Die Nachkriegszeit – Vom Kalten Krieg zur friedlichen Revolution

Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert

picture-alliance/akg-images - Berlin 1989

Kalter Krieg in der geteilten Welt

1949

Am 29. August 1949 zündete die Sowjetunion ihre 
erste Atombombe und zog mit den USA als Nuklearmacht gleich. Es war der Beginn einer Rüstungsspirale, die dem 
Kalten Krieg zwischen Ost und West eine neue Dimension verlieh. Mit dem Ausbruch des Koreakriegs im Sommer 1950 drohte der Ost-West-Konflikt erstmals in einen heißen Krieg umzuschlagen. ln der Folge entschlossen sich die Westmächte zu einer Wieder­bewaffnung Westdeutschlands, die 1955 im Rahmen der NATO erfolgte. Die DDR trat 1956 dem Warschauer Pakt bei. Deutschland war ein Brennpunkt des Kalten Kriegs geworden. Mit dem Schlagwort der „friedlichen Koexistenz“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus signalisierte Stalins 
Nachfolger Nikita Chruschtschow 1956 die Anerkennung des Status quo. Dennoch versuchte auch er, die Westmächte aus dem geteilten Berlin zu verdrängen. Als die DDR durch den Flüchtlingsstrom über West-Berlin auszubluten drohte, entschied Moskau auf Drängen der SED, das letzte Schlupfloch 
in den freien Westen abzuriegeln.

Der Mauerbau vom 13. August 1961 rettete die SED-Diktatur 
und zementierte die deutsche Teilung. Doch kaum war der Konfliktherd des Kalten Kriegs auf Kosten der Ostdeutschen be­friedet, brachte die Stationierung sowjetischer Mittelstrecken­raketen auf Kuba im Oktober 1962 die Welt an den Abgrund 
eines Atomkriegs. ln der Folgezeit reifte in beiden Blöcken die Erkenntnis, dass nur die wechselseitige Anerkennung des 
Status quo, begleitet von einem Entspannungsprozess, ein nu­kleares Inferno verhindern würde.

Aufstände im Ostblock

1953

Auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 rechnete Chruschtschow mit Stalins Verbrechen ab. Kurzzeitig keimte Hoffnung auf einen Wandel des Kommunismus. ln Polen brachten im Herbst 1956 Massendemonstrationen Władysław Gomułka an die Macht. Er beendete die Zwangskollektivierung, öffnete der Kirche Freiräume und dämmte die Staatssicherheit ein. Während in Polen die führende Rolle der Partei unange­tastet blieb, kam es zeitgleich in Ungarn zu einer bürgerlich-demokratischen 
Revolution, in deren Verlauf der Reformkommunist lmre Nagy als Ministerpräsident einer Mehrparteienregierung Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt erklärte. Moskaus Antwort war die militärische Intervention. ln der DDR, in der schon am 17. Juni 1953 ein Volksaufstand von sowjetischen Panzern niedergeschlagen worden war, nutzte Walter Ulbricht die Stunde, um mit seinen Kritikern abzurechnen. Er stand auch auf Seiten des Kremls, als Panzer des Warschauer Paktes 1968 in der ČSSR den „Prager Frühling“ niederwalzten. Ab Mitte der 1970er-Jahre entwickelte sich in Polen eine immer machtvollere Opposition, die 1980 
die Zulassung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność erkämpfte, die bald zehn Millionen Mitglieder zählte. Unter dem Druck Moskaus verhängte Ministerpräsident General Wojciech Jaruzelski 
Ende 1981 das Kriegsrecht und verbot die Gewerkschaft. Auch wenn im Zuge der Entstalinisierung nach und nach die offene Gewalt und die Atmosphäre des Terrors in den kommunistischen Diktaturen endete, wurden tatsächliche oder vermeintliche Oppositionelle bis zuletzt verfolgt, zersetzt und inhaftiert.

Ökonomischer Systemwettstreit

1957

„You‘ve never had it so good!“ Was der britische Premier Harold Macmillan seinen Landsleuten 1957 ins Stammbuch schrieb, galt für weite Teile Westeuropas. Das „Wirtschaftswunder“ sorgte seit den 1950er-Jahren für wachsenden Wohlstand, Vollbeschäftigung und steigende Löhne. Konsumgesellschaft und Sozialstaat wurden zu Stabilitätsankern nicht nur der westdeutschen Demokratie. Beide politischen Lager warben um Zustimmung, indem sie bessere Lebensverhältnisse versprachen. Doch im Ostblock blieben Versorgungskrisen allgegenwärtig. „So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben“, hieß das letztlich unerfüllte Zukunftsversprechen. Trotz aller Defizite gab das sowjetische Wirtschaftssystem noch lange gleichermaßen Anlass für Erwartungen und Befürchtungen. Als die UdSSR 1957 den ersten Satelliten in den Weltraum schoss, war der Westen angesichts des technischen und militärischen Potenzials Moskaus geschockt. Während in den 1970er-Jahren die Ölkrise das Ende des unbegrenzten Wachstums markierte und im Westen die Arbeitslosenzahlen anstiegen, sorgten die hoch entwickelten 
Sozialsysteme für gesellschaftliche Stabilität. Im Ostblock hatte am Vorabend 
der globalen Wirtschaftskrise ein fataler Kurswechsel stattgefunden. Immer mehr Ressourcen landeten im Wohnungsbau und im Konsum. Die sozialen Errungenschaften, mit denen um die Zustimmung der Bevölkerung gebuhlt wurde, waren mit westlichen Krediten finanziert. Die wachsende Überschuldung und eine immer marodere Wirtschaft verschärften die ökonomische Situation, die die kommunistischen Regime in den 1980er-­Jahren in den Abgrund führte.

Liberalisierungsprozesse in Westeuropa

1968

Den wachsenden Wohlstand im Westen begleitete 
ein weitreichender gesellschaftlicher und kultureller Wandel. Der Wunsch nach individueller Freiheit und Selbstentfaltung wurde lauter. Mit Rock‘n‘Roll, langen Haaren und Jeanshosen forderte die Nachkriegsjugend die alten Autoritäten heraus. Im Verlauf der 1960er-Jahre politisierte sich die Jugendbewegung. 1968 gingen vielerorts Studierende auf die Straße, in Frankreich und Italien zeitweilig zusammen mit den Arbeitern. Der Protest richtete sich vor allem gegen den US-amerikanischen Krieg in Vietnam und gegen verkrustete Strukturen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Viele Demonstranten träumten von der großen Revolte. In der Bundesrepublik begann man, intensiver als je zuvor, nach der NS-Vergangenheit zu fragen. Das Establishment reagierte auf die 
Demonstrationen geschockt und zunächst mit Polizeigewalt. Eine radikalisierte linke Minderheit sah einen neuen Faschismus 
aufziehen. ln Italien und Westdeutschland gingen in den 1970er-Jahren kleine Gruppen in den Untergrund, um „das System“ 
mit Terror zu überwinden. Letztlich gelang es den politischen Systemen des Westens, die aufbegehrende Jugend zu integrieren. 
Der kulturelle Wandel des Westens machte am Eisernen Vorhang nicht halt. Zudem hatten die jungen Mittel- und Osteuropäer 
mit dem Prager Frühling ihr eigenes .,1968“. Den politischen Regimen im Osten fehlte jedoch die tatsächliche Kraft, um die immer individualistischere und selbstbewusstere Jugend in das System einzubinden. Dadurch vertiefte sich dort die Kluft zwischen den Herrschenden und den Beherrschten beständig.

Entspannungspolitik

1972

Nach der Kubakrise des Jahres 1962 setzten die USA und die UdSSR auf Entspannung. Auch in der Bundesre­publik wuchs die Überzeugung, dass die deutsche Frage nur im europäischen Rahmen lösbar sei. Die faktische Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze in Gewaltverzichtsverträgen mit der UdSSR und Polen durch die Regierung Brandt und das Berliner Viermächte-Abkommen bereiteten den 1972 unterzeichneten Grundlagenvertrag vor.

Nach mehr als zwei Jahrzehnten der Sprachlosigkeit regelten die beiden deutschen Staaten mit diesem Vertrag ihr Nebeneinander. Ost-Berlin revanchierte sich für die De-facto-Anerkennung mit Erleichterungen beim innerdeutschen Reiseverkehr sowie bei Familienzusammenführungen. In dem Maß, in dem Bonn auf „Wandel durch Annäherung“ setzte, sah Ost-Berlin eine „Aggression auf Filzlatschen“ und rückte vom bis dahin proklamierten Ziel der deutschen Einheit ab. 1975 erreichte die Entspannungspolitik in Europa mit der KSZE-Schlussakte von Helsinki ihren Höhepunkt. Die Unterzeichnerstaaten verpflichteten sich zu vertrauensbildenden Maßnahmen im militärischen Bereich, zur Wahrung der Menschenrechte und Grundfreiheiten und einer engeren Kooperation. In den Ostblockstaaten nahmen mutige Menschen die Akte beim Wort und forderten die zugesagten Freiheitsrechte ein. Ein erstes unüberhörbares Signal setzte zwei Jahre später die Charta 77 in der Tschechoslowakei.

Deren Initiatoren führten 1989 die Samtene Revolution gegen das Regime an. So beförderte der KSZE-Prozess, mit dem die kommunistischen Regime den Status quo festschreiben wollten, letztlich deren Untergang.

Friedliche Revolutionen

1989

Die 1970er- und 1980er-Jahre waren von einem Trend zur Demokratie geprägt, der zunächst die autoritären Regime Portugals, Spaniens und Griechenlands erfasste, am Eisernen Vorhang dann jedoch haltzumachen schien. Anfang der 1980er-Jahre sorgten ein neuer Rüstungswettlauf und der sowjetische Afghanistankrieg für Verhärtungen zwischen den Blöcken und innerhalb des kommunistischen Machtbereichs. Ab 1986 versuchte KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow, den Systemzusammenbruch mit Reformen zu verhindern. Bei den Regierenden in der DDR und ČSSR stießen Glasnost und Perestroika auf Ablehnung. Währenddessen ermöglichten sie in Polen die Wiederzulassung der Solidarność und den Sieg der Opposition in den ersten halbfreien Wahlen im August 1989. In Ungarn ebneten kommunistische Reformer, getrieben von der Opposition, den Weg in die Demokratie.

Die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze im September, mit der der „Eiserne Vorhang“ fiel, verschärfte die finale Krise der DDR, in der die Massenflucht und immer mächtigere Demonstrationen die SED-Führung im Herbst in die Knie zwangen. Der Mauerfall vom 9. November 1989 wurde zum Symbol der friedlichen Revolutionen gegen die kommunistischen Diktaturen in Europa, die in Rumänien und im Baltikum von Gewalt überschattet wurden. Tragisch verlief der Zerfall Jugoslawiens, der in einen blutigen Bürgerkrieg mündete. Im August 1991 versuchten kommunistische Putschisten in Moskau, die Uhr zurückzudrehen. Sie scheiterten am Widerstand der Bevölkerung, die im Dezember das Ende der UdSSR feierte.

Umbruch, Aufbruch, Neuanfang

1990

Die friedlichen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa ebneten den Weg zur Überwindung der europäischen Teilung. Bereits am 3. Oktober 1990 war Deutschlands Einheit im Ein­vernehmen mit seinen Nachbarn wiederhergestellt. Bald folgten Schritte hin zu einer europäischen Integration. Der Vereinbarung über eine gemeinsame Wirtschafts- und Währungsunion folgte 1992 der Vertrag von Maastricht, aufgrund dessen sich 
die Europäischen Gemeinschaften mittels einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik sowie einer Kooperation im Bereich Justiz und Inneres zu einer Europäischen Union entwickelten. Als Symbol für das Zusammenwachsen wurde ab 2002 der Euro als einheitliches Zahlungsmittel in zunächst zwölf europäischen Staaten eingeführt. In den 1990er-Jahren drängten die postkommunistischen Staaten auf einen raschen Beitritt zur EU. Diese Forderung entsprach in jenen Ländern einem breiten 
gesellschaftlichen Konsens. Die Menschen erhofften sich davon eine Teilhabe sowohl an der europäischen Kultur der Freiheit und Demokratie als auch am westlichen Wohlstand. Darüber ­hinaus galten die Anforderungen für den EU-Beitritt vielen als 
Reformmotor, damit die demokratische Transformation der 
eigenen Länder nicht ins Stocken geriete.

Schließlich wurde der Beitritt zur EU wie auch zur NATO als 
Garant für die wiedergewonnene nationale Souveränität betrachtet. Am 1. Mai 2004 erfolgte die Aufnahme von acht ehemals kommunistisch beherrschten Staaten in die EU. Noch nie zuvor war Europa geeinter, demokratischer und zukunftsfroher als 
zu diesem Zeitpunkt.

Europa als Herausforderung

2004

In dem vom Krieg verwüsteten Kontinent gewann die Vision eines geeinten Europas an Strahlkraft, das seinen 
Bürgerinnen und Bürgern Frieden, Stabilität und Wohlstand garantieren würde. Die Erfahrung zweier Weltkriege und die neue Bedrohung durch den kommunistischen Block gaben ehemaligen Todfeinden die Kraft, seit den 1950er-Jahren zunächst einen gemeinsamen Markt in Westeuropa zu schaffen. Eine wesentliche Voraussetzung dafür war die französisch-deutsche Aussöhnung, die bewies, dass Feindbilder überwunden werden können. Die friedlichen Revolutionen gegen die kommunistischen Diktaturen verliehen der europäischen Idee neue Kraft, die mit der EU-Osterweiterung 2004 einen weiteren Höhepunkt erreichte. Das europäische Bewusstsein blieb gleichwohl hinter dem rasanten politischen und ökonomischen Integrationsprozess zurück, der die EU über Nacht zum weltweit wichtigsten Binnenmarkt gemacht hatte. Nur mit Mühe fand die Europäische Union in die Rolle als Friedensmacht, nachdem es ihr in den 1990er-Jahren nicht gelungen war, den Bürgerkrieg und die „ethnischen Säuberungen“ im ehemaligen Jugoslawien zu beenden. Und noch fehlt es ihr an Konzepten, um der wachsenden Europaskepsis zu begegnen, die von der schweren Finanzkrise seit 2008 befeuert wird und neuem Nationalismus und Protektionismus Vorschub leistet. Die Streiflichter, die die Ausstellung „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme – Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert“ auf die letzten 100 Jahre der Geschichte Europas wirft, sollen verdeutlichen, dass es zu einem geeinten und sozialen Europa keine Alternative gibt und dass – gemessen an den Abgründen der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts – alle Probleme der Gegenwart lösbar sind und gelöst werden müssen.

© „Diktatur und Demokratie im ­Zeitalter der Extreme“, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/ausstellung2014