Gut vorbereitet ins Krisengebiet
Eine abweisende Dorfgemeinschaft, Maschinengewehre am Checkpoint: Auf einem Übungsgelände bei Stuttgart lernen UN-Mitarbeitende den Umgang mit heiklen Situationen.
Auf einer taufeuchten Wiese hat sich im Morgenlicht eine kleine Gruppe zusammengefunden: der Dorfälteste, zwei Händler, Frauen in langen Gewändern. Sie streiten, denn die Lage ist katastrophal: Schon für die Alteingesessenen und die seit Jahren hier lebenden Binnenvertriebenen gibt es nicht genug Wasser und Lebensmittel. Nun ist im Nachbarland ein Bürgerkrieg ausgebrochen, Hunderte Geflüchtete kommen über die Grenze. Als ein Team der Vereinten Nationen sich der Gruppe nähert, stößt es auf Misstrauen: „Who are you? You are not welcome.“
Schauplatz dieser Begegnung im Oktober 2026 ist keine Krisenregion, sondern Neuhausen auf den Fildern, ein kleiner Ort südlich von Stuttgart. Im „Emergency Management Partnership Programme“ (EMPP) bereiten dort erstmals vier UN-Organisationen gemeinsam 40 Mitarbeitende auf humanitäre Nothilfeeinsätze vor. Im Mittelpunkt stehen realitätsnahe Simulationen. In dem siebentägigen Workshop sollen die Teilnehmenden bestmöglich dafür ausgebildet werden, in den ersten Tagen und Wochen einer Krise zu helfen.
THW als Gastgeber und Partner
Gastgeber und Partner ist das Technische Hilfswerk (THW), eine Zivil- und Katastrophenschutzorganisation der Bundesrepublik Deutschland, die technische Nothilfe im In- und Ausland leistet und vor allem von Freiwilligen getragen wird.
Auch die simulierte Dorfversammlung auf der Wiese besteht aus engagierten Bürgerinnen und Bürgern aus Neuhausen und Umgebung. Mit respektvoller Beharrlichkeit schaffen es die UN-Mitarbeitenden, mit der abweisenden Gruppe ins Gespräch zu kommen. Michèle Nyamokami geht mit den Frauen ein Stück zur Seite, um ihre dringendsten Anliegen herauszufinden. Eine von ihnen schildert, wie gefährlich der weite Weg zur nächsten funktionierenden Wasserstelle gerade für Frauen ist, und fleht um eine Zusage, dieses Problem zu lösen. „Wir lassen euch nicht im Stich“, antwortet Nyamokami und notiert die Handynummer der Frau.
Es ist sehr wichtig, direkt mit den Menschen zu sprechen, die von einer Notlage betroffen sind.
„Es ist sehr wichtig, direkt mit den Menschen zu sprechen, die von einer Notlage betroffen sind. Sie wissen selbst am besten, was sie brauchen“, sagt Michèle Nyamokami. Die Mitarbeiterin der Internationalen Organisation für Migration (IOM) arbeitet in einem Programm zur Friedenssicherung in Westafrika. Sie habe bei der Simulation auch gleich ein paar Ideen im Kopf gehabt: „Man könnte junge Leute ausbilden, die Wasserstelle innerhalb des Dorfes zu reparieren und zu warten.“
Bevor das EMPP ins Leben gerufen wurde, bildete die IOM – ebenso wie das Flüchtlingshilfswerk UNHCR, das Kinderhilfswerk UNICEF und das Welternährungsprogramm WFP – ihre Mitarbeitenden selbst für solche Einsätze aus. „Das Training gemeinsam zu veranstalten ist sehr sinnvoll, schließlich arbeiten die Organisationen in der Praxis auch zusammen“, sagt Jeff Wilkinson, der beim UNHCR für Kapazitätsaufbau in der Notfallhilfe verantwortlich ist. „Außerdem machen die unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkte der Organisationen den Austausch sehr wertvoll, nicht nur zwischen den Teilnehmenden, sondern auch zwischen den Ausbilderinnen und Ausbildern.“
Die deutsche Unterstützung ist heute noch wichtiger als früher.
Der Workshop ist auch ein Beitrag zum 2025 gestarteten Reformprogramm UN80, das unter anderem zum Ziel hat, angesichts der Finanzprobleme der Vereinten Nationen Synergieeffekte besser zu nutzen. Deutschland ist eines der wichtigsten Geberländer der UN. „Diese Unterstützung ist heute noch wichtiger als früher“, sagt Wilkinson. Auch für das Engagement des THW sei er sehr dankbar. Das THW organisiert und finanziert nicht nur Verpflegung, Fahrzeuge und den Aufbau des Camps, in dem die Teilnehmenden in Zelten übernachten, sondern kümmert sich auch um Verwaltung, Visafragen sowie Absprachen mit deutschen Behörden.
Warum die notwendig sind, zeigt eine weitere Simulation, bei der sich ein öffentlicher Verkehrsübungsplatz in einen Armee-Checkpoint des fiktiven Krisenlandes Telan verwandelt. Fünf finster dreinblickende THW-Helfer in Tarnuniform und ihr Anführer im Offiziersmantel haben Posten bezogen, sie tragen echte Maschinengewehre und Pistolen. „Get out! Everyone in a line!“, befiehlt einer barsch, als das UN-Team in zwei Fahrzeugen vorfährt. Etwas nervös stellen sich die zehn Frauen und Männer nebeneinander auf. Als die Fahrzeuge durchsucht werden, fragt Evie Prastakou, die Fahrerin des Kleintransporters, sehr höflich, ob sie dabei sein darf. Sie bekommt die Erlaubnis und öffnet selbst alle Taschen und Rucksäcke zur Inspektion.
Die Situation am Checkpoint hat sich sehr realistisch angefühlt.
„Die Situation am Checkpoint hat sich sehr realistisch angefühlt“, sagt Prastakou, die beim UNHCR im Bereich Spenderbeziehungen tätig ist. „Wir lernen, dass es entscheidend ist, die Ruhe zu bewahren: erst beobachten und sich orientieren, dann entscheiden und handeln. Das bleibt natürlich viel besser im Gedächtnis, wenn man es in so einer Situation praktisch umgesetzt hat.“ Prastakou hat für den UNHCR auch schon in einem Flüchtlingslager in Griechenland gearbeitet. „Ich habe dort sehr viel Not gesehen. Das motiviert mich zu tun, was ich kann, um zu helfen“, sagt sie.
Wer auf dem Dienstplan des UNHCR-Nothilfeteams steht, muss jederzeit damit rechnen, innerhalb von 72 Stunden in ein Krisengebiet irgendwo auf der Welt geschickt zu werden und drei Monate zu bleiben. Evie Prastakou schreckt das nicht ab: „Als Mitglied des Nothilfeteams arbeite ich dort, wo ich am meisten gebraucht werde.“