Vom Bauernhof auf den Golfplatz

Dariusz Prochotta hat sich vom Saisonarbeiter zum stellvertretenden Greenkeeper hochgearbeitet.

Dariusz Prochotta sorgt für den Golfplatz Kronberg.
Dariusz Prochotta sorgt für den Golfplatz Kronberg. Michael Schick

Dauerregen ist für Dariusz Prochotta kein schlechtes Wetter. Stoisch trotzt er der Nässe mit wasserfester Arbeitskleidung und festen Schuhen, rammt den Profilstechspaten in den Boden, um zu schauen, ob der Regen nach dem heißen und trockenen Sommer für das frisch ausgesäte Gras nun ausreicht. Mit dem Golfcart fährt er zu einer Bahn, um die Fahne samt Loch zu versetzen, damit die Spieler nicht unschöne Trampelpfade auf dem exakt auf 4,5 Millimeter gekürzten, sattgrünen Rasenteppich hinterlassen. Man möchte fast die Schuhe ausziehen, so samtzart wirkt das Grün. Sein Vorgesetzter, Head-Greenkeeper Jörg Vowinckel-Ewald, kniet sich hin und schaut mit dem Gesicht ganz dicht an der Rasenkante, ob die frisch ausgesäten Samenkörner keimen. Die Pflege von Golfrasen ist eine Wissenschaft für sich. Jeder Greenkeeper braucht viele Jahre Erfahrung, bevor er weiß, welches Saatgut auf seinem Platz wo taugt, um die Bahnen schnell zu machen. Sattgrün muss es sein und zugleich robust genug. Himmelsrichtung, Sonnenstand, Schatten, den die Bäume in dem weiträumigen Park werfen - alles will dabei wohl bedacht sein.

Die Eltern messen das  Gras nicht nach Millimetern

Dariusz Prochottas Geburtsort, einem kleinen polnischen Dorf in der Nähe von Opole, misst man das Gras nicht in Millimetern. Dort bewirtschaften die Eltern ihren kleinen Bauernhof nun allein. Sohn Dariusz kommt nur noch drei bis vier Mal im Jahr vorbei, zu Familienfeiern – und natürlich, um bei der Ernte zu helfen. Das ist er den Eltern schuldig, seit auch sein Bruder der Arbeit wegen nach Deutschland gezogen ist. Zu Hause, das ist für den 39-jährigen Familienvater aber schon lange nicht mehr das Dorf in Polen, zu Hause ist da, wo er mit seiner Ehefrau und den drei Kindern lebt, die geräumige Wohnung im schönen Frankfurter Westend. Es ist aber auch die Arbeit im mondänen Golfclub Kronberg, dessen 18 Bahnen zum Teil mitten in der Parkanlage eines Schlosses liegen und der deshalb als einer der schönsten in Deutschland gilt. Er arbeitet dort, wo die Unternehmer und Erfolgreichen aus dem Rhein-Main-Gebiet und der ganzen Welt die kleinen weißen Bällen über die Fairways schlagen.

Alles begann als Langstreckenpendler

Als Langstreckenpendler hat der gelernte Kraftfahrzeugmechaniker vor vielen Jahren in Deutschland angefangen, erst in der Metallverarbeitung in Heidelberg, wo er nur in Nachtschichten schuftete, dann zunächst als Saisonarbeiter im Frankfurter Golfclub. Jedes zweite Wochenende ging es zurück nach Polen, 850 Kilometer im Auto. „Meine Frau hatte eine gute Arbeit, die wollte sie nicht aufgeben“, sagt er.  Ihre Onkel und Tanten aber lebten bereits in Dortmund, also zog das Paar dort hin, als Prochotta seine Frau endlich überredet hatte, doch mit nach Deutschland zu kommen. Sein Bruder arbeitete da bereits in Kronberg, denn viele Jahre bewältigte der Club die Grünarbeiten im Sommer nur mit Saisonarbeitern aus Polen.

Britisches Wetter: Das Schloss ließ die deutsche Kaiserin Victoria bauen, die Tochter von Queen Victoria.
Britisches Wetter: Das Schloss ließ die deutsche Kaiserin Victoria bauen, die Tochter von Queen Victoria.
Michael Schick

Also fing Prochotta im Juni 2005 ebenfalls in Kronberg an: Rasenmähen, Greens wässern, Laub einsammeln, alle fälligen Hilfsarbeiten. Doch schon ein Jahr später stellte der Club um, stellte einige der Saisonarbeiter fest an. „Es dauert schon eine ganze Saison, bis man überhaupt eingearbeitet ist“, sagt Prochotta, der sich mittlerweile in der englischsprachigen Welt des Golfsports bis zum „Assistant Head Greenkeeper“ hochgearbeitet hat. Er ist nun der zweite Mann auf dem Platz und leitet die anderen an. Im Winter repariert er die Maschinen, schneidet Äste aus der potentiellen Flugbahn der Golfbälle. Fast 500 Kubikmeter Laub fallen im Herbst auf die 18 Bahnen der rund 250.000 Quadratmeter großen Grünfläche.

Vor der malerischen Kulisse des im Tudorstil erbauten Schlosses Friedrichshof, das seit 65 Jahren ein bekanntes Hotel beherbergt, schlagen drei Kinder ihre Bälle, ein Jugendturnier ist im Gang, die Greenkeeper haben Bahnen und Grüns vorbereitet. Kaiserin Victoria, die sich zum Gedenken an ihren verstorbenen Mann Kaiserin Friedrich nannte, hatte das Schloss in Kronberg 1889 als Witwensitz bauen lassen. Die Tochter der berühmten Queen Victoria von England ließ den Schlosspark mit edlen Gehölzen und wertvollen exotischen Bäumen bepflanzen. Ihre britischen Gäste spielten schon 1914 im jenem Park Golf, auf dessen Areal der Golfplatzt heute zum Teil liegt.

Als Erntehelfer in der alten Heimat

Der Mann in der Arbeitskleidung, mit dem Aufdruck „Greenkeeper“ auf dem grünen Sweatshirt, hat selbst noch nie den Golfschläger geschwungen, auch seine Kinder nicht. Seinen bereits erwachsenen Ältesten hat er zum Arbeiten schon ab und zu mal mitgenommen. „Die beiden Jungs spielen Fußball, das Mädchen turnt und macht Cheerleading“, erzählt der Vater. Sie gehen in Frankfurt zur Schule, die Jüngste lerne einmal in der Woche Polnisch in der Kirchengemeinde, damit sie die Sprache auch schreiben könne, nicht nur sprechen, sagt Prochotta. Heimweh nach dem kleinen Dorf seiner Kindheit, nach dem Bauernhof hat er nicht. „Jeden Sommer fahre ich für zwei Wochen zur Ernte heim, danach will ich immer schnell wieder weg.“ Saisonarbeit in Polen sozusagen. Zu Hause, das ist jetzt für ihn die Großstadt Frankfurt mit all ihren Möglichkeiten und der Golfplatz in Kronberg.

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