„Wir brauchen einander“

Constanze Stelzenmüller von der Brookings Institution über die deutsch-amerikanische Partnerschaft in Zeiten politischer Machtwechsel.

Constanze Stelzenmüller: drängende Themen im Blick
Constanze Stelzenmüller: drängende Themen im Blick dpa

Frau Dr. Stelzenmüller, mit der Einladung an Bundeskanzlerin Merkel zum Treffen mit Präsident Biden im Juli 2021 betonte das Weiße Haus die „tiefen bilateralen Beziehungen“ zwischen den USA und Deutschland. Bilden diese Beziehungen noch ein stabiles transatlantisches Fundament – nach der Abkühlung während der Trump-Administration?

Ich glaube, zur Welt vor Trump gibt es kein Zurück — weil sich zu viel geändert hat. Und dennoch brauchen wir gute bilaterale Beziehungen, weil wir einander bei allen großen Themen brauchen. Derzeit wird das allerdings deutlicher bei der US-Regierung als bei der deutschen: Präsident Biden hat Amerika wieder zurück ins Pariser Abkommen geführt, die US-Truppen in Deutschland aufgestockt und sich trotz Protest im Kongress geweigert, das Gasleitungsprojekt Nord Stream 2 zu sanktionieren.

Was können die USA und Deutschland voneinander erwarten?

Vermutlich wird es bei Nord Stream 2 einen salvatorischen Kompromiss geben. Persönlich bin ich zwar der Ansicht, dass dieses Projekt einer der größeren Fehler der Ära Merkel war. Aber es ist höchste Zeit, es endlich pragmatisch zu regeln, zum Beispiel durch Versorgungs- und Sicherheitszusagen für die Ukraine und Osteuropa, damit wir aufhören, Zeit zu verlieren bei den dringenderen Fragen: Klimawandel, Pandemien und dem Systemwettbewerb der westlichen Demokratien mit Russland und China.

Zuletzt ist die „transatlantische Klimabrücke“ zwischen Deutschland, den USA und Kanada wiederbelebt worden. Welche Chancen sehen Sie in dieser Partnerschaft für den Kampf gegen den Klimawandel?

Inzwischen haben wir wohl alle begriffen, wie dringlich dieses Thema ist. Aber ob dieses Projekt gelingt, hängt vor allem davon ab, ob mächtige Lobbygruppen in Politik und Wirtschaft sich dieser Partnerschaft anschließen, oder sie hintertreiben. Darauf werden andere Akteure – Zivilgesellschaft, Städte, Regionen – auch ein Auge haben müssen, und notfalls selbst Brücken bauen und Tatsachen schaffen.

Die Erwartungen an den oder die Nachfolger/in Angela Merkels sind in den USA sehr, sehr hoch.

Dr. Constanze Stelzenmüller, Brookings Institution

Angela Merkels Amtszeit als Bundeskanzlerin neigt sich dem Ende entgegen. Wie wird in den USA auf den bevorstehenden Wechsel an der Spitze der Bundesregierung geblickt?

Mit sehr gemischten Gefühlen, scheint mir. Der Respekt für Angela Merkels Erfahrung hier ist enorm und überparteilich, aber ihr Eintreten für Nord Stream 2 und gute Beziehungen zu einem immer aggressiver auftretenden China haben hier auch viele befremdet. Die Erwartungen an den oder die Nachfolger/in sind sehr, sehr hoch, und der Wahlkampf wird genau beobachtet. Aber so richtig überzeugt haben die Kandidaten noch nicht.

Als Inhaberin des neu geschaffenen, unter anderem vom Auswärtigen Amt geförderten „Fritz Stern Chair on Germany and trans-Atlantic relations“ beschäftigen Sie sich intensiv mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Was sind Ihre aktuellen Arbeitsschwerpunkte?

Kurzfristig begleite ich den Wahlkampf und den Regierungswechsel in Deutschland erklärend und kommentierend. Gleichzeitig arbeite ich an einem Buch. Und ich werde natürlich auch regelmäßig in Europa gebeten, Amerika zu erklären. Zugleich ist das Interesse an Deutschlands Zukunft in Amerika gewaltig.

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