Bereit für Veränderung

Der 72. Lateinamerika-Tag in Hamburg bringt Experten aus vielen Ländern an einen Tisch. Drei schildern hier ihre Eindrücke.

Hamburg – Tor zur Welt und nach Lateinamerika
Hamburg – Tor zur Welt und nach Lateinamerika dietwalther/AdobeStock

Der Lateinamerika-Tag ist die Jahreshauptkonferenz des Lateinamerika Vereins in Hamburg und ein zentraler Termin für alle an den deutsch-lateinamerikanische Beziehungen Interessierten. Angesichts globaler Herausforderungen wie der Coronapandemie und des Klimawandels stand der 72. Lateinamerika-Tag Anfang November 2021 unter dem Motto: „Bereit für Veränderung?!“ An den zwei Konferenztagen diskutierten internationale Experten, Energieminister lateinamerikanischer Länder, Vertreter von Entwicklungsbanken und Branchenfachleute, über Antworten auf diese Frage und wie eine Neuausrichtung in der Region aussehen und umgesetzt werden kann. Der erste Konferenztag widmete sich dem Thema „Wiederaufbau und neue Wege – Konsequenzen und Strategien“ sowie ausgeprägten Netzwerkmöglichkeiten. Der zweite Tag legte den wirtschaftlichen Fokus auf die Energiepolitik in Lateinamerika und Kooperationsmöglichkeiten. Ehrengast beim traditionellen Gala-Dinner im Hamburger Rathaus war die Vizepräsidentin und Außenministerin der Republik Kolumbien, I.E. Marta Lucía Ramírez.

Dante Mossi
Dante Mossi Bandowski

Dr. Dante Mossi, Geschäftsführender Vorsitzender der zentralamerikanischen Entwicklungsbank BCIE (Banco Centroamericano de Integración Económica):

„Mit Deutschland sehe ich viele Kooperationsmöglichkeiten, insbesondere im Bereich der Erneuerbaren Energien, bei der Herstellung von Fahrzeugen und hier vor allem im Schienenverkehr. Auch der Seehandel, der zum Beispiel von Hamburg aus mit dem zentralamerikanischen Raum betrieben wird, hat enormes Entwicklungspotenzial. Wir müssen das Gespräch über den Handel mit Bananen ausweiten und auf den Handel mit Fahrzeugen, mit Turbinen und anderen deutschen Qualitätsprodukten lenken, die die Region dringend braucht. Ich habe große Hoffnung, dass wir mehr deutschen Unternehmern die Türen öffnen können, denn unsere Bank finanziert auch Machbarkeitsstudien für kleinere Ingenieurbüros. Aus der Pandemie haben wir gelernt, dass wir mehr Unternehmen aus Deutschland anziehen müssen, zum Beispiel aus dem Gesundheitssektor oder der Produktion von Impfstoffen. Wir wollen Mittel vergeben, um Sektoren zu erschließen, an die man traditionell nicht gedacht hätte. Dieses „New Sharing“ bedeutet, dass die Herstellung bestimmter Güter zunehmend vor Ort stattfinden muss. Dafür stellen wir die Mittel bereit. Was wir jetzt brauchen, ist ein technisches Qualitätssystem in Sektoren wie der Biomedizin, dem Ingenieurwesen und der Infrastruktur und das diese Vorteile auf den Kleinunternehmer überträgt. Darin liegt meiner Meinung nach Deutschlands Expertise.“

Constanza Correa Sarmiento
Constanza Correa Sarmiento Bandowski

Constanza Correa Sarmiento, Leiterin für Nachhaltigkeit und Bildung in der Deutsch-Kolumbianischen Industrie- und Handelskammer (AHK Kolumbien) / Netzwerk DHLA (Duale Hochschule Lateinamerika), Business Scout for Development

„Als Leiterin für Nachhaltigkeit und Bildung in der Außenhandelskammer sehe ich in den Beziehungen zwischen Lateinamerika und Deutschland vor allem im Bereich Bildung sehr viel Potenzial. Deutschland hat bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts starke Handels- und kulturelle Beziehungen zu Lateinamerika, aber in den vergangenen Jahren ist das etwas ruhiger geworden. Stattdessen haben die USA und China an Einfluss gewonnen. Deutschland hat jetzt die Möglichkeit, sich wieder einzubringen, denn es steht für hohe Qualität und hohe Standards. Bildung ist ein Querschnittsthema in diesen neu aufgelegten Beziehungen, denn Nachhaltige Entwicklung braucht Bildung. Es gibt in der Region schon seit Jahren Pilotprojekte vor allem in der Dualen Ausbildung, die von deutschen Ministerien finanziert werden, aber durch die Pandemie ist die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen noch gestiegen und den Unternehmen fehlen Investitionen. Die Qualifizierung von Fachkräften gewinnt enorm an Bedeutung. Die Nachhaltigkeitsziele, die wir bis 2030 erreichen wollen, funktionieren nur, wenn wir die Qualifizierung und Ausbildung mitdenken. Jetzt ist der Moment, wo wir den Jugendlichen sagen müssen: Wir bieten euch Chancen. Das stärkt die Beziehungen und verbessert die Technik und die Handelsbeziehungen. Deswegen ist es wichtig, Deutschland und Lateinamerika noch stärker zusammenzubringen.“

Detlef Nolte
Detlef Nolte Bandowski

Prof. Dr. Detlef Nolte, Associate Research Fellow am GIGA Institute of Latin American Studies, Hamburg, und Associate Fellow Amerika, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

„Zurzeit haben die deutsch-lateinamerikanischen Beziehungen ein eher niedriges Profil. Aufgrund der vielen Probleme, die wir außenpolitisch und innenpolitisch zu bewältigen haben, ist die Initiative der vergangenen Bundesregierung nicht sehr weit vorangekommen. Das hat natürlich viel mit den Problemen durch die Pandemie zu tun hat, mit europäischen Debatten oder auch mit der Bundestagswahl. Wir haben eher den Blick auf die Innenpolitik gerichtet. Das gilt aber auch für die lateinamerikanische Seite. Auch dort stehen und standen viele Wahlen an, beispielsweise in Chile, Kolumbien, Peru. Brasilien vertritt nicht unbedingt europäische oder deutsche Interessen, Argentinien hat große wirtschaftliche Schwierigkeiten und auch Mexiko ist derzeit kein bequemer Partner. Uns fehlen momentan auf der Gegenseite die richtigen Ansprechpartner. Den Schlüsselfaktor für stärkere Beziehungen sehe ich im Handelsabkommen mit dem Mercosur. Wenn wir das hinbekämen, wäre das ein klares Zeichen, dass Europa und damit auch Deutschland mit Lateinamerika verstärkt kooperieren will. Wir müssen klare Zeichen setzen und den Worten Taten folgen lassen. Auch Zusatzabsprachen wie zum Schutz des Regenwaldes sind wichtig, denn neben der Wirtschaft muss auch der politische und zivilgesellschaftliche Dialog gestärkt werden. Seit 2017 hat es keinen offiziellen Gipfel mehr zwischen Europa und Lateinamerika gegeben. Das muss ich ändern.“

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