funktionieren. Viele Kinder haben in der Pandemie auch ihre Routine-Impfungen nicht bekommen, weil die Gesundheitssysteme ihrer Länder kollabiert sind. Die Sekundäreffekte der Corona-Krise für die junge Generation sind also groß, auch deshalb arbeiten wir bei COVAX mit.

Was ist Ihre persönliche Rolle dabei?

Meine Aufgabe ist es vor allem, die Länder auf den Erhalt der Impfstoffe vorzubereiten. Dabei gibt es vier Phasen. Die erste bestand darin, Anleitungen zu erarbeiten und Trainings zu konzipieren. In der zweiten Phase haben wir gemeinsam mit allen 92 Ländern, die Impfstoffe von COVAX bekommen, nationale Pläne für die jeweilige Impfkampagne entwickelt. Wie werden die Impfstoffe gelagert und verteilt? Welche Prioritäten gibt es dabei? In der dritten Phase haben wir die ersten Impfstoffe ausgeliefert und geschaut: Wie funktioniert das? Wo gibt es welche Probleme? Welche Unterstützung wird benötigt? Jetzt kommen wir langsam in die vierte Phase.

Wie sieht die aus?

Wir wollen das Ganze nun skalieren und gewissermaßen von einer kleinen Manufaktur zum großindustriellen Lieferanten werden. Darauf müssen die Länder optimal vorbereitet sein. Die Anzahl der ausgelieferten Impfstoffe wird sich in den nächsten Monaten vermutlich verzehnfachen. Doch die Systeme, auf die diese Welle zurollt, sind weiterhin fragil

Ankunft von Impfdosen in Bangladesch
Ankunft von Impfdosen in Bangladesch UNICEF/Bashir Ahmed Sujan

Wo liegen die Probleme?

Das größte Problem ist die mangelnde Planungssicherheit für die Länder, wann die nächste Lieferung kommt. Deshalb haben sie auch keinen großen Druck, die nötige Infrastruktur vorzuhalten. Zweitens fehlt es ihnen an Mitteln für große Impfkampagnen, sie sind auf Zuwendungen von Gebern angewiesen. Doch trotz zahlreicher Zusagen ist bislang nicht viel Geld in den Ländern angekommen. Eine weitere Herausforderung ist die Impfskepsis in bestimmten Gruppen und auch beim Gesundheitspersonal in manchen Ländern.

Wie können Sie diesen Hindernissen begegnen?

Wir können die Themen aufnehmen, verstehen und bündeln. Wir sprechen mit den Geldgebern und helfen ihnen zu klären, welche Engpässe es in welchen Ländern gibt, damit sie ihre Gelder zielgerichtet einbringen können. Zweitens versuchen wir als UNICEF selbst, rund 510 Millionen US-Dollar einzusammeln. Zudem arbeiten die Büros vor Ort – unsere sowie die der Weltgesundheitsorganisation und anderer Partnern – intensiv an den Herausforderungen, die in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich sein können

Wie gehen Sie mit Impfskepsis um?

Aus unseren Impfkampagnen etwa gegen Polio und Masern sind wir mit dem Thema schon lange vertraut. So konnten wir über die Jahre verschiedene Ansätze entwickeln. Zum Beispiel betreiben wir Social Listening – beobachten also Diskussionen zu bestimmten Schlüsselbegriffen in den sozialen Medien, um zu verstehen, welche Vorbehalte es gibt. Außerdem arbeiten wir mit religiösen Communities zusammen. Religiöse Führer, die Impfungen unterstützen, haben für uns eine wichtige Funktion als Multiplikatoren.

Welche Rolle spielt Deutschland für COVAX?

Deutschland ist für COVAX einer der wichtigsten Geldgeber. Überhaupt hat sich Deutschlands Rolle bei der globalen Gesundheit in den vergangenen zehn Jahren enorm entwickelt. Und für UNICEF ist das Land sowieso seit Jahrzehnten ein zentraler Partner. Wir hoffen, dass Deutschland eines Tages, wenn die Bevölkerung weitgehend immunisiert ist, über finanzielle Mittel hinaus auch Impfdosen für COVAX zur Verfügung stellen kann.

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