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Zwischen Prunk und Parlamentarismus

Auf der Herreninsel im Chiemsee findet ihr unter anderem: ein königliches Märchenschloss – und den Raum, in dem das Grundgesetz seinen Anfang nahm. 

Helen SibumHelen Sibum, 13.05.2026
Eine Insel von oben
Die Herreninsel im Chiemsee und das „Alte Schloss“, ein früheres Kloster © Adobestock/Elizaveta

Ein abgeschiedener Ort sollte es sein, der konzentriertes, ungestörtes Arbeiten ermöglichte – was konnte dafür besser geeignet sein als eine Insel? Als im August 1948 rund 30 Männer zusammenkamen, um einen Entwurf für das spätere Grundgesetz zu erarbeiten, taten sie das auf der Herreninsel. Sie ist eine von drei Inseln im Chiemsee in Bayern

Blick von oben auf ein altes Gebäude
Das Alte Schloss auf Herrenchiemsee: Dort tagte im August 1948 der Verfassungskonvent. © picture alliance / imageBROKER | Martin Siepmann

Das „Alte Schloss“, in dem der Verfassungskonvent tagte, war früher ein Kloster, eines der ältesten in Bayern. Seit dem 8. Jahrhundert lebten dort Mönche. Anfang des 19. Jahrhunderts löste der herrschende Kurfürst das Kloster auf, das Gebäude ging an den Staat.

Ansicht der Fassade eines Gebäudes
Das Alte Schloss war zuvor jahrhundertlang ein Augustiner-Kloster. © picture alliance / Martha Feustel | Martha Feustel

1873 kaufte Ludwig II. die Insel. Er wollte dort eine Art zweites Versailles errichten, denn er war fasziniert vom „Sonnenkönig“ Frankreichs, Ludwig XIV. Er ließ das „Neue Schloss“ bauen, das jedoch nie ganz fertiggestellt wurde. 

Ein Schloss mit einem Springbrunnen davor
Das Neue Schloss Herrenchiemsee © AdobeStock/saiko3p

Die Mitglieder des Verfassungskonvents tagten im Alten Schloss in einem recht bescheidenen, holzvertäfelten Plenarsaal. Heute ist er Teil eines „Verfassungsmuseums“, das jährlich rund 60.000 Menschen besuchen.

Ein Mann in einem holzvertäfelten Raum
Ein Besucher des Verfassungsmuseums im historischen Plenarsaal © picture-alliance/ dpa | Andreas Gebert

Der Konvent bestand aus Delegierten der elf Länder der drei westdeutschen Besatzungszonen sowie Verfassungs- und Finanzexperten. 13 Tage lang berieten sie rund um die Uhr. Sie erstellten die Grundlage für die Arbeit des Parlamentarischen Rates in Bonn, der einen Vorschlag für das Grundgesetz ausarbeitete. Weite Teile aus der Vorlage des Verfassungskonvents tauchten im späteren Entwurf auf, auch der Artikel 1 zur Unantastbarkeit der Menschenwürde. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verabschiedet.

Historisches Foto: Ein Redner steht vor einer Gruppe Männern
Eröffnung des Verfassungskonvents am 10. August 1948 durch Staatsminister Anton Pfeiffer aus Bayern © picture-alliance/ dpa | dpa

Heute ist die Herreninsel ein beliebtes Ausflugsziel. Besucherinnen und Besucher können dort zwei ganz unterschiedliche Seiten deutscher Geschichte erleben: Hier das Neue Schloss, das für royale Abgehobenheit und hochfliegende, nie erfüllte Träume steht, dort das Alte Schloss, in dem nüchtern und pragmatisch an der Demokratie gearbeitet wurde.