Virtueller Gastforscher

David Alzate Rojas aus Kolumbien wollte zwei Monate in Frankfurt forschen – wegen der Pandemie ist es nun ein Austausch auf Distanz.

David Alzate Rojas
David Alzate Rojas privat

Eigentlich wäre der kolumbianische Politologe und Soziologe David Alzate Rojas im Sommer 2020 zu Gast beim Leibniz Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) in Frankfurt am Main gewesen. Drei Monate lang wollte er dort forschen, unter anderem im Rahmen des deutsch-kolumbianischen Friedensinstituts CAPAZ. Doch dann kam die Corona-Pandemie. Nun ist Alzate Rojas der erste „virtuelle Gastforscher“ an der HSFK. In Kolumbien lehrt er an der Universidad Tecnológica de Bolívar in Cartagena de Indias.

Herr Alzate Rojas, Sie sind Gastforscher in Frankfurt, arbeiten aber gezwungenermaßen von Kolumbien aus – wie läuft das ab?

Ich spreche regelmäßig mit dem Programmleiter des Bereichs „Innerstaatliche Konflikte“ der HSFK, außerdem gab es ein größeres virtuelles Treffen mit den anderen Forschenden. Wir werden uns gegenseitig unsere Arbeit vorstellen und darüber diskutieren. Mich interessieren vor allem die Projekte von Kolleginnen und Kollegen, die in ähnlichen Szenarien arbeiten wie ich, sich aber mit anderen Regionen beschäftigen, etwa Afrika oder Südostasien. Ich hoffe allerdings, dass es nicht bei der virtuellen Zusammenarbeit bleibt und der physische Aufenthalt nur verschoben ist.

Wo sehen Sie Anknüpfungspunkte zwischen Ihrer Forschung und den Projekten in anderen Weltregionen?

Mein Thema sind lokale Prozesse des Friedensaufbaus nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags. Dabei interessieren mich vor allem drei Punkte: Zum einen der Übergang von gewaltgeprägten Szenarien in nicht-gewalttätige oder in dynamische, aber ebenfalls von Gewalt geprägte Szenarien. Der zweite Aspekt ist das, was als „livelihood“ bezeichnet wird: Wovon leben die Menschen auf dem Land? Was pflanzen sie an – und wie können sie damit handeln, auch wenn die Infrastruktur in ihrer Region mangelhaft ist? Das dritte Thema sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Wiederherstellung sozialer Netze. Es gibt Akte des Verzeihens, der Versöhnung oder Versprechen von Täterseite, dass sich das Vergangene niemals wiederholt

Sie beschäftigen sich insbesondere mit der Region Cauca im Südwesten Kolumbiens. Welche Auswirkungen der Corona-Pandemie beobachten Sie dort?

Vorhandene Probleme verstärken sich, etwa die fehlende Infrastruktur. Bisher sind die Ansteckungszahlen in Cauca geringer als in anderen Gegenden. Dennoch ist die schlechte Gesundheitsversorgung ein Problem. Die Bauern berichten, dass durch die Pandemie Handelsmöglichkeiten weggebrochen sind. In manchen Gegenden haben nicht-staatliche bewaffnete Gruppen Ausgangssperren verhängt. Auch sind neue bewaffnete Akteure aufgetaucht, doch wir wissen noch nicht genau, welche – und an wessen Stelle sie treten. Es gab auch Fälle, in denen die Bevölkerung bei bewaffneten Konflikten ins Kreuzfeuer geraten ist. Ich fürchte, es wird noch eine Weile dauern, bis ich wieder im Land unterwegs sein kann – auch die Feldforschung werde ich erstmal virtuell betreiben müssen.

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