Zukunft schlägt Vergangenheit

Das Deutsch-Polnische Barometer 2021: Die Menschen haben große Hoffnungen auf eine verstärkte Zusammenarbeit in Europa.

Fröhliche Präsidenten: Frank-Walter Steinmeier (l.) und Andrzej Duda.
Fröhliche Präsidenten: Frank-Walter Steinmeier (l.) und Andrzej Duda. dpa

Von einem Wahlstrategen des früheren US-Präsidenten Bill Clinton stammt die berühmt gewordene Devise „It’s the economy, stupid!“ – Auf die Wirtschaft kommt es an, Dummkopf! Politische Erfolge hängen demnach zentral an ökonomischen Fragen, weil sie die Menschen oft am stärksten betreffen. Das Motto könnte auch als Überschrift über dem Deutsch-Polnischen Barometer 2021 stehen. Denn der Handel zwischen den beiden EU-Staaten boomt buchstäblich ohne Ende. Daran hat auch die Corona-Pandemie nichts Wesentliches geändert. Polen ist zum weltweit fünftwichtigsten Handelspartner Deutschlands aufgestiegen und „kämpft nun um einen Podiumsplatz“, wie es Premier Mateusz Morawiecki formulierte. Und deshalb kann es auch kaum verwundern, dass Polen und Deutsche fast gleichlautend sagen: Es ist zuallererst der beiderseitige wirtschaftliche Erfolg, der unsere Beziehungen so stark macht.

Zwei Drittel der Menschen sehen gute Partnerschaft

Die Bewertung des Verhältnisses der Nachbarländer im Herzen Europas spielt traditionell eine zentrale Rolle im Deutsch-Polnischen Barometer, das seit dem Jahr 2000 erhoben wird. Die Studie 2021 zeigt, dass weiterhin fast zwei Drittel der Menschen diesseits und jenseits von Oder und Neiße die Partnerschaft für gut oder sogar sehr gut halten. 65 Prozent beträgt der Wert in Polen, 57 Prozent in Deutschland. Nur rund 20 Prozent sehen hier wie dort Verbesserungsbedarf. Das liegt etwa im Durchschnitt früherer Jahre. Besonders bemerkenswert ist aus Sicht der Forschenden der „außergewöhnlich kleine Anteil“ sehr schlechter Bewertungen, der sich über die Jahre hinweg bei zwei bis drei Prozent eingependelt hat. 30 Jahre nach Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags vom 17. Juni 1991 zeugt all das von viel Substanz im bilateralen Verhältnis, unabhängig von politischen Konjunkturen.

Gelebte Freundschaft: Die Bürgermeister von Frankfurt (Oder) und Slubice, Rene Wilke und Mariusz Olejniczak eröffnen Anfang Juli das Fest zum Geburtstag der Doppelstadt.
Gelebte Freundschaft: Die Bürgermeister von Frankfurt (Oder) und Slubice, Rene Wilke und Mariusz Olejniczak eröffnen Anfang Juli das Fest zum Geburtstag der Doppelstadt.
dpa

Einflüsse durch aktuelle Themenlagen gibt es selbstverständlich, zumal die Forschenden für das Barometer „Meinungen über die gegenseitige Wahrnehmung“ sammeln und analysieren. Federführend ist dabei die Warschauer Denkfabrik „Institut für Öffentliche Angelegenheiten“, in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung und einigen weiteren Unterstützern. Darunter waren 2021 das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt und die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. Sie alle hatten unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu leiden, die auch die Art der Datenerhebung veränderte. Statt persönlicher Interviews wurde online gearbeitet.

Corona-Pandemie ist das beherrschende Thema

Covid-19 und die Folgen waren das Thema, an dem man 2021 „nicht vorbeikam“, wie es im aktuellen Barometer heißt. Dabei zeigte sich, dass die Menschen in beiden Ländern dem deutschen Staat und seinen Institutionen tendenziell eine bessere „Funktionstüchtigkeit“ zuschreiben. 43 Prozent der Deutschen, aber auch 38 Prozent der Polen sagen, die Bundesrepublik sei bislang besser durch die Pandemie gekommen. Umgekehrt meinen nur 16 Prozent der Polen, ihr Land habe den besseren Job gemacht (Deutschland: zehn Prozent). Dabei spiegelte sich diese Sicht in den faktischen Ergebnissen der Pandemiebekämpfung lange kaum oder gar nicht wieder. Bei den zentralen Parametern (Infektionen, Todesfälle, Impffortschritt) lagen die Nachbarländer etwa gleichauf – bis die dritte Corona-Welle Polen im Frühjahr besonders stark traf.

Befragte blicken lieber nach vorne

In Zukunft aber, so hoffen die Menschen in beiden Ländern, werden wieder weniger belastende Themen in den Fokus rücken. Ohnehin wollen Polen und Deutsche lieber vorausschauen als zurück. Hier wie dort halten rund zwei Drittel der Befragten die Konzentration auf Gegenwart und Zukunft für wichtiger als die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Wirtschaft und Handel spielen dabei wie erwähnt eine herausragende Rolle. Zu den Prioritäten zählen die Menschen in Polen wie in Deutschland aber auch die Stärkung der europäischen Demokratie. Zusammenarbeiten sollten die Regierungen und die Zivilgesellschaften aber auch bei der Überwindung sozialer und regionaler Ungleichheiten in Europa. Etwa jeder Dritte setzt diese Themen weit oben auf die Agenda. Demnach unterstützen viele Deutsche die polnischen Hoffnungen auf eine schnellere Angleichung der Lebensverhältnisse in der EU.

Niemandsland? Heute markiert ein Spazierweg die Grenze bei Ahleck und Swinoujscie.
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dpa

Differenzen gibt es vor allem bei der Klimapolitik

Es gibt aber auch Unterschiede. In der Bundesrepublik würden sich die Menschen eine stärkere Kooperation beim Klimaschutz wünschen. Im traditionellen „Kohleland“ Polen tut man sich damit etwas schwerer und setzt eine stärkere Priorität bei der Energiesicherheit. Die Differenzen in diesen Bereichen sind allerdings nicht sehr ausgeprägt. Anders ist es nur bei den Themen Einwanderung und Flucht. Mehr Zusammenarbeit für eine wirksame und humanitäre Migrations- und Asylpolitik in Europa ist nur einem von zehn Menschen in Polen wichtig. In Deutschland wünscht sich das jeder Dritte. Unter dem Strich aber steht diese Erkenntnis: Handel und Wirtschaft mögen boomen. Nicht weniger wichtig sind für die Menschen in Polen und Deutschland aber „die mannigfachen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Bemühungen um eine Aussöhnung“. Das eine wäre ohne das andere auch kaum denkbar.

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