„Narrenfreiheit ist Meinungsfreiheit”
Jacques Tilly ist für politische Mottowagen zu Karneval bekannt. In Russland läuft ein Verfahren gegen den Bildhauer. Wie geht er damit um?
Wenn der russische Präsident mit übergroßen Hoden, blutigen Händen oder anrüchigen Machtfantasien auf einem Karnevalswagen thront, war ziemlich sicher Jacques Tilly am Werk. Der 62-Jährige zählt zu den bekanntesten Satirikern des rheinischen Karnevals. In diesem Jahr erhält seine Satire angesichts des politischen Konflikts besondere Aufmerksamkeit – auch, weil sie in Moskau offenkundig Zorn ausgelöst hat.
Seit mehr als 40 Jahren baut Tilly aus Pappe, Acrylfarbe und Maschendraht jene Figuren, mit denen er Karnevalsjecken erfreut und politische Machthaber ärgert. Der Düsseldorfer Rosenmontagszug ist seine „Ausstellung auf Rädern“. „Putin, Trump, Erdoğan, die Mullahs im Iran – keiner wird verschont“, sagt Tilly. Je provokanter, politischer und meinungsstärker die Idee, umso schneller bauen er und sein Team Wagen.
Fans aus Asien
Karneval ist in Deutschland, etwa in Köln, Düsseldorf oder Mainz, ein Ausnahmezustand mit festen Ritualen. Die Rosenmontagszüge bilden vielerorts den Höhepunkt: Zehntausende feiern in lustigen Verkleidungen und verspotten unter dem Schutz der Narrenfreiheit öffentlich politische Missstände.
Dass diese Bilder weit über Deutschland hinauswirken, zeigt die internationale Resonanz. 2019 zählte Tilly mehr als 1.500 Medienberichte in über 100 Ländern, besonders groß ist das Interesse in Südkorea. Auch in Japan, Taiwan und China werden seine Wagen gezeigt.
Internationale Aufmerksamkeit erhielt Tilly in den letzten Monaten auch aus einem anderen Grund. Russland leitete 2025 ein Strafverfahren gegen ihn ein. „Verunglimpfung der Staatsorgane“ lautet der Vorwurf, vereinfacht gesagt. Nach dem sehr weit gefassten russischen Strafgesetz drohen Tilly eine Geldstrafe oder Freiheitsentzug bis zu zehn Jahren.
Putin zählt zu Tillys bevorzugten Motiven. Den russischen Präsidenten inszenierte er nicht nur mit blutigen Händen, sondern auch in anrüchigen Posen. Die Anklage nennt er „absoluten Propagandaquatsch“. Das Verfahren läuft in Moskau. Zu Prozessterminen erschien er nicht – nach eigenen Angaben erhielt er gar keine Vorladung. „Einige verschreckt eine solche Klage vielleicht. Aber wir Karnevalisten aus Düsseldorf sind aus einem anderen Holz geschnitzt“, sagt Tilly. “Narrenfreiheit ist Meinungsfreiheit.”
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Beim Karneval geht es auch darum, Haltung zu zeigen. Nicht ohne Grund verweist Tilly kurz vor der aktuellen Saison auf seinen Lieblingswagen aus dem Jahr 2017. Er habe sich damals gefragt, warum so viele politische Schurken blondierte Haare trugen. So entstand das Motto: „Blond ist das neue Braun“.
Auf dem Wagen thronten der US-Präsident Donald Trump, die französische Rechtsnationalistin Marine Le Pen und der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders, begleitet von einem blondierten Adolf Hitler.
Dass dem deutschen Humor lange wenig zugetraut wurde, hält Tilly für überholt. „Als ich angefangen habe, war Deutschland deutlich humorärmer.“ Satire, sagt Tilly, galt als Nestbeschmutzung. Das habe sich verändert. „Heute kann ich Wagen bauen, für die man mich in den 80er-Jahren gesteinigt hätte“, sagt er lachend.
Auch seine eigene Haltung habe sich verschoben. „Heute stelle ich mich viel stärker vor die liberale Demokratie. Sie ist kritikwürdig: Ja. Aber man darf sie nicht in Frage stellen.”