„Anschluss an die Weltwirtschaft“

Ende Oktober findet der G20 Investment Summit für Afrika in Berlin statt. Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, sagt, was Afrika jetzt braucht – und was Deutschland tun muss.

Arbeiterinnen in einer modernen Textilfabrik in Addis Abeba
Arbeiterinnen in einer modernen Textilfabrik in Addis Abeba dpa

Herr Liebing, unter der deutschen G20-Präsidentschaft wurde 2017 der Compact with Africa (CwA) initiiert, mit dem vor allem Investitionen gefördert und der private Sektor des Kontinents gestärkt werden sollen. Was hat diese Initiative bisher bewirkt?
Mit der unter der G20-Präsidentschaft verabschiedeten Initiative „Compact with Africa“ (CwA) hat die Bundesregierung eine neue Afrika-Politik eingeläutet. Im Fokus stehen nun vor allem Investitionen, um die Infrastruktur und die damit einhergehende wirtschaftliche Entwicklung des Kontinents voranzutreiben. Das ist gut und begrüßenswert. Allerdings müssen wir auch sagen, dass es vor allem um Reformen vor Ort in Afrika geht. Das allein wird aber nicht ausreichen, um deutsche Investitionen anzureizen. Kein deutscher Mittelständler wird deshalb in Ruanda oder Senegal investieren, weil dort das Steuersystem besser organisiert ist. Ganz entscheidend wird daher sein, ob wir den Rahmen der Compact-Initiative durch bilaterale Maßnahmen füllen, beispielsweise zur Unterstützung und Risikoabsicherung für den deutschen Mittelstand.

Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft
Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft Afrika-Verein

Ende Oktober findet der G20 Investment Summit für Afrika in Berlin statt. Was braucht Afrika jetzt am nötigsten?
Unser Nachbarkontinent ist jung: Bis 2050 wird sich die afrikanische Bevölkerung verdoppeln, von heute gut einer auf dann zwei Milliarden Menschen. Und er ist arbeitssuchend: In nur wenigen Jahrzehnten wird ein Viertel der weltweiten Erwerbsbevölkerung afrikanisch sein. Es braucht also Arbeitsplätze für Millionen junger Menschen jedes Jahr. Deshalb müssen die afrikanischen Volkswirtschaften substanzielleren Anschluss an die Weltwirtschaft finden – im Interesse aller. Das funktioniert allerdings nur mit einer sich selbst tragenden ökonomischen Entwicklung anstelle der überholten Geber-Nehmer-Beziehung. Mehr ausländische Direktinvestitionen sind ein zwingender Schritt – neben den unverzichtbaren eigenen Anstrengungen der afrikanischen Staaten für bessere Rahmenbedingungen.

Bei erneuerbaren Energien spielt die deutsche Wirtschaft seit Jahren eine führende Rolle, aber noch nicht in Afrika

Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft

Entwicklungsminister Müller nennt Afrika den „Chancenkontinent“. Worin liegen die größten Chancen?
Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es eine Mittelschicht von 360 Millionen Menschen und mehr Mobilfunkanschlüsse als in Europa. Es entstehen permanent neue Infrastrukturprojekte, die den Rückstand bei Straßen, Häfen und Flughäfen zu schließen beginnen. Wir sehen das Entstehen eines afrikanischen Unternehmertums. Wir sehen einen Willen, Afrika zu industrialisieren – und zwar möglichst klimaneutral. Das heißt, es gibt einen riesigen Bedarf nach erneuerbaren Energien. Da spielt die deutsche Wirtschaft seit vielen Jahren eine führende Rolle, aber noch nicht in Afrika.

Entwicklungsminister Gerd Müller in einer modernen Textilfabrik in Addis Abeba, Äthiopien
Entwicklungsminister Gerd Müller in einer modernen Textilfabrik in Addis Abeba, Äthiopien
dpa

Bislang nahmen vergleichsweise wenig deutsche Unternehmen die Chancen in Afrika wahr. Ist eine Trendwende in Sicht?
Ein Teil der deutschen Wirtschaft liefert durchaus schon: Projekte im Wert von einer Milliarde Euro stehen allein im Jahr 2018 zur Entscheidung an, etwa 1000 deutsche Unternehmen sind in Afrika als Investoren aktiv, viele weitere tausend als Handelspartner. Deutschland gehört aber längst noch nicht zu den wichtigsten Investoren, und unsere Engagements sind in einigen wenigen Ländern konzentriert. Also: viel Luft nach oben. Denn in der Breite überlagern Risiken in der Wahrnehmung unserer Firmen die vielen Chancen, die der afrikanische Kontinent bietet. Wenn sich das ändern soll – und das ist sowohl entwicklungs- als auch außenwirtschaftspolitisch dringend nötig – dann sollten vor allem die mittelständischen Unternehmen auf den als schwierig und risikoreich wahrgenommenen Märkten intensiver durch die Bundesregierung unterstützt und gefördert werden.

Deutschland ist in Afrika spät dran. Das werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können.

Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft

Mit dem Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft haben Sie mittlerweile über tausend deutsche Unternehmen nach Afrika begleitet. Was ist Ihr Zwischenfazit?
Deutsche Unternehmen haben mit ihren Produkten und Technologien weltweit nachgefragtes Know-how für die Herausforderungen des Klimaschutzes und der Industrialisierung zu bieten. Als eine der exportstärksten Nationen sind wir auch bei den Direktinvestitionen eine hochinternationalisierte Volkswirtschaft. Ob bei der Verarbeitung von Rohstoffen, der Produktion von Textilien für den Weltmarkt oder von Nahrungsmitteln für den heimischen Markt: Moderne Maschinen, verlässliche Energielösungen und effiziente Logistikdienstleistungen werden in Afrika benötigt. Deutsche Unternehmen können am Wachstum teilhaben und sind mit ihrer Technologie und der besonderen Kompetenz bei Maßnahmen zur Schulung und Ausbildung von Mitarbeitern besonders gefragt. Deutsche Unternehmen sind heute so erfolgreich wie nie, aber Afrika ist bislang kein großes Thema gewesen. Deutschland ist hier spät dran, wenn es um das Nutzen von Chancen und das Lösen von Problemen geht. Das werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können.

Interview: Martin Orth

© www.deutschland.de

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