„Der Klimawandel wird zum Härtetest“

John Kirton leitet eine weltweit einzigartige G20-Forschungsgruppe. Das Team um den Professor der Universität Toronto analysiert Stärken und Schwächen der G20.

dpa - John Kirton, G7 summit Ise-Shima 2016

Professor Kirton, wie ist die G20-Forschungsgruppe entstanden?

Im Juni 1988 war Kanada Gastgeber des G7-Gipfels, der zum Teil an der Universität Toronto stattfand. Das war aus unserer Sicht ein guter Zeitpunkt, mit der Forschung zu den G7 zu beginnen und ein entsprechendes Bildungsangebot zu entwickeln. Meine Studierenden in Toronto waren sehr daran interessiert, auch zum G7-Gipfel 1989 in Paris zu reisen. Am Beginn der Wende nach dem Kalten Krieg hat dieser Gipfel Geschichte geschrieben. Wir haben dann auch die weiteren Gipfel verfolgt und die Entstehung der G20 von Anfang an begleitet, beginnend mit dem Treffen der G20-Finanzminister und Zentralbankgouverneure 1999 in Berlin. Mit Blick auf die jeweiligen Themen und Mitglieder ist es das Ziel der G7- und der G20-Forschungsgruppe, als weltweit führende, unabhängige Informations- und Analysequellen zu dienen. Ich betone das Wort „unabhängig“. Mit unseren Compliance-Reports sagen wir den Mächtigen der Welt, ob ihre Regierungen ihren Verpflichtungen aus den vorangegangenen Gipfeln gerecht geworden sind.

John Kirton

Wie erfolgreich sind die G20?

Mit ihrer Reaktion auf die weltweite Finanzkrise haben die G20 einen sehr guten Job gemacht und auch verhindert, dass sich die europäische Finanzkrise weltweit ausbreitet. Mit Blick auf die Finanzstabilität haben die G20 ihre Aufgabe erfüllt. Die zweite wichtige Aufgabe der G20 liegt darin, die Globalisierung zu einem Gewinn für alle zu machen, nicht nur für das oberste Prozent der Weltbevölkerung, sondern auch für das unterste. Finanzstabilität dient dem weltweiten Gemeinwohl, aber die G20 könnten mehr für Arbeiter, die Mittelklasse und auch die wirklich armen Menschen tun. Die G20 waren erfolgreich bei der Verfolgung der Millenniumsentwicklungsziele und der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Aber man darf nicht vergessen, dass noch immer zu viele Menschen im Stich gelassen werden, bedroht vom Klimawandel oder dem Tod durch Hunger.

Was erwarten Sie vom G20-Gipfel in Hamburg?

Die Verhandlungen über den Klimawandel werden zum Härtetest. Bundeskanzlerin Angela Merkel und die anderen Staats- und Regierungschef müssen vor allem Geld für den Kampf gegen den Klimawandel aufbringen. Die Führer der G20 müssen endlich ihre Verpflichtung erfüllen, die Förderung fossiler Brennstoffe zu beenden. Und sie müssen auch Ungerechtigkeiten mit Blick auf die Geschlechter angehen. Es deutet einiges darauf hin, dass wir, je mehr wir die Geschlechtergerechtigkeit erhöhen, umso bessere Entscheidungen bekommen, auch mit Blick auf die Kontrolle des Klimas. In Hamburg richten sich hohe Erwartungen besonders an Angela Merkel, die den Klimawandel schon auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 und auf dem G7-Gipfel in Schloss Elmau 2015 thematisiert hat. Aber Angela Merkel hat die persönliche Glaubwürdigkeit und das Zutrauen, diesen Herausforderungen zu begegnen.

„Merkels Wegbereiter“: Porträt des Gipfel-„Sherpas“ Lars-Hendrik Röller

© www.deutschland.de