Tuttlingen ist weltweit mit dabei

Eine kleine Stadt in Deutschland ist Weltzentrum der Medizintechnik. Bürgermeister Beck erklärt im Interview, wie es dazu gekommen ist.

Medizintechnik: Eine Rückgrat-Schraube aus Tuttlingen
Medizintechnik: Eine Rückgrat-Schraube aus Tuttlingen picture alliance / dpa

Herr Beck, Sie sind Oberbürgermeister einer kleinen Stadt mit 35.000 Einwohnern. Sie heißt Tuttlingen und ist ein Weltzentrum?
Das Weltzentrum der Medizintechnik – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und wenn Sie sich mit Ärztinnen und Ärzten von egal woher unterhalten, werden diese das bestätigen. Ob in Asien oder den USA, in den Arabischen Emiraten oder in Südamerika – überall wird mit Tuttlinger Produkten diagnostiziert und operiert, werden Implantate aus Tuttlingen eingesetzt, sorgt eine OP-Lampe aus Tuttlingen für das richtige Licht. Unser Pech ist vielleicht, dass die Endverbraucher unsere Produkte selten zu Gesicht bekommen, weil sie aus gutem Grund meist narkotisiert sind, wenn sie mit ihnen in direktem Kontakt sind. Würden wir Alltagsprodukte für den normalen Konsumenten herstellen und hätten damit die gleiche Marktstellung, würde vermutlich wirklich jeder Tuttlingen kennen.

Überall wird mit Tuttlinger Produkten diagnostiziert und operiert.

Michael Beck, Oberbürgermeister Tuttlingen

Wie wird ein Ort zum Weltzentrum?
Das Tuttlinger Medizintechnik-Cluster ist historisch gewachsen. Es fing in der frühen Neuzeit mit der Eisenverhüttung und den ersten Messerschmieden an, die industrielle Herstellung von medizinischen Instrumenten begann zeitglich mit den Anfängen der modernen Chirurgie. Der große Schub kam nach dem Zweiten Weltkrieg, als es im Umfeld des ersten großen Herstellers zahlreiche Neugründungen gab. Die weitere Entwicklung ist dann typisch schwäbisch: Ehrgeizige, fleißige und begabte Mitarbeiter verschiedener Firmen machen sich selbstständig, fangen als kleiner Familienbetrieb an, arbeiten sich mit viel Ausdauer hoch, besetzen dank ihrer Fach- und Marktkenntnis recht schnell ganz spezielle Nischen auf dem Markt – und geben ein paar Jahre später Dutzenden oder gar Hunderten von Menschen Arbeit. Mittlerweile gibt es in und um Tuttlingen rund 400 Unternehmen aus dieser Branche. Und das prägt die Stadt natürlich. Es gibt viele und auch gut bezahlte Arbeitsplätze, selbst Corona hat da wenig dran geändert. Und die Stadt profitiert davon – dass wir sogar in Krisenzeiten in Großprojekte wie den Schulbau investieren können, ist auch das Ergebnis einer soliden Wirtschaftsstruktur.

Weltzentrum Tuttlingen: Oberbürgermeister Michael Beck
Weltzentrum Tuttlingen: Oberbürgermeister Michael Beck

Eine Universität hat Tuttlingen auch?
Seit 2009 sind wir Sitz des Hochschulcampus Tuttlingen – ein lang gehegter Wunsch unserer Stadt, der dank des gemeinsamen Engagements von Stadt, Landkreis und der örtlichen Industrie dann möglich wurde. Dass die örtlichen Akteure einen erheblichen Teil der Kosten für eine Hochschule des Landes aufbringen, dürfte nicht die Regel sein. Im Zuge der Standortpolitik war es uns dies aber wert. Der Fachkräftemangel war über Jahre eines der gravierendsten Probleme bei uns – HighTech-Weltfirmen in einem doch eher ländlichen Umfeld haben eben Probleme, die es anderswo nicht gibt. Seit wir hier vor Ort unsere Fachleute selber ausbilden, hört man die Klage der Unternehmen deutlich seltener. Über Nachwuchsmangel braucht sich unsere Hochschule übrigens nicht zu beklagen: Durch die enge Verbindung zur Industrie haben die dort Studierenden einen Job nach dem Studium meist schon sicher – und das ist ein Argument, das immer mehr zählt.

Tuttlingen ist also gleich Medizintechnik?
Medizintechnik ist bei uns in der Tat dominierend, aber sie ist nicht alles. Maschinenbau, Automotive und Dienstleistung gibt es bei uns auch. Vor allem aber ist Tuttlingen trotz der Wirtschaftsstärke ein Standort, der noch andere Qualitäten hat – angefangen vom Kultur- und Freizeitangebot bis hin zur Lage. Das Obere Donautal haben Sie vor der Haustüre, Schwarzwald und Bodensee sind nicht weit.

 


Michael Beck (CDU) ist seit Februar 2004 Oberbürgermeister der Stadt Tuttlingen. 2011 und 2019 wurde der Jurist für jeweils weitere acht Jahre gewählt.

© www.deutschland.de

Du möchtest regelmäßig Informationen über Deutschland bekommen? Hier geht’s zur Anmeldung: