Automatisierung des Geistes

Wie die Automatisierung geistiger Tätigkeiten die Arbeitswelt verändert.

Nikolaevich/The Image Bank - The quiet revolution

Maschinen bestimmen unseren Alltag schon seit langer Zeit. Die Macht und das Wissen, Bewegung von Wind und Wasser so zu nutzen, dass sein Leben leichter, seine Arbeit produktiver wurde, hat der Mensch bereits seit Jahrtausenden. Bessere, schnellere, leis­tungsfähigere Maschinen und Automaten vervielfachen unsere Kraft. Seit dem Heraufdämmern des Computerzeitalters verstärken sie auch unsere geistigen Kräfte, lassen uns Informationen schneller und auf immer neue Arten verarbeiten und Systeme bauen, deren Komplexität das Fassungsvermögen des menschlichen Gehirns bei Weitem übersteigt.

Der jeweilige Stand der Technologie hat die Struktur der Gesellschaft, das Zusammenleben, die Kommunikation, die Arbeit und die ökonomischen Zustände beeinflusst und manchmal ganz direkt bestimmt. Immer wenn sich eine neue Technologiewelle durchsetzte, kam es zu teils dramatischen Umwälzungen, die oft für großes Leid, Ungerechtigkeiten und Machtverschiebungen, aber auch für neuen Wohlstand, Beschleunigung von täglichen Abläufen oder neue Bequemlichkeiten sorgten. Etablierte Lebens-, Arbeits- und Denkweisen wurden zum Teil binnen weniger Jahre obsolet, über lange Zeit erworbene Fertigkeiten und Kenntnisse wertlos. Die Frage, wie jene technologischen Umbrüche bewältigt werden können, die durch die Digitalisierung und Vernetzung, durch die Beschleunigung der Kommunikation und Datenverarbeitung und durch die weitreichende Automatisierung und immer „intelligenter“ werdende Algorithmen gerade geschehen, ist eines der Kernprobleme unserer Zeit.

Sobald Roboter in der Lage sind, die Tätigkeiten, die heute beispielsweise von Fließbandarbeitern in Niedriglohnländern erledigt werden, mit der gleichen Flexibilität durchzuführen, ändert sich das Spiel der globalen Wirtschaft grundlegend. Schon heute ist der Trend zurück zur Produktion nahe der Endabsatzmärkte in vielen Branchen klar zu sehen. Industrien mit hohem Automatisierungsgrad, wie die Fahrzeugbranche, bauen seit Jahren neue Fabriken direkt in ihren Hauptabsatzländern. Je geringer der Anteil der Lohnkosten an einem Produkt, desto mehr treten andere Faktoren für die Standortwahl in den Vordergrund. Transportkosten, Infrastruktur, Stromnetze, Umweltfaktoren, Verfügbarkeit von hoch qualifiziertem Personal, Steuerbelastung, politische Stabilität und sons­tige regulatorische Faktoren bestimmen letztlich die Profitabilität weitaus stärker als die Kosten für das Personal. Das Kapital, das erforderlich ist, um die nötigen Investitionen zu tätigen, die eine menschenarme Fertigung ermöglichen, wird zum entscheidenden Produktionsmittel.

Diese Situation findet sich im Grunde überall, wo es um große Mengen Daten von und über Menschen geht. Es gibt erhebliche Potenziale für Automatisierung und eine gesamtgesellschaftliche Effizienzsteigerung, die sich nicht nur auf den derzeit im Vordergrund stehenden ewigen Drang beziehen, uns allen mehr zu verkaufen. Die Frage, wie und zu wessen Nutzen die Daten, die wir ständig produzieren und hinterlassen, genutzt werden sollen, wird ganz entscheidend dafür sein, wie die Zukunft unserer Arbeits- und Lebenswelt aussehen wird.

Derzeit wird das Öl des Informationszeitalters privatisiert, ohne Gewinn für die Allgemeinheit – außer vielleicht der vagen Versicherung, dass der Service dadurch besser würde. Mehr Daten über Nutzer und Kunden zu besitzen ist weitgehend zu einem Selbstzweck geworden – getrieben durch das Versprechen, dass man aus diesen Daten erhebliche Rationalisierungs- und Effizienzsteigerungspotenziale und damit höheren Profit realisieren kann, wenn man sie nur mit entsprechend guten Algorithmen auswerte. Doch die Automatisierung macht nicht halt in der physischen Welt. Sie geht weiter in die nächste Domäne, die bisher als genuin menschlich betrachtet wurde.

Wer denkt, sein Arbeitsplatz sei zukunftssicher, weil er Denkleistungen erfordert, die nicht ohne Weiteres von einem Computer übernommen werden können, befindet sich möglicherweise im Irrtum. Die Automatisierung des Geistes, die Ablösung menschlicher Hirntätigkeit durch Software und Algorithmen, hat das Potenzial, die Arbeits- und Lebenswelt noch stärker zu verändern, als es durch die Roboterisierung und Automatisierung der Produktion bereits eingeleitet worden ist. Das Faszinierende liegt darin, dass dieser Prozess weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit stattfindet. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass vieles –anders als bei der Roboterisierung – nicht leicht zu verstehen und darzustellen ist und es keine augenfällige Bebilderung für die Medien gibt. Wer will schon andauernd die immer gleichen Archivbilder von dramatisch ausgeleuchteten Tastaturen und Monitoren mit bedrohlich kreisenden Nullen und Einsen sehen? Die Effekte der Computerisierung kognitiver Aspekte sind weitaus subtiler, als wenn in der Fabrikhalle an der Stelle, wo vor einem Jahr noch Menschen schafften, nun Roboter stehen.

Oft geht nicht nur die Automatisierung physischer Vorgehensweisen mit einer grundlegenden Änderung der Art und Weise einher, wie ein Geschäftsvorgang geschieht. Ein recht plastisches Beispiel, an dem sich das Prinzip erklären lässt, ist die Art, wie wir unsere Bankgeschäfte abwickeln. Die Wegautomatisierung vieler Angestellter geschah in der Bank zum einen dadurch, dass Roboter – nichts anderes sind Geldautomaten – ihre Aufgabe übernahmen. Entscheidungen über Kredite werden nicht mehr von Menschen direkt gefällt, sie folgen in der Regel dem Vorschlag aus einem Algorithmus, der Hunderte Faktoren und Datenpunkte über den Kunden und seine Finanzhistorie heranzieht. Das Bauchgefühl und die Erfahrung des Bankers wurden weitgehend durch Software ersetzt. Zum anderen haben wir uns daran gewöhnt, Bankgeschäfte online abzuwickeln.

Genauso funktioniert die Automatisierung des Geistes an vielen anderen Stellen. Erfahrung, Wissen und Intuition werden durch Software nachgebildet, Statistiken, Optimierungs- und Wahrscheinlichkeitsrechnungen ersetzen die oft eher unscharf begründeten, einfach zu beeinflussenden Entscheidungen des Menschen. Die Kombination von algorithmengerechter Umstellung von Geschäftsprozessen, vollständiger Digitalisierung aller Vorgänge plus Software und Rechenleistung könnte langfris­tig sogar dazu führen, dass ausgerechnet die Profiteure des Optimierungs- und Effizienzwahns – die Unternehmensberater – um ihre Jobs fürchten müssen. Wenn Unternehmen die bisher teuer extern eingekauften Analysen ihres eigenen Geschäfts einfach selbst vornehmen können, reduziert sich das Berufsbild auf die Rolle, die heute schon oft genug der Grund für die Anheuerung von Beratern ist, nämlich: als Sündenbock für Entlassungen zu dienen.

Viele neue Jobs in der umjubelten „digitalen Wirtschaft“, die Social-Media-Berater, Internetagenturen und Webdesigner, sind bisher mehr Schein als Sein. Prekäre Arbeitsverhältnisse, umfangreiche Selbstausbeutung und ein Hangeln von Projekt zu Projekt, unterbrochen von Phasen der Abhängigkeit von Sozialleistungen, kennzeichnen die Branche. Wie immer, wenn sich neue Selbstverständlichkeiten herausbilden, die bald zum digitalen Alltag gehören, gibt es ein Überangebot an Beratern und Dienstleis­tern, die vom kurzfristigen Unwissen und Nichtverstehen der Unternehmen, Parteien und Medien profitieren wollen.

Es wäre ein großer Fehler anzunehmen, dass all dies ohne Folgen für unsere Gesellschaft und unser Leben bleiben kann. Die Ersetzung von körperlicher Arbeit durch Roboter und Maschinen, der Rückzug des Menschen auf die Rolle des Konstrukteurs und Befehlsgebers, die Ablösung vieler geis­tiger Tätigkeiten durch Algorithmen werden profunde Auswirkungen auf die Struktur unserer Sozialsysteme und das Machtgefüge von Wirtschaft und Gesellschaft haben. Je geringer der Anteil menschlicher Arbeitskraft – sei es geistig oder körperlich – an Produktion und Wertschöpfung wird, desto stärker verschiebt sich das Machtgefüge in der Wirtschaft zu den Besitzern von Kapital, dem ultimativen Produktionsmittel. Ändert sich gleichzeitig nichts an den Grundlagen der Finanzierung von Staat und sozialen Sicherungsnetzen, wird die Schere zwischen Löhnen und Kapitaleinkommen noch weiter geöffnet.

Es ist keine hoffnungslose Utopie mehr, dass Arbeitsplätze, die uns kaum noch menschenwürdig erscheinen, nicht länger durch weiteres Lohndrücken erhalten, sondern von Maschinen besser und schneller erledigt werden. Ebensowenig utopisch ist eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Talenten und Fähigkeiten arbeitet und nur so viel, wie seine Lebensumstände es erlauben. Erfindungsgeist und Tatkraft haben uns so weit gebracht, dass Maschinen große Teile der Arbeit übernehmen können, die wir nicht erledigen können oder wollen.

Die Frage, wie die Früchte dieser Entwicklung verteilt werden, ob wir es schaffen, sie für eine bessere, gerechtere und lebenswerte Gesellschaft einzusetzen, oder zulassen, dass Macht und Geld weiter in den Händen weniger konzentriert werden, ist eine der Kernfragen unserer Zeit. Die Dinge laufen zu lassen, darauf zu hoffen, dass der Markt das Problem regeln wird, ist sträflicher Leichtsinn, der in eine hässliche Dystopie führen kann. Wir sollten die Chance nutzen, jetzt die richtigen Entscheidungen zu fällen, um den Weg in eine positive und technologiebejahende Zukunft zu nehmen. Das ist es gerade, was uns von den autonomen Maschinen unterscheidet, die letztlich doch nur Regeln folgen, Instruktionen abarbeiten, Parameter berechnen: Wir sollten den Verstand haben, unsere Zusammenarbeit mit ihnen in die richtigen Bahnen zu lenken. ▪

Constanze Kurz ist Informatikerin und Forscherin, Frank Rieger technischer Geschäftsführer einer Firma für Kommunikations­sicherheit. Beide sind Sprecher des „Chaos Computer Clubs“. Der Text ­basiert auf ihrem Buch „Arbeitsfrei“ 
(Verlag Riemann).