Am Beispiel der Wirtschaft

Kein Bereich spiegelt die Entwicklung der deutsch-chinesischen Beziehungen in den vergangenen 25 Jahren so gut wie die Wirtschaft.

Ein Blick auf die Zahlen sagt fast alles. 1990, im Jahr der deutschen Wiedervereinigung, kam China auf ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 357 Milliarden US-Dollar, Deutschland auf 1,8 Billionen. Inzwischen hat China Deutschland längst überholt. 2013 erreichte die Volksrepublik ein BIP von 9,1 Billionen, Deutschland lag bei 3,6 Billionen US-Dollar. An dem chinesischen Wirtschaftswachstum hatte Deutschland allerdings seinen Anteil. Rangierte China im Ranking der wichtigsten Handelspartner 1990 noch auf Platz 27, steht die Volksrepublik heute an Nummer 3 direkt hinter den Nachbarländern Frankreich und den Niederlanden – und vor den USA. Im Jahr 2014 wurden Waren im Wert von 154 Milliarden Euro zwischen beiden Ländern gehandelt. Mit keinem anderen Land haben sich die wirtschaftlichen Beziehungen in den vergangenen 25 Jahren so rasant entwickelt wie mit China. Aus der ehemaligen „Werkbank“ ist inzwischen ein Innovationstandort geworden. Aus China kommen inzwischen mehr technologieintensive Produkte wie Elektronik und Maschinen als leichtindustrielle Waren wie zum Beispiel Textilien.

An dem chinesischen Wirtschaftswachstum hat Deutschland jedoch nicht nur durch den Außenhandel partizipiert. Deutsche Unternehmen haben durch ihre Direktinvestitionen in Schlüsselindustrien wie Automobil- und Chemieindustrie und Maschinenbau moderne Produktionsverfahren und Management-Know-how nach China transferiert. Dadurch stieg die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Produkte auf dem Weltmarkt. Deutschen Direktinvestitionen in Höhe von über 40 Milliarden Euro stehen jedoch nur rund 1,4 Milliarden Euro chinesische Investitionen in Deutschland gegenüber. Allerdings hat sich die Investitionstätigkeit chinesischer Unternehmen in den letzten Jahren intensiviert. Immer mehr Unternehmen wollen durch den Aufkauf deutscher Firmen, die über ein hohes Technologieniveau, bekannte Marken und Distributionsnetze verfügen, ihre Internationalisierung vorantreiben. Im Fokus der Investitionen stehen vor allem deutsche Unternehmen im Maschinenbau und in der Automobil-Zulieferindustrie. Auch wenn die ein oder andere Übernahme in Deutschland kritisch betrachtet wird: In den meisten Fällen garantieren die chinesischen Unternehmen den Bestand der Arbeitsplätze in Deutschland und setzen weiter auf Deutschland als Innovationsstandort.

In den 25 Jahren seit der Deutschen Einheit haben sich aber nicht nur die Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen Deutschland und China stark entwickelt. Parallel entstand auch eine enge Zusammenarbeit von staatlichen und privaten Institutionen und Organisationen auf beiden Seiten, bilaterale Dialogforen oder gemischte Kommissionen für sektorspezifische Fragen. Dies wiederum hat die wirtschaftliche Zusammenarbeit erleichtert. Denn nach wie vor sind Deutschland und China nicht nur geographisch weit voneinander entfernt, sondern auch in ihrer politischen und wirtschaftlichen Ordnung sehr unterschiedlich. Darüber hinaus befinden sich beide Länder in verschiedenen Entwicklungsstadien und haben damit unterschiedliche wirtschaftliche Interessen. Dass China eine Herausforderung für die deutsche Wirtschaft bleibt, zeigt der kürzlich verabschiedete Aktionsplan „Made in China 2025“. Damit will China mittelfristig zur führenden Industrienation aufsteigen. Im Fokus der Strategie stehen Zukunftsindustrien wie die Luft- und Raumfahrt, Hochgeschwindigkeitszüge, Elektromobilität und der Ausbau der Stromnetze. Zugleich fördert die Regierung die internationale Expansion chinesischer Technologiekonzerne. China will möglichst bald hochwertige Maschinen und Autos auch im Ausland anbieten.

Dr. Margot Schüller ist Senior Research Fellow am GIGA Institut für Asien-Studien in Hamburg. Seit 1990 beschäftigt sie sich mit Analysen zur Wirtschaftsentwicklung in der VR China.