Hans-Dietrich Genscher über die Prager Botschaftsflüchtlinge

Ein Dossier zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. In Teil 13 erinnert sich der frühere deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher an die damaligen Ereignisse.

picture-alliance/Eventpress Stauffenberg - Hans-Dietrich Genscher
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Vor der Deutschen Botschaft in Prag spielten sich im Sommer 1989 bewegende Szenen ab: Rund 4.500 DDR-Bürger hatten sich in den Garten der Botschaft geflüchtet und forderten ihre Ausreise. Am 30. September trat der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon der Botschaft und richtete das Wort an sie.

Herr Genscher, Ihr Satz „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ ging im Jubel unter und ist unvergessen. Ahnten Sie, wie geschichtsträchtig diese Worte waren?
Es gab durchaus die Ahnung, dass die Öffnung der Botschaftstore ein Ereignis von allergrößter Bedeutung sein würde. Noch 20 Tage vorher hatte die DDR-Führung wütend gegen die Grenzöffnung durch die ungarische Regierung protestiert. Die Geschehnisse an der Prager Botschaft waren deshalb eine Kehrtwende. Rückblickend kann man sagen, dass die Menschen im Garten der Botschaft ihr Schicksal in die Hand nahmen und Geschichte schrieben.

Wie haben Sie die Stimmung der wartenden Menschen erlebt?
Die Atmosphäre war spannungsgeladen. Was wird er uns zu sagen haben? Der erlösende Satz   von der möglichen Ausreise war erhofft und von vielen wohl auch erwartet worden. Als ich dann aber sagte, dass die Züge durch die DDR fahren würden, kam der Stimmungseinbruch. Erneut entlud sich die ganze Ablehnung und Enttäuschung gegenüber einer Führung, der die Menschen noch in dieser Situation Wortbruch zutrauten.

„Die Züge wirkten wie Freiheitsfackeln“

Wie schwierig waren die Verhandlungen, die Sie zuvor am Rande der VN-Vollversammlung in New York geführt hatten?
Ich fand viel Verständnis bei unseren Freunden und viel Unterstützung. Besonders menschlich war die Reaktion des sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse. Eindrucksvoll auch das Auftreten des um eine Lösung bemühten DDR-Außenministers Oskar Fischer. Er konnte der Führung aber nur Vorschläge machen, Entscheidungsgewalt hatte er nicht. Schließlich schlug ich – zur Wahrung der DDR-Souveränität – als eine von zwei möglichen Lösungen die Entlassung der Menschen aus der DDR-Staatsbürgerschaft durch DDR-Konsularbeauftragte in unserer Botschaft vor. Die zweite Möglichkeit: Die Züge rollen durch die DDR. Die Flüchtlinge kehrten damit, wenn auch nur für eine knappe Stunde, auf DDR-Gebiet zurück. Dass sich die Führung für Möglichkeit B entschied, zeigte ihre Realitätsferne: Die Züge wirkten nicht wie Fluchtfahrzeuge, sondern wie Freiheitsfackeln.

Häufig hört man, die Jugend wisse heute zu wenig über die deutsch-deutsche Geschichte. Besteht 25 Jahre nach dem Mauerfall ein Mangel an historischem Bewusstsein?
Ich kann eine solche Meinung nicht teilen. Ich besuche sehr häufig Schulen und Universitäten. Dort treffe ich auf eine im besten Sinne des Wortes geschichtsneugierige Jugend, die mit viel Interesse zu verstehen versucht, was damals geschah. Mag sein, dass manch älterer Mitbürger Probleme mit den Antworten auf ihre Fragen hat. Meist, weil er sich mit der Teilung abgefunden und nicht begriffen hatte, dass es dabei keineswegs nur um eine staatliche Trennung ging, sondern um ein Ja oder Nein zu Freiheit und Menschenwürde. Es ist zu hoffen, dass die Auseinandersetzung mit diesem Teil unserer Geschichte das Bewusstsein für die Bedeutung von Artikel 1 unseres Grundgesetzes schärft: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

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