Schwerpunkt_Europa-Kazim_131216

„Wir müssen politischer werden“

Der Journalist Hasnain Kazim ist überzeugt: Die Europäer sollten mehr darüber reden, was sie wollen in und mit Europa. Aber nicht unbedingt in den Sozialen Netzen.

„Für mich ist Europa Heimat, trotz seiner kulturellen Unterschiede. Europa ist so vielfältig – und hat doch einen Rahmen: die liberale, freie Demokratie. Das Wichtigste in Europa: dass man hier in Frieden leben und seine Meinung frei äußern kann. Man vergisst das all zu oft. Meine Generation kennt immerhin noch den Kalten Krieg. Dass auf diesem Kontinent in vergangenen Jahrhunderten Krieg Normalzustand war, müssen wir uns gelegentlich in Erinnerung rufen.

Ein europäischer Ort? Ich kenne kaum eine Stadt, die so europäisch ist wie Österreichs Hauptstadt Wien. Hier wird jenseits von EU-Institutionen Europa einfach gelebt. Auf der Straße hört man Ungarisch, Tschechisch, Slowenisch – die osteuropäischen Einflüsse sind ebenso stark wie die westlichen. Und: Die Menschen sind experimentierfreudig. Wien umarmt die Zukunft. Für mich ist es immer noch unglaublich, in Wien in den Zug zu steigen und nach nicht einmal einer Stunde in Bratislava auszusteigen. Solche eine Bewegungsfreiheit war lange Zeit nicht selbstverständlich.

Es besteht auch die Gefahr, dass das in Zukunft nicht so bleibt. Wir sehen das Erstarken von Populisten überall in Europa. Für ein freies, demokratisches Europa müssen wir kontinuierlich arbeiten. Ich hoffe zwar, dass Europa so bleibt, wie wir es kennen: eine große Einheit von Demokratien. Aber ich befürchte, dass es einen Rückfall in nationalstaatliches Denken, mit Grenzen und Zäunen geben wird. Nach der Wahl in den USA ist Europa letztlich die letzte Bastion liberaler Demokratie. Dafür muss man kämpfen. Die sozialen Netze sind dafür aber nicht geeignet. Gerade dort verschaffen sich die größten Gegner von freiem Denken und Demokratie am meisten Gehör, weil sie da die lautesten sind. Was wir tun können, ist mehr darüber zu reden, was wir wollen in und mit Europa. Wir müssen die Menschen dazu bringen, politischer zu werden, nicht den Rückzug ins Private anzutreten – und zwar schon in der Schule.“

Hasnain Kazim wurde 1974 in Oldenburg als Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer geboren. Er studierte Politikwissenschaft in Hamburg und wurde Marineoffizier. Seine journalistischen Stationen sind: „Stader Tageblatt“, dpa (Südasienbüro) und „Heilbronner Stimme“. Er war Korrespondent für „Spiegel Online“ und „Der Spiegel“ in Pakistan und in der Türkei und lebt seit März 2016 in Wien.

Protokoll: Anja-Maria Meister

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden.