Strom ist der Anfang

Erneuerbare Energien in Afrika: Wie das deutsch-afrikanische Unternehmen Africa GreenTec Dörfer mit Elektrizität versorgt.  

Africa Greentec bringt Strom in entlegene Dörfer.
Africa GreenTec bringt Strom in entlegene Dörfer. Africa GreenTec, Patrick Reimers

Es ist ein Moment mit Gänsehautgarantie: In Sirakoro wird es zu später Stunde hell. Die Bewohnerinnen und Bewohner des malischen Dorfs klatschen, jubeln, feiern. Zum ersten Mal in der Geschichte Sirakoros gibt es zuverlässige große Lichtquellen, die nicht von Dieselgeneratoren versorgt werden. Die Energie für die Straßenlaternen wird mit Hilfe der Sonnenkraft in mobilen Solarcontainern erzeugt.

Moderne Infrastruktur zur Stromversorgung

„Solartainer“ nennen sich die Anlagen, die in 48 Stunden aufgebaut werden können, ganze Dörfer mit sauberem Strom versorgen und eine große Veränderung für die Bewohnerinnen und Bewohner mit sich bringen. Der Anschluss an ein Stromnetz bedeutet für die Menschen in Sirakoro neben zuverlässigen Lichtquellen zum Beispiel auch sauberes Trinkwasser, Feldbewässerung und Kühlungsmöglichkeiten sowie Internetzugang. Denn in dem Dorf ist auch eine moderne Infrastruktur zur Stromversorgung entstanden: Über ein digitales Stromnetz mit Smart-Meter-Technologie wird die erzeugte Elektrizität im gesamten Dorf intelligent verteilt, gesteuert, überwacht und abgerechnet.

Die Idee dazu hatten der Deutsche Torsten Schreiber und seine in Mali geborene Frau Aida Schreiber im Jahr 2016. Damals begann das Paar mit dem Aufbau des Solarunternehmens Africa GreenTec (AGT), das mehr als 3 Millionen Menschen in Afrika mit Strom versorgen und ihnen und der lokalen Wirtschaft damit neue Perspektiven eröffnen möchte.

Wir schaffen neue Wege für Tausende Menschen und eine ganze Generation.

Aida Schreiber, AGT-Mitgründerin

„Stell dir vor, du musst deinen Handwerksbetrieb in einem afrikanischen Dorf aufbauen und hast keinen verlässlichen Zugang zu Strom. Deine einzige Möglichkeit ist ein Dieselgenerator. Der Diesel ist aufgrund fehlender Infrastruktur in deinem Land nur schwer verfügbar und teuer. Der Generator stinkt, ist laut, er verschmutzt die Umwelt und deine direkte Nachbarschaft. So haben insbesondere junge Menschen keinerlei berufliche Perspektive. Wir ändern das und schaffen neue Wege für Tausende Menschen und eine ganze Generation“, sagt Aida Schreiber.

Aida Schreiber, Mitgründerin von Africa Greentec
Aida Schreiber, Mitgründerin von Africa GreenTec Africa GreenTec, Patrick Reimers

Crowdfunding zur Finanzierung

Konkret funktioniert die Idee so: Africa GreenTec verkauft seine etwa 150.000 Euro teuren Solartainer und den damit erzeugten Strom an eine Dorfgemeinschaft. Wo noch die Kaufkraft fehlt, gründet AGT eine lokale Betriebsgesellschaft, die die Anschaffung vorfinanziert und den Strom weiterverkauft. Einen Teil seiner Finanzierung stellt das Unternehmen durch Crowdfunding sicher, an dem sich jeder beteiligen kann. Aufgebaut wird das Produkt von Mitarbeitenden des Unternehmens, die zum Großteil in den Ländern leben, in denen Africa GreenTec aktuell aktiv ist. Neben Mali sind das Niger, Tschad, Madagaskar und Senegal. Und in den elektrifizierten Dörfern entstehen neue Arbeitsplätze für Menschen, die sich um die Anlagen des deutsch-afrikanischen Sozialunternehmens kümmern.

Im nächsten Schritt möchten Torsten und Aida Schreiber auch die Produktion und Administration nach Afrika verlagern. Dafür baut AGT in den nächsten drei Jahren ein neues klimaneutrales Headquarter in Senegals Hauptstadt Dakar. In den vergangenen sechs Jahren hat das Unternehmen über 20 Dörfer elektrifiziert und mehr als 100.000 Menschen Zugang zu sauberem, zuverlässigem und vergleichsweise günstigem Strom ermöglicht. 

Felder bewässern, Ernten kühlen

Die Solartainer haben eine Kapazität von jeweils 50 kWp und beliefern bis zu 400 Haushalte, 40 kleine und mittlere Unternehmen und zehn soziale Einrichtungen mit Solarstrom. Neben den Solarcontainern verkauft oder vermietet AGT unter anderem Wasseraufbereitungsanlagen, Wasserpumpen und Kühlhäuser. Landwirtinnen und Landwirte zum Beispiel können ihre Felder leichter bewässern und ihre Ernte besser kühlen. Durch den Einsatz von Lithium-Batterien zur Speicherung können die Menschen den Strom sogar in den Abendstunden nutzen. In Zukunft sollen auch SecondLife-Speicher aus Elektroautos eingesetzt werden, deren Batterien so länger genutzt werden können.

Nassou Oumar, Kleinunternehmer und Kunde von Africa Greentec
Nassou Oumar, Kleinunternehmer und Kunde von Africa GreenTec Africa GreenTec, Patrick Reimers

Viele Menschen in entlegenen Dörfern der Sahelzone erhalten so die Chance, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Nassou Oumar aus dem malischen Dorf Djioliba zum Beispiel sah vor einigen Jahren in seiner Heimat keine Perspektive mehr und wollte nach Europa fliehen. Dann erfuhr er von der Stromversorgung in seinem Dorf, blieb und gründete mehrere Firmen mit rund 50 Mitarbeitenden. „Strom ist der Anfang von allem“, schreibt er auf der AGT-Website.

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