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Friedenstaube auf Wand
Die deutsche Friedensforschung beschäftigt sich intensiv mit internationalen Konflikten, etwa im Nahen Osten. © picture alliance / Bildagentur-online/Schöning | Bildagentur-online/Schöning
Wissenschaft

Frieden erforschen in Kriegszeiten

Wie wird aus einem Waffenstillstand dauerhafter Frieden? Deutsche Forschende warnen vor einer Erosion der Weltordnung und fordern mehr Engagement von Europa.

04.11.2026Wolf ZinnWolf Zinn

Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und in Sudan. Großmächte, die zunehmend auf militärische Gewalt setzen. Und Vereinte Nationen (UN), deren Einfluss schwindet. Die deutsche Friedens- und Konfliktforschung beschäftigt sich intensiv mit den großen Herausforderungen unserer spannungsreichen Zeit. 

Frieden ist mehr als Waffenruhe

Das Friedensgutachten 2026 zeichnet erwartungsgemäß ein eher düsteres Bild der aktuellen Lage. Vier Institute geben es jährlich heraus: das Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF) in Frankfurt am Main, das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH), das Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) und das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg-Essen. Sie warnen insbesondere vor „neuen Warlords“: Machthaber, die internationales Recht missachten und Gewalt zur Durchsetzung ihrer Interessen einsetzen.

Wichtig sei das Bemühen, Friedensprozesse langfristig abzusichern. Ein möglicher Waffenstillstand in der Ukraine brauche nach Einschätzung der Forschenden überprüfbare Sicherheitsgarantien, um einen neuen russischen Angriff zu verhindern. In Gaza müsse die Entwaffnung der Hamas ebenso wie die Ermöglichung palästinensischer Selbstbestimmung geklärt werden. In Syrien sei entscheidend, ehemalige Kämpfer zu integrieren und Minderheiten politisch zu beteiligen, andernfalls drohe neue Gewalt.

Nicole Deitelhoff
Nicole Deitelhoff vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung © picture alliance / HMB Media | Uwe Koch

Die Themen, denen sich die deutsche Friedensforschung widmet, sind vielfältig und komplex. BICC-Direktor Conrad Schetter erforscht, wie lokale Machtstrukturen, bewaffnete Gruppen und internationale Interventionen Konflikte beeinflussen. INEF-Forscher Tobias Debiel beschäftigt sich zum Beispiel dem Staatsaufbau nach Kriegen und warnt vor einer Vernachlässigung ziviler Friedensförderung. PRIF-Direktorin Nicole Deitelhoff untersucht unter anderem die Krise internationaler Normen, IFSH-Direktorin Ursula Schröder die europäische Sicherheitsordnung. Die Berliner Berghof Foundation begleitet Dialog- und Mediationsprozesse in Konfliktregionen. Die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF) in Osnabrück fördert Forschung und Nachwuchs. 

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Europa muss handlungsfähiger werden

Besonders kritisch beurteilen viele Institute die Schwächung der UN. Vetos im Sicherheitsrat blockierten notwendige Entscheidungen, während Mittel für Friedensmissionen, humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zurückgingen. Statt die UN durch neue Machtzirkel zu ersetzen, empfehlen die Forschenden, die Generalversammlung aufzuwerten. Darüber hinaus solle Deutschland gemeinsam mit der Europäischen Union (EU) und Großbritannien Bündnisse mit Staaten wie Brasilien, Indien oder Kanada stärken. Die Bundesrepublik müsse zudem Völkerrechtsverstöße auch bei Verbündeten klar benennen, um nicht an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Ein weiterer Kritikpunkt zahlreicher Forschender lautet, dass Europa seine wirtschaftliche und diplomatische Macht bislang zu wenig nutze. So fordert etwa Claudia Major vom German Marshall Fund (GMF) mehr europäische Eigenständigkeit in der Verteidigungspolitik. Gemeinsam könnten die EU-Staaten nicht nur durch Aufrüstung, sondern auch mit Handelspolitik, Entwicklungszusammenarbeit und diplomatischen Initiativen mehr Einfluss bei der Vermeidung oder Beilegung internationaler Konflikte gewinnen. Auch über die Zukunft der Ukraine dürfe nicht ohne Europa entschieden werden. Deutschland als wirtschaftliches Schwergewicht komme dabei eine besondere Verantwortung zu.

Carlo Masala
Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr in München © picture alliance / teutopress

Abschreckung oder mehr Rüstungskontrolle?

Kontrovers bleibt, welche Rolle militärische Stärke spielen soll. Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München sieht glaubwürdige Abschreckung als Voraussetzung für erfolgreiche Diplomatie. Max Mutschler vom BICC befürwortet zwar das Schließen militärischer Fähigkeitslücken, warnt jedoch vor einer Rüstungsspirale. Der Bremer Politikwissenschaftler Klaus Schlichte kritisiert eine „militaristische Verengung“ der sicherheitspolitischen Debatte.

Die Positionen unterscheiden sich, doch eine gemeinsame Erkenntnis zieht sich durch die Forschung: Ein Waffenstillstand allein garantiert keinen Frieden. Dafür brauche es verlässliche Sicherheitsgarantien, politische Teilhabe und internationale Institutionen, die Vereinbarungen auch durchsetzen können.