Tech-Metropole München

In der bayerischen Landeshauptstadt sind US-Konzerne wie Apple und Google stark vertreten. Sie finden dort viele Ressourcen.

Blick über München: vor Alpenkulisse Arbeit an der Zukunft
Blick über München: vor Alpenkulisse Arbeit an der Zukunft dpa

Tim Cook ist München-Fan. Das hat der Chef des Apple-Konzerns schon länger zu erkennen gegeben; im März 2021 entschied der Konzern aus Cupertino nun, in der bayerischen Hauptstadt sein europäisches Zentrum für Chip-Design auszubauen und dafür bis 2024 eine Milliarde Euro zu investieren.

Das Bild vom „Silicon Valley an der Isar“, kurz „Isar Valley“, hat sich mit Apples Investition eindrucksvoll bestätigt. Die Großstadt mit ihrem barocken Flair ist eben nicht nur Heimat von Industriekonzernen wie BMW oder Siemens. „Auch als Hightech-Standort spielt München in der europäischen Spitzenklasse“, sagt Professor Dirk Dohse, Leiter des Forschungsbereichs Innovation und Internationaler Wettbewerb am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. München punktet mit ausgezeichnet ausgebildetem Nachwuchs, guter Infrastruktur und einem interessanten Wirtschaftsmix, der Unternehmen Kooperationspartner über die eigene Branche hinaus beschert.

Apple Store in München: nur ein Beispiel für starke Präsenz
Apple Store in München: nur ein Beispiel für starke Präsenz dpa

Im Bürokomplex „Karl“ unweit des Hauptbahnhofs, entworfen von Stararchitekt David Chipperfield, will Apple vor allem seine Mobilfunktechnik weiterentwickeln, mit Blick auf den neuen Standard 5G und darüber hinaus. Auch um eine möglichst reibungslose Integration von Hard- und Software geht es, inklusive der Entwicklung von Funkmodems. „Hunderte neue Mitarbeiter“ werde man dafür einstellen, verkündete der Tech-Riese aus Kalifornien, der in München bereits vor 40 Jahren eine erste kleine Außenstelle eröffnet hat. Heute sind es sieben Niederlassungen mit mehr als 1.500 Arbeitsplätzen; allein in dem 2015 gegründeten Bavarian Design Center arbeiten über 350 Ingenieure. „Ich könnte nicht gespannter sein auf das, was unsere Ingenieurteams in München noch alles entdecken werden“, sagt Cook.

Auch attraktiv für Amazon, Google, IBM

Apple ist nicht das einzige Top-Hightech-Unternehmen in der Isarmetropole. Google, seit 2006 präsent, baut derzeit ein denkmalgeschütztes früheres Postgebäude um und will sein Team von 1.200 Mitarbeitern mehr als verdoppeln. Microsoft bezog 2016 eine neue Deutschland-Zentrale im Stadtteil Schwabing, nur ein Jahr später eröffnete gleich um die Ecke IBM ein nach Supercomputer Watson benanntes Forschungszentrum. Auch Amazon will seine rund 2.500 über die Stadt verstreuten Mitarbeiter demnächst in Schwabing zusammenziehen. „Wissens- und forschungsintensive Unternehmen neigen dazu, sich in enger räumlicher Nähe zueinander anzusiedeln. Sie profitieren von Erfahrung, Kreativität und intellektuellem Kapital, das von einem zum anderen überspringt“, sagt Experte Dohse. Darin liegt das Geheimnis der sogenannten Cluster: Innovation begünstigt Innovation.

Apple selbst betont die Qualität des Arbeitsmarkts. „Wir finden hier Talente, die wir anderswo nicht finden würden“, sagte CEO Cook der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) in einem seiner seltenen Interviews. Mit ihren Universitäten und Hochschulen, zahlreichen Startup-Inkubatoren und Forschungseinrichtungen wie dem Fraunhofer-Institut für Kognitive Systeme oder dem Softwareforschungsinstitut fortiss hat sich München in den vergangenen Jahren zu einem Tummelplatz für Techies entwickelt. Überdies hebt Apple die enge Zusammenarbeit mit Unternehmen wie dem Chiphersteller Infineon, dem Batterieproduzenten Varta und dem Klebstoffspezialisten Delo hervor, die in oder unweit von München sitzen. Professor Dohse verweist zudem auf die Forschung von Autokonzernen zu Künstlicher Intelligenz und autonomem Fahren und auf die Bedeutung der Region als führendes Biotech-Cluster. „Da entstehen Querschnittstechnologien, aus denen sich eine Menge Synergien ergeben könnten.“

Apples Entscheidung für München ist zugleich eine für Deutschland. Der Standortwettbewerb ist global; die Entscheider in den Unternehmen rechnen hart. „In internationalen Innovationsrankings hat Deutschland in den vergangenen Jahren gut abgeschnitten“, weiß Dohse. Eine Rolle könnte auch die aktive deutsche Entwickler-Community gespielt haben, die für Apples App Store bereits über 60.000 Apps erfunden hat. Apple unterstütze in Deutschland so eine Viertelmillion Arbeitsplätze, teilt der Konzern mit.

Für junge Firmen interessant

München wird durch Apples Investition als Tech-Standort weiter an Reputation gewinnen – nicht zuletzt bei aufstrebenden jungen Firmen, die die Nähe zu den Großen suchen. Es ist wie bei einer Party: Man geht dahin, wo etwas los ist. Jüngst verkündete auch das Davoser Weltwirtschaftsforum, an der Isar ein Forschungszentrum für die vierte industrielle Revolution aufzumachen. Zu den Kehrseiten zählen noch weiter steigende Mieten und Immobilienpreise. Für viele Normalverdiener ist München schon heute kaum mehr bezahlbar; gleichwohl bleibt die Stadt im internationalen Vergleich günstiger als andere Top-Standorte wie New York, London oder Singapur.

Kann das „Isar Valley“ bereits mit dem Großraum San Francisco gleichziehen? Ökonom Dohse findet, das Silicon Valley sei dann doch „eine andere Nummer“. Immerhin haben die globalen Tech-Konzerne dort ihren Hauptsitz, das Ökosystem ist größer und kapitalstärker. Dafür gibt es in München andere Pluspunkte, von den Alpen bis zum Oktoberfest. „Alles nicht von Nachteil, wenn es darum geht, Personal zu gewinnen“, sagt Dohse. Oder, wie es Tim Cook ausdrückt: „Es will halt nicht jeder, der eine gute Entwickler-Ausbildung hat, im Silicon Valley wohnen.“

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