Verschärfte Bedrohung

Cybersicherheit vor dem G7-Gipfel – Deutscher Experte Hummert zu Gefahren durch Hacker und Fake News.

Ransomware und Hacker bedrohen auch Unternehmen und Staaten.
Ransomware und Hacker bedrohen auch Unternehmen und Staaten. picture alliance/dpa

Der G7-Gipfel steht im Zeichen einer seit dem russischen Krieg gegen die Ukraine grundlegend veränderten Welt. Russlands Missachtung der europäischen Friedensordnung hat das Thema Sicherheit in den Fokus der Gruppe der Sieben gerückt. Wir sprechen mit Christian Hummert, Direktor der nationalen Cyberagentur, über das Thema Cybersicherheit.

Herr Hummert, man hört immer wieder von Horrorszenarien, dass Hacker Atomkraftwerke manipulieren oder ganzen Städten den Strom abdrehen könnten. Wie realistisch ist das?
Dass jemand etwa die Kontrolle über eine komplette Kraftwerkssteuerung übernimmt, ist eher unwahrscheinlich. Aber schwerwiegender Schaden kann ja auch schon dadurch entstehen, dass man versucht, einzelne zentrale Komponenten eines Stromnetzes zu manipulieren. Hacker hatten beispielsweise 2015 und 2016 in der Ukraine die Stromversorgung von mehr als 700.000 Haushalten stundenlang lahmgelegt.

Christian Hummert leitet die deutsche Cyberagentur.
Christian Hummert leitet die deutsche Cyberagentur. privat

Welche Gefahr geht von Russland aus?
Es ist belegt, dass Russland massiv Fake News verbreitet, also den Cyberraum nutzt, um Menschen zu verunsichern und Propaganda zu betreiben. Bei allen anderen Arten von Cyberangriffen ist es sehr schwer herauszubekommen, wer genau dahintersteckt. Damit beschäftigen wir uns gerade in unserer Forschung. Generell kann man aber sagen, dass sich die Bedrohungslage verschärft hat. Sowohl das Nationale Cyberabwehrzentrum als auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik haben Empfehlungen an Wirtschaft, Behörden und Privatpersonen herausgegeben, sich entsprechend abzusichern.

Ein Angriff auf unsere gesamte demokratische Gesellschaft

Christian Hummert, Forschungsdirektor der Cyberagentur

Würden Sie Fake News als Cyberangriff bezeichnen?
Tatsächlich plädiere ich für eine etwas breitere Auffassung des Begriffs. Im Falle von Fake News hat der Cyberraum dazu geführt, Angriffen insgesamt wesentlich mehr Effektivität zu verleihen. Wenn parallel zu Fake News auch noch Infrastrukturen bedroht werden, dann ist das ein Angriff auf unsere gesamte demokratische Gesellschaft. Das muss man ernst nehmen.

Ist uns eigentlich klar, wie angreifbar wir sind?
Ich glaube eher nicht. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was alles passieren würde, wenn in Deutschland zwei Tage das Internet ausfallen würde. Wir sind inzwischen so hochgradig vernetzt, dass man schon fast mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen rechnen müsste.

Ein Bürgerkrieg, nur weil wir 48 Stunden nicht ins Netz kommen?
Na ja, die Effekte wären schon drastisch. Große Teile der Industrie würden ausfallen, Lieferketten zusammenbrechen, das Bankensystem würde sehr sensibel reagieren, Polizei- und Feuerwehreinsätze würden erheblich erschwert werden, weil der digitale Behördenfunk nicht mehr funktioniert. Auch die Energieversorgung würde schnell in Mitleidenschaft gezogen werden. Windparks beispielsweise werden inzwischen über Satellit gesteuert.

Wir schauen bis zu 15 Jahre in die Zukunft.

Christian Hummert, Forschungsdirektor der Cyberagentur

Wird diese Gefahr in Zukunft noch größer? Die Vernetzung steigt ja immer weiter.
Tatsächlich ist das eine Frage, mit der wir uns in der Cyberagentur intensiv beschäftigen, wir schauen bis zu 15 Jahre in die Zukunft. In der IT ist das ein sehr langer Zeitraum, da kann jede Menge passieren. Zum Beispiel im Bereich der Hirn-Computer-Schnittstellen. Solche Systeme gibt es schon, sie werden zu therapeutischen Zwecken bereits erfolgreich in der Medizin angewandt. Noch weiß keiner, wann es solche Geräte in den Consumer-Markt schaffen, aber unsere Haltung ist, sich lieber jetzt schon Gedanken über mögliche Sicherheitsrisiken zu machen. Das Hacken von etwas, was in meinem Kopf implantiert ist, das möchte ich jedenfalls nicht erleben.

Wäre es nicht gut, immer auch noch etwas analoge Technik in der Hinterhand zu haben, wenn es Probleme mit dem digitalen Netz gibt?
Tatsächlich haben wir genau das bei der Flut im Ahrtal erlebt. Dort ist nämlich das passiert, was ich eben beschrieben hatte: Die Einsatzkräfte konnten nicht mehr über den digitalen Funk kommunizieren. Zum Glück hatte die Feuerwehr noch analoge Funkgeräte zur Hand. Zu sehr darauf verlassen sollten wir uns allerdings nicht. Wir können es uns nicht leisten, die Entwicklung zu stärkerer Vernetzung nicht mitzugehen. Wichtig ist, Systeme so aufzusetzen, dass sie nicht zusammenbrechen, wenn mal ein Teil ausfällt.

 


Dr. Christian Hummert ist Forschungsdirektor der 2020 gegründeten nationalen Agentur für Innovation in der Cybersicherheit (Cyberagentur). Der promovierte Informatiker und Experte für IT-Forensik lehrte zuvor als Professor an der Fachhochschule Mittweida.

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